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„Oho, das wird ja immer bester. Sie wollen die Leute, die mein Brod effen, gegen mich aufwiegeln."
„Sie wissen recht gut, daß wir auf dem Boden des Gesetzes stehen."
„Ich weiche nur der Gewalt."
Er machte eine Bewegung, als wolle er nach dem Fenster stürmen. Kuhls gab seinem Gefährten einen Wink und ehe Göbener es sich versah, waren ihm die Hände gefesselt.
Er brüllte auf wie ein gereizter Stier und suchte, freilich vergeblich, sich der Handschellen zu entledigen.
„Sagen Sie mir wenigstens, weshalb Sie mich so unerhört behandeln!" stieß er, mit den Füßen den Boden stampfend, hinzu.
„Sie werden das selbst am besten wissen," sagte Kuhls, der seine volle Gelassenheit bewahrte, „außerdem werden Sie es vor dem Richter erfahren."
„Thun Sie, was Sie wollen, Sie bringen mich nicht fort, bevor ich weiß, was ich eigentlich begangen haben soll," beharrte Göbener.
„Sie sollten nicht so begierig sein, es zu hören, wenn Sie aber darauf bestehen, mögen Sie es erfahren: Sie werben verhaftet unter der Anklage, Anna Holten in den Paddenteich gestürzt zu haben, um sich in den Besitz der großen Summe, mit welcher Sie ihr Leben versichert hatten, zu setzen."
Göbener ward bleich und zuckte zusammen, schlug aber sofort ein höhnisches Gelächter auf, in das sich ein lauter, gellender Angstruf mischte.
Frau Büttner war geräuschlos eingetreten, hatte die Worte des Beamten gehört, ein paar Minuten wie erstarrt gestanden und dann diesen Schrei ausgestoßen. Nun stürzte sie vorwärts und brachte mühsam hervor, denn ihre Zähne schlugen klappernd aneinander:
„Was geht hier vor? Meine Herren, sagen Sie mir — Vater ich —"
Sie stockte, ihr Blick war auf Göbeners Hände gefallen und blieb voll Entsetzen daran hängen.
„Ja, ja, wundere Dich nur, wie man mit Deinem Vater umgeht!" rief Göbener. „Komm her und nimm mir die verfluchten Dinger ab. Steh nicht da und sperre das Maul auf!" Er sprach wieder in seinem herrischen Ton.
Die Tochter rührte sich nicht, trotzdem trat Kuhls zwischen sie und den Amtmann und sagte:
„Ich warne Sie, Frau Bütter, sich einer so ungesetzlichen Handlung schuldig zu machen. Seien Sie uns lieber behilflich, Ihren Vater zu bestimmen, daß er uns folgt, wir möchten gern alles unnöthige Aufsehen vermeiden."
„Vater, Vater! Ist es denn wahr!" unterbrach ihn laut aufschluchzend die junge Frau. „Sage, daß eö nicht wahr ist, sage —"
Sein Gesicht verzerrte sich.
„Dein Geflenne gefällt mir gerade noch! Mache, daß Du hinaus kommst!"
Der Wagen, in welchem die Beamten angekommen waren, fuhr jetzt auf den Hof, der Kutscher hatte schon vorher den Befehl erhalten, anzuspannen, sobald der Amtmann Göbener zurückgekehrt sein würde.
„Nun vorwärts," sagte Kuhls barsch, „jetzt habe ich lange genug Geduld und Nachsicht walten lassen, nun wird es aber Ernst. Frau Büttner, wenn Sie doch Ihrem Vater einen Mantel und einen Hut holen wollten, was er sonst an Wäsche und Kleidungsstücke braucht, kann nachgeschickt werden."
Die junge Frau entfernte sich schweigend, kehrte nach wenigen Minuten zurück und brachte das Verlangte. Sie wollte dem Vater den Mantel um die Schultern hängen, der Beamte mußte ihr aber zu Hilfe kommen, denn jener stieß mit dem Fuße nach ihr.
„Kannst die Zeit nicht erwarten, daß sie Deinen Vater sortschleppen, bist eben so schlecht wie Deine Schwester in
FuchSberg und Dein Bruder!" tobte er. „Ihr Alle seid nicht werth —"
Die Stimme erstarb in einem heiseren Wuthgeheul, denn beide Beamten hatten ihn jetzt jeder bei einer Schuller gepackt und schleppten ihn trotz seines Sträubens zur TMr hinaus und auf den Hof. ।
Weinend folgte die Tochter.
