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efiegter Fehl ist all' des Menschen Tugend, Und roo kein Kampf, da ist auch keine Macht.
Grillparzer.
Felsgarten.
Roman von Clara Bucker.
(Fortsetzung)
Tauchlitz schloß das Fenster und zog den Vorhang zu. Nichts sehen von der Hölle, nichts empfinden, nichts mehr denken. Er warf sich auf den Divan. Starr, in gelähmtem Bewußtsein lag er, bis der laute Tag da war. Da klopfte es. Er hob den Kopf — sie?
„Herr Landrath, ich bitte, um Gotteswillen!" rief das Mädchen draußen.
Was bedeutet das?
Er stürzte zur Thür. Das Kindermädchen trat ihm verwirrt entgegen.
„Wo ist meine Feau?"
„So wissen der Herr Landrath wirklich nichts? Die gnädige Frau ist weg — abgereist."
„Wohin?"
Er überlegte gar nicht, wie sehr ihn seine Fragen bloßstellten. Er erfuhr auch von dem rathlosen Dienstpersonal nichts Genaues. Dann aber traf ein spottender Brief von der Geflohenen ein. Gestern Abend noch war er, dem Poststempel zufolge, aufgegeben worden. Sie pries seine Erleichterung und wünschte den Kindern Gutes. Nach Schlesien, noch weiter fort von Allem, was sie in ihrem Leben hätte trösten können, ginge sie nicht — kurz, sie schrieb so kalt und herzlos, daß Tauchlitz darüber erstarrte. Als er langsam zu sich kam, hob er wie zum Schwur die Hand: „Verflucht das Weib —"
Er brach ab. Seine Kinder, seine beiden Mädchen, schoben ihm die Dienstboten über die Schwelle.
„Wenn er sie sieht, wird ihm besser werden," hatten sie gemeint.
Verschüchtert von seinem Aussehen standen die Kleinen vor ihm.
Seine Töchter! War der Wahnsinn denn auszudenken, daß das Einzige, Letzte, was ihn an sein Leben fesselte,
sich dem dämonischen Reigen, wie er ihn diese Nacht gesehen, einverleiben würde?
Nein, beim hohen Gott, nein. Mich selbst setze ich daran, euch rein und großdenkend zu erhalten, schwur er, als er sich bewegt zu ihnen neigte und zitternd vom inneren Aufruhr doch zart und liebevoll ihre Händchen faßte.
„Wollt Ihr mir guten Morgen sagen, meine Schäfchen? Das ist schön von Euch, das thut so wohl nach einer bösen Nacht."
Und er küßte gütig, aber mit fieberheißen Lippen ihre kleinen Stirnen.
„Seht Ihr, so ist das Liebhaben. Ihr wißt nicht, was Ihr mir Schönes mit Euch selbst gebracht habt! Einen guten Morgen wünsche ich Euch, für Euren neuen Tag sowohl wie für Euer Leben. Mordet nicht auch!"
Die Kinder hatten sich sanft an ihn gedrängt, jetzt sahen sie betroffen auf.
„Was meinst Du, Papa?"
Tauchlitz besann sich schon,- der lauernde Wahnsinn da hinter der Stirn würde wieder verschwinden, sobald der Schmerz gewichen, die Liebe zu den Beiden ihm wieder Hoffnung und Glauben geschenkt. —
„Du willst gar nichts thun, Julius, Helenen zurückzugewinnen?" fragte Wulffen bekümmert noch am letzten Nachmittag vor Tauchlitz' Abreise nach Schlesien.
„Nein," wehrte er mit Entschiedenheit,, „aus Liebe sie zwingen wollen, das durfte ich/ die Beweggründe aber, die ich jetzt im Innern trage, haben nichts mehr mit meinen früheren Empfindungen ze schaffen. Mag das Gesetz lösen, was sie schon zerrissen hat."
„Julius," bat Frau Wulffen endlich zaghaft, „Du hast es mir schon einmal abgeschlagen, ich bitte trotzdem, laß mir Deine Mädchen. Du bist verbittert, bist eine Einsamkeitsnatur, die unglücklichen Kinder kommen ja um ihre ganze Jugend durch Euch. Sei nicht blind vor Liebe, hörst Du! Laß mir wenigstens Eine, bis Du überzeugt bist, wie ich sie Dir halte."
„Welche?" fragte er nur und sie schwieg betreten.
Tauchlitz lächelte,- in seinem Gesichte war das jetzt ein Weinen, dachte die Freundin.
„Du bist die einzige Frau, die mir den Glauben an Euch immer wieder giebt, Luise, uns ich danke Dir. Aber sieh, ich bin nicht schuldlos an Helenens Untergang, ich hätte ! wenigstens vorher die Einsicht haben müssen von der Verschiedenheit unserer Art. Stillschweigend verlangen wir Männer die Unterwürfigkeit des Anpassens vom Weibe,


