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veranlaßt fühlen, der Nachtschwalbe (dummerweise auch Ziegenmelker genannt) ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken und ihren Schulkindern das nützliche Thun und Treiben derselben im Haushalte der Natur zum Bewußtsein zu bringen.
Gießen, im März 1898.
H. Curschmann, Lehrer i. P.
Ein smarter Kerl.*)
Eine Episode aus der Praxis eines amerikanischen Advocaten von Christian Benkard.
Rechtsanwalt Tatterfall zu Kansas City lag, hemdärmlich und die Füße auf dem Schreibtisch, in einem Schaukelstuhle und wartete auf Kundschaft.
Da trat, von dem Neger hereingewiesen, General Steeler bet ihm ein, ein Mann in den besten Jahren, der einmal General-Agent irgend einer Versicherungsgesellschaft gewesen und späterhin als Bankcassirer den Agenten abgestreift, den Titel „General" aber beibehalten hatte. Er schob ein Stück Tabak zwischen die Zähne, kaute es durch und sprach dann gelassen: „Meine Casse stimmt nicht, cs fehlen 50,000 Dollars und übermorgen ist Revision. Da ich wegen einer solchen Lumperei weder eingesteckt werden, noch flüchtig gehen will, frage ich Sie, was da zu thun ist?"
Mister Tatterfall setzte überlegend seinen Schaukelstuhl in etwas stärkere Schwingungen und fragte nach einer Weile: „50,000 Dollars?"
„Jawohl."
Der Advocat erhob sich, durchmaß sein Osfici mit langen Schritten und fragte dann weiter: „Können Sie Ihrer Casie noch einmal 50,000 Dollars entnehmen?"
J think so — Ich denke, es geht. Allein übermorgen —"
„Die Kassenrevision hat nichts auf sich," unterbrach ihn Mister Tatterfall. „Gehen Sie und bringen Sie mir 50,000 Dollars hierher, das weitere wird sich finden."
General Steeler n'ckte und ging, wie gewohnt, seines Amtes zu walten. Nach Geschäftsschluß brachte er seinem Rechtsbeistande die verlangte Summe.
„Well, jetzt wollen wir die Sache schon kriegen," meinte der Empfänger. Er schloß die Banknoten in sein Pult, den Cassirer aber in ein entlegenes Zimmer ein, dann setzte er sich vor seine Schreibmaschine und klapperte folgenden, an den Dircctor der betreffenden Bank gerichteten Brief herunter:
Lieber Herr!
Eine Revision Ihrer Caffe wird Sie überzeugen, daß in derselben 100,000 Dollars fehlen.
Damit der achtbare Name Ihres Cassirers nicht ins Gerede komme, ist dessen Familie bereit, den vierten Theil des Verlustes zu ersetzen, vorausgesetzt, daß Sie über die ganze Summe quittircn und die Sache todtschweigen. Im Weigerungsfälle werden Sie weder den wohlgeborgen Cassirer noch einen Cent des Geldes wieder zu sehen die Freude haben.
Ich bitte um Ihre baldgefällige Rückäußerung und empfehle mich Ihnen zur notariellen Beglaubigung Ihrer Unterschrift.
Ihr getreuer Henry G. Tatterfall.
Am nächsten Morgen revidirte der Bankdirector sofort die Caffe und berief schleunigst den Aussichtsrath zu einer Besprechung. Die Herren fluchten ein Weilchen, sagten sich aber dann: besser 25,000 Dollars als Nichts außer der
*) Aus dem „Praktischen Wegweiser," Würzburg, einer vielseitigen Familienzeitschrist, die Jedermann zu einem Probe-Abonnement (30 Pfennig vierteljährlich) empfohlen werden kann.
Blamage, daß dergleichen bei uns vorkommen kann. Quittirerr wir also!
Mister Tatterfall strich für die Beglaubigung der Unterschriften 20 Dollars ein, entließ seinen Freund Steeler aus der Haft und überreichte ihm das I vcument. Der General las cs und nickte- da er sich dann nicht sofort empfahl, fragte ihn der Advocat: „Was wollen Sie dann noch?"
„12,000 Dollars. Die bei dem Geschäft erübrigten 25,000 Dollars theiltcn wir doch natürlich."
Mister Tatterfall zuckte bedauernd die Achseln, indem er antwortete: „Geht nicht, mein Lieber- geht mit dem besten Willen nicht. Bedenken Sie die schlechten Zeiten und wie- sehr ich mich um das bischen Honorar plagen muß. — Leben Sie wohl, General, und grüßen Sie Ihre Frau von mir." —
Steeler ging in der That leer aus, er gedachte aber,, es seinem seitherigen zweiten Freunde baldigst zu „besorgen". Eine günstige Gelegenheit hierzu schien sich ihm schon nach ein paar Wochen zu bieten, als Mister Tatterfall durch das Vertrauen seiner Mitbürger in die Stadtverwaltung berufen werden sollte. Mit einem waren Feuereifer zog der General gegen den Advocaten zu Felde- alles Andere nicht verfangen wollte, rief er in der Haupt-Wählerversammlung aus: „Tatterfall ist ein Hallunke!" und nun erzählte er die vorstehende Geschichte haarklein, nur verschwieg er, daß er selbst bei der Affaire betheiligt gewesen.
Die Zuhörer lauschten gespannt. Als Steeler geendet: hatte, erhob sich ein Gemurmel im Saale, das immer stärker anschwoll, bis alle Stimmen sich einten in dem Rufer „Hallunke oder nicht Hallunke, Tatterfall ist ein smarter Kerl - den wählen wir!"
Zweifelhafte Tugend. A.: „Macht Ihnen der Teckel Spaß, den Sie geschenkt bekommen haben?" — B.: „O ja; der Teckel hat nur einen einzigen Fehler: er ist nämlich in Folge einer verkehrten Erziehung straßenreiu geworden."
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Aus der Praxis eines modernen Arztes. Junge Doctorgattin: „Nun, war endlich heut' während Deiner Sprechstunden Jemand da?" — Er: „Jawohl, der Schuster hat seine Rechnung eincassirt."
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Gelegenheit. Junge Frau: „Glaubst Du an Träume, mein Ferdinand?" — Gatte: „Niemals, Du Närrchen!" — Junge Frau: „Das freut mich - ich träumte, einen Hut kaufen zu wollen und Du, Barbar, schlugst es mir rundweg ab."
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Gut geantwortet. Wirth: „Sie waren heut mit dem Beefsteak nicht zufrieden, Herr Doctor?" — Gast: „Gar nicht, so schlecht kocht nicht einmal meine Frau."
Mahnwort an die Kinder, die entlassen werden.
(Aus dem Nachlasse meines seligen Baters.)
Auf dem gefahrvollen Ocean des Lebens hat sich dem schwankenden Geist einzig die Richtung bewährt: Denke mit Ehrfurcht stets an Gott, an die Menschen mit Liebe und mit Ernst an die Pflicht! Laß cs dann gehen, wie cs will, mein Kind. Sind auch die Menschen nicht treu, so bleibt es der innere Gott Dir, und aus den Dornen der Pflicht erblühen ■ Dir Rosen des Heils!
\ Köln. Käthe Rosbach, Hauptlehrerin.
Redaction: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfitStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


