Ausgabe 
3.5.1898
 
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Das Gesicht des Knaben, welches sie nur im Profil sah, war blaß und schmerzverzogen, seine Kleidung ärmlich, sie meinte den muffigen Geruch einer Dachstube oder einer Kellerwohnung zu verspüren den Armeleutegeruch.

Sie wandten sich einer Gegend zu, in dem elegante Wagen seltener zu erblicken sind, sie würde auch nicht ge­wünscht haben, daß man sie so sähe. Sie hob die Füße vom Boden, sie stützenlos einen Zoll von demselben haltend, sie drückte sich in die Ecke, um die Entfernungen zwischen sich und ihrem Gegenüber zu vergrößern.

Gnädige Frau ich bitte Sie um Ihr Taschentuch," sagte der Doctor plötzlich. Und halb zornig faßte sie in die Tasche und holte es hervor.

Wollen Sie es compressenartig zusammenlegen ich habe die Hände nicht frei so bitte nun das nasse fort "

Sie stieß erst einen Laut aus, als wolle sie gegen diesezZumuthung protestiren, dann faßte sie mit den behand­schuhten Fingern vorsichtig ein weißgebliebenes Fleckchen und zog es herab.

,OH!"

Als sie die klaffende Wunde zugedeckt, schloß sie eine Secunde die Augen, dann fragte sie leise:Ist das gefährlich?"

Der Arzt zog die Brauen zusammen.Die Erschütterug des Gehirns fürchte ich mehr.

Wieder flog der Wagen eine Weile vorwärts, dann sagte Ebba:Wo sind oder waren die Angehörigen?"

Des Jungen?" Ein leichter Spott zuckte um die Mundwinkel des ihr Gegenübersitzenden.Oh, gnädige Frau, die Kleidung des armen Burschen wird Ihnen schon sagen, daß er nicht zu jener Menschenklasse gehört, die ihre Kinder mit einem Fräulein oder Lehrer auf den Spaziergang schickt. Er ist eben, wie so viele Andere, über die Straße gelaufen' ziellos oder gesandt. Die Mutter wird in Arbeit an Ende der Stadt sein, der Vater, wenn er einen solchen hat, am anderen. Ich habe mich dem Schutzmann gegenüber legitimirt wenn der Junge zu sich kommt, Sie sehen, er giebt bereits Zeichen davon, wird man im Krankenhause fragen und die Eltern benachrichtigen. Genügt es nicht, oder kann er nicht reden, muß der Polizeibertcht dafür zu sorgen, daß jene erfahren, was mit ihrem Kinde geschehen ist."

Ein leises Stöhnen klang von den Lippen des kleinen Verwundeten, der ungefähr sechs Jahre zählen konnte.

Ebba schauderte.

Wollen Sie den Mantelkragen da einmalzurückschlagen, gnädige Frau?"

Sie gehorchte wieder mechanisch: die Stimme des Arztes war von seltener Tiefe, das fiel ihr auf.

Nun war das große Gebäude erreicht der Wagen bog nach dem Portal zu ein wie ein befreiender Laut drang es aus ihrer Brust, da traf sie der Blick des Doctors, und blitzschnell senkte sie die langen Wimpern. Der Diener sprang ab, der Portier drüben eilte herbei.

Ebba hielt ihre Börse hoch.Herr Doctor, wenn damit vorläufig etwas gethan ist."

Er wehrte mit eisiger Höflichkeit ab.Einstweilen wird das Kind versorgt und das Weitere -- können Sie ja dann veranlassen, wenn Sie wollen nämlich, wenn Sie Interesse haben sollten, wie es dem Kleinen, der durch Ihre Equipage verunglückte, ergeht."

Sie stieg aus, um ihm mit seiner Bürde den Weg freizumachen.

Ich bin Frau Ebba Lund!" sagte sie kleinlaut, fast demüthig.

Das weiß ich, gnädige Frau aus den Premieren!"

Es war das eine Bemerkung, wie sie sie oft hörte, diesmal lag für sie etwas Anklagendes darin.

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn zurück­halten.