„So geben Sie doch Ihren Leuten kein Schauspiel!"
raunte ihm Kuhls zu. „Es hilft Ihnen ja doch nichts." ,
Die Mahnung war in den Wind gesprochen, denn es
kostete große Mühe, den Gefangenen in den Wagen zn bringe«. Er schien darauf zu rechnen, daß die Knechte, welche sich zur Vesperpause im Hause befanden und sammt den Mägden und Taglöhnern auf den Lärm nach dem Hof geeilt waren, ihm zu Hilfe kommen würden. Er sah sich getäuscht. Die Leute standen mit unterschlagenen Armen und ausgeriffenen Mäulern und sahen dem Schauspiel unthätig zu. Hätten die Beamten sie aufgefordert, mit Hand anzulegen, wer weiß, was geschehen wäre.
Sie thaten es nicht, sondern suchten allein fertig zu werden, und es gelang ihnen. Göbener sah doch endlich ein, wie nutzlos jeder Widerstand sei und gab ihn auf. Kuhls stieg zu ihm in den verdeckten Wagen, der andere Beamte machte den Schlag zu und schwang sich zu dem Kutscher auf den Bock- der Wagen beschrieb auf dem Hof einen Bogen und rollte dann aus dem Hofthor.
Ein paar Minuten standen die Leute und sahen verdutzt und schweigend dem Wagen nach, dann erhob sich aber em lautes, vielstimmiges Durcheinander. Einer wollte immer bester wiffen als der Andere, was dieser Auftritt zu bedeuten habe, man erzählte sich die widersinnigsten Dinge, alle überschrie jedoch Krischan mit den Worten:
„Ach, Ihr wißt es ja Alle nicht recht. Der Alte hat das Fräulein in den Teich gestoßen und ihr den Papagei nachgeschmiffen, das hat mir der Kutscher, der das Gericht hergefahren hat, erzählt!"
Wieder erhob sich ein lautes, wirres Durcheinander, durch welches Frau Büttner, die immer noch wie betäubt auf der Stelle stand, von wo aus sie dem Wagen nachgeschaut hatte, einen Jammerruf zu vernehmen glaubte.
Ein Blick in die Höhe belehrte sie darüber, daß im oberen Stockwerk, in dem Krankenzimmer ihrer Mutter, das Fenster noch offen stand, das sie selbst geöffnet hatte, um der schönen, sonndurchwärmteu Lust Eingang zu verschaffe«.
Mit einem Satz war sie im Hause und flog die Treppe hinauf.
Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt.
Die arme, alte Frau mochte den Lärm auf dem Hofe gehört und auch einzelne Worte verstanden haben. In ihrer Angst hatte sie sich aus dem Bette und bis an das offen- stehende Fenster geschleppt, wo sie zusammengebrochen war.
Unfähig, sich zu rühren, lag sie am Boden, aber dar Bewußtsein hatte sie nicht verkästen. Mit starren, verglasten Augen blickte sie der Tochter entgegen und stammelte:
„Doris, Doris — die Sünde! Die Schmach!"
„Glaub's nicht, Mutter," redete ihr die Tochter zu, während sie mit beiden Armen sie umfaßte und die nicht allzu schwere Bürde auf ihr Lager zurücktrug- es erschien ihr in diesem Augenblicke ganz unmöglich, einen von jenen Leuten, welche ihre Schadenfreude über das Geschehene nicht verhehlten, zu ihrem Beistand herbeizurufen.
„Es ist wahr!" murmelte Frau Göbener, bett Hals der Tochter umklammernd und ihren eiskalten Mund an deren Ohr nähernd. „Ich habe es gewußt."
„Du hast es gewußt!" schrie Frau Büttner und ließ vor Schreck ihre Last ganz unsanft auf das Bett fallen. —
„Ich wußte, daß Anna nicht in's Master gefallen war, — ich — ich dachte, sie wär' hineingegangen, weil Adolf —" erwiderte Frau Göbener mit immer schwächer werdender Stimme.


