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^EMer nicht von Anfang blieb auf grader Straße, Der könnte Steine wandeln selbst in Brod, J\P* Man glaubt ihm nicht. — Die Meinung hat verloren, Wer seine Meinung einmal abgeschworen.
Gutzkow.
Das Fräulein.
Roman von E. Ve ly.
(Fortsetzung.)
Sie hatte ihre Schimmel anspannen lassen und war durch den Thiergarten gefahren- es war Thauwetter, von den Bäumen tropfte es hernieder, einförmig — man konnte zählen: huck, huck! Große Wasserlachen standen überall, zuweilen spritzte es auf, pfui, ein häßlicher Fleck war durch das offene Wagenfenster auf ihren Plüschmantel gekommen. Dann ließ sie die Richtung nach der Stadt einschlagen.
Sie hatte es ja so gewollt, und es mußte gut sein — sie war die Frau eines unendlich reichen Mannes, der nie ihre Ausgaben controlirte, die Schwiegertochter eines Krösus, der sie mit Geschenken überhäufte, das sollte plötzlich nicht Alles, nicht genug sein?
Ihr Mann hatte freilich nicht eine Mark des großen Vermögens selber erworben, — aber trat die hohe Aristokratie nicht auch so ihre Erbrechte an? Wie lächerlich, wenn sie zuweilen dachte, sie würde sich mehr für ehrliche Arbeit und daraus resultirende Schöpfungen interessiren können, als für seine Ställe und die Pferde, welche er laufen ließ, und die Sportgespräche, welche sie um sich hörte.
Der alte Johann Conrad Lund hatte ihnen vor drei Jahren das Rittergut Delkow übergeben — sie waren zwei Mal, sechs Wochen draußen gewesen, hatten das alte Schloß mit einer Menge Besuch bevölkert und waren im letzten Sommer gar nicht hinausgegangen. Sie hatten Beide kein Talent fürs Landleben in sich — diese Entdeckung war das Einzige, was sie wieder in die Stadt brachten und achselzuckend eingestanden. Sie stieg bei ihrer Modistin ab und mußte sich wieder ärgern. Da war nichts, was sie kleidete, kein neuer Gedanke, keine Farbe, die man zuerst einsühren konnte.
Sie gab unwillig den Befehl, schneller zu fahren, als
sie wieder einstieg. Der Diener übermittelte ihn dem Kutscher, der wippte mit seiner Peitsche durch die Luft.
„Noch schneller? — was Unsereinem zugemuthet wird." „Dafür und dadrum!" sagte Walter, die Arme übereinander legend, mit einer außerordentlich weisen Miene über die Köpfe der Passanten hinwegsehend. „Ich, meinerseits, ich lasse es auch gern drunter und drüber gehen."
Ebba Lund grollte in ihrer Ecke. Sie hatte sich heute nicht von Fräulein von Arabin begleiten lassen wollen — das gemessene, stets selbstbeherrschte Wesen würde sie in dieser Laune beschämt haben. Seit den zwei Monaten, in welchen sie Hausgenossin in der Villa Lund geworden, iöchc sie geräuschlos, znverlässig, immer das gleiche, stille Gesicht zeigend, kommend und verschwindend, wie ein schwarzer Schatten — bald nur Folie, dann nutzbar dienstwillig. Die Apfelschimmel rasten nur schnell dahin, an Gegenständen und Menschen vorüber — ah, sie waren Ebba alle so gleich- giltig, die, welche geputzt dahinwanderten, und jene, welche sich scheu vorüberdrückten. Sie hatte kein Herz für die Armuth- gewissenhaft zeichnete sie zwar große Summen zu wohlthätigen Zwecken, weil sie Andere dasselbe thun sah. Die Bedürftigen sprechen machen, die Verwahrlosten aufsuchen, daran dachte sie nicht.
Eine Anstauung vieler Fuhrwerke und Fußgänger bei dem Fahren um eine Ecke der Friedrichsstraße — da klingelten Pferdebahnwagen, da eilten erschreckte Passanten in der Bestürzung in verkehrter Richtung davon — da — ein Schrei — ein Stoß ihres Wagens, ein wildes Zurufen an ihren Kutscher — ein Ruck — Sie bog den Kopf aus dem Fenster.
„Ein Kind! — ein Junge! — Ueberfahren!" schrie man durcheinander. Weiberstimmen kreischten mitleidsvoll ans.
„Wo? Was ist ihm passirt? Er blutet!"
Um dem Wagen herum ballte sich ein dichter Knäuel von Menschen. Rechts und links stockte der Verkehr, die Menge wuchs im Umsehen zu Hunderten an.
Ein Weib reckte den Arm nach Ebba aus, so daß sie betroffen den Kopf zurückzog.;
„Ne Sünde un Schande — seht mal, die sitzt da auf den weichen Kissen — ne seht man blos mal, als ob nichts vorgefallen !s!"
„Natürlich, einer auf Gummi!"
Geballte Fäuste hoben sich drohend gegen den Kutscher. „Du — warte, das war kein Fahren, das war Rasen!" schrieen Männer aus dem Volke. „Schutzmann! — wo is der Schutzmann? — aufschreiben — bestrafen."