Und Ihr Name, Herr Doctor? Ich wüßte

Ne, erst man ein Arzt" j

Ebba faßte nach ihrem Geldtäschen, wenn etwas f zu bezahlen war, das war schnell geschehen. Daß man sie nicht weiter ließ, daß sie hier halten bleiben mußte in diesem Menschenhaufen mit all den sie neugierig und frech und drohend anstarrenden Gesichtern, war ihr schrecklich.

Walter," rief sie dem Diener zu, den man gezwungen hatte, seinen Sitz auf dem Bock zu verlassen.Geben Sie Auskunft über Ihre Herrschaft und dann fort."

Ja, fort, das is man nich so leicht," höhnte ein Arbeiter, die Hände in den Hosentaschen, das Gesicht vom Schnaps geröthet, der Fuselduft drang durch das Fenster zu ihr herein.

Wenn's mein Junge wäre," schrie das grobknochige Weib, das einen Korb hin- und herschlenkerte,raus risse ich die Person."

Is er tobt?" fragten Andere.

Ein Kind von armen Leuten wie? Unbeaufsichtigt?'

Ebba hüllte sich, als könne sie sich dadurch unsichtbar machen, fester in ihren Mantel. Wie roh das Volk war!

Na, da is ja ein Arzt."

Ein hochgewachsener Mann hatte mit "beiden Armen die Menge getheilt, welcher sich um den Verunglückten drängte und die nun murmelnd auseinander wich. Ein Schutzmann stellte sich an den Wagen, um an die Insassin desselben einige Fragen zu richten.

Fragen Sie die Dienerschaft- ich habe nichts gesehen und gehört als daß man mich hier unnütz am Weiter­kommen hindert," sagte Ebba Lund hochmüthig. Der Mann, welcher eben noch dem Volke barsche Weisungen ertheilte, gehorchte diensteifrig.

Drüben war die erste flüchtige Untersuchung vorüber, der Arzt nahm mit Hilfe der Anderen das ohnmächtige Kind auf den Arm und gab dem Schutzmann, zu welchem noch ein zweiter getreten, Auskunft über sich selber.

Der Mann legte grüßend die Hand an die Pickelhaube.

Alles in Ordnung, Herr Doctor!"

Aber nun schnell einen Wagen, Ihr Leute, wir müssen direct in die Klinik!"

Herr Jeses," meinte eine rundliche Frau, auf die noch immer haltende Equipage deutend,die wäre doch wohl die nächste dazu"

Die Meisten waren neugierig und rührten sich nicht vom Platze.

Ein Wagen!"

Der Ruf pflanzte sich brausend fort, aber so schnell als wünschenswcrth schien man kein Gefährt zu finden. Da richteten sich auch die Augen des Arztes auf das herr­schaftliche Fuhrwerk, welches das Unglück verursacht hatte, auf das Gesicht der blonden Dame am Schlage und mit wenigen Schritten hatte er sie erreicht.

Die gnädige Fran gestattet gewiß eine gewöhnliche Droschke gelangt nicht so schnell hin und erschüttert mehr" Diensteifrige Hände rissen den Wagen auf, und er nahm mit seiner Bürde ihr gegenüber Platz.In die Charit«."

Sie hatte nicht antworten können, sie blieb jetzt vor Staunen stumm. Der Diener kletterte auf seinen Platz, der Schutzmann hatte die nöthigen Notizen, die Pferde zogen an.

Na, das is doch menschlich!" hörte sie im Abfahren die Menge sagen.

I wo, nich mehr als Schuldigkeit"

Der Arzt bettete den Knaben möglichst bequem auf seinen Schooß, den Kopf gegen feine Brust lehnend. Die schmutzigen Füße des :Bengels" lagen auf Ebbas Mantel oh, und dort, über den Arm des Arztes tropfte es Blut, hinunter auf die Atlaskiffen ihres Wagens, auf den schönen Teppich, welcher den Boden deckte. Es drang un­aufhaltsam durch das Leintuch, welches der Arzt um die Schläfe gelegt, wo die Hauptwunde zu sein schien- Wenn das noch lange dauerte, so wurde Alles ruinirt.