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Grsschen verausgabt waren. Sein ober Nichtsein in der Börse war in dieser Beziehung keine Frage mehr, sondern da« völlige Nichtsein zur unabweisbaren Thatsache geworden. Die an die Mutter in Schwarzenbach geschriebenen „Brandbriefe" waren bis jetzt ohne Erfolg geblieben- das „Geldschiff" war immer noch nicht in Sicht.
Die Professoren pflegten armen Studenten die Vorlesungen zu „stunden," aber ZahnauSziehen „auf Stundung" würde unmöglich sein. In dieser Lage fand sich ein theil- nehmender Freund, der kurz vor dem Monatsersten noch vier Groschen hatte. Nun schleunigst damit nach der Reichsstraße und zum Barbier, dessen Frau auch gleich hinter dem Marterstuhle erschin, um Richter den Kopf zu halten.
Aus Leipzig gebürtig, hatte sich Edmund Köhler — so hieß der Barbier —, erst kürzlich dort seßhaft gemacht, nachdem er seine aus Großenhain stammende Frau heimgeführt. Sie waren fleißig, das Geschäft ernährte sie, und bei ihren mäßigen Ansprüchen konnten sie hoffen, daß sie „einen Spargroschen" für die Zukunft erübrigen würden. Köhlers Gehilfe besorgte die auswärtige Kundschaft, während er die in seine Stube kommenden Kunden bediente, wobei seine Frau ihm zur Hand ging.
Ein kräftiger Ruck, und der böse Zahn war entfernt. Dir Frau zog ihre Hände von Richters Stirn, wischte ihm die Schweißtropfen ab und führte ihn, da er ihr gar zu matt erschien, hinter einen Vorhang, wo sich der Wohnraum befand. Dort ließ er sich nieder, die Ruhe behagte ihm. Ein Gespräch kam in Gang, doch der Frau fiel es auf, daß seine Bläffe nicht weichen wollte, und es kam ihr der Gedanke, Essen und Trinken möchte ihm zur Kräftigung nöthig sein. Ohne ihn erst zu fragen, holte sie Zwiebelwurst und Schwarzbrot, rief dann ihren Mann, der eine Flasche Danziger Goldwafser anbrachte. Ein so armer Student und keinen Hunger haben? Er konnte zu jeder Tageszeit »ffen, denn sein auf das „Geldschiff" wartender Speisewirth setzte ihm überdies nur kleine Portionen vor. Er griff also gleich zu, aß und trank tüchtig, wurde beredt, und bald wußten die guten Leute seine ganze Lebensgeschichte: daß er in Wunsiedel 1763 geboren, daß seine Mutter eine Predigers- wittwe in Schwarzenbach war und er in Hof die Schule besucht hatte, daß er vor einem Jahre nach Leipzig gekommen war, um Theologie zu studiren. Er war arm, sehr arm! Die Mutter schickte ibm Geld, so oft sie nur konnte - wenn aber nicht bald wieder eine Sendung käme — dann freilich, dann —!
Ein in den Laden tretender Kunde rief Köhler in diesem Augenblick ab. Die Frau ging ihm nach und flüsterte ihm zu: „Wenn der Student bezahlen will, dann nimmst Du nichts." — „Das," sagte er ihr, „hab ich mir auch schon gedacht."
Richter that zwar, als ob er diese Güte nicht an» nehmen könnte, aber im Grunde seines Herzens war er Über die ersparten vier Groschen sehr froh. Köhlers Einladung, ihn öfter zu besuchen, beglückte ihn noch mehr, und so entstand allmählich eine Freundschaft, die ihm trefflich zu statten kam. Die guten Leute theilten seine Freuden und Sorgen - waS ihn hoffnungsvoll erfüllte und schmerzlich bewegte, theilte er ihnen mit, und manch liebes Mal deckten sie auch für ihn den Tisch. Auf die an die Mutter gerichteten Brandbriefe hatte sie ihm acht Thaler geschickt- die Summe war groß genug, um den Gläubigern fürs erste den Mund zu stopfen. Nun aber durfte er, wie er Köhlers erzählte, der Mutter mit solcher Bitte „vorläufig nicht wieder in den Ohren liegen," und um eine für ihn auskömmliche Einnahme zu erzielen, war er mit einer litterarischen Arbeit beschäftigt. Es war sein in der Literaturgeschichte als Erstlingswerk verzeichnetes Buch: „Grönländische Prozesse. Bon Jean Paul," wie sich Richter mit Benutzung seiner zwei ersten Vornamen als Schriftsteller nannte. Bevor er
aber einen Verleger dafiir gewann, ward ihm noch manche trübe Erfahrung, manch' bittere Stunde bereitet. Endlich fand sich ein einsichtsvoller Mann, der Buchhändler Voß, ein Freund Lessings und Hippels, der den Verlag des Merkchens übernahm. Er zahlte dem Autor fünfzehn Louisdor Honorar und bestellte einen zweiten Theil.
Und Richter? Er lief vor Entzücken ins Freie und weinte. Seine Gläubiger erhielten ihr Geld, und er meinte dabei. Er umarmte Köhlers und weinte seine Freude an ihrem Herzen aus. So löste sich sein Jubel überall in Wonnethränen auf. Nun war er reich, konnte das trockene Brotftudium ganz aufgeben und fortan als Schriftsteller leben. Er konnte die Mutter unterstützen, Köhlers beschenken, ein Sommerhäuschen im Köruerschen Garten zur Wohnung miethen, neumodisch gekleidet gehen und im Gasthof zum blauen Stern, wie andere Schöngeister, zu Mittag essen.
Das that er denn auch - bei solchem Leben war es jedoch kein Wunder, daß fünfzehn Louisdor nicht sehr lange reichten. Was schadete das? Der zweite Theil wurde geschrieben, die gleiche Summe dafür gezahlt, und die Börse war wieder voll. Köhlers baten ihn dringend, die Geschenke zu unterlassen, doch auf ihre Warnung vor Verschwendung hörte er nicht. Um hinreichend Geld zu haben, brauchte er nur zu schreiben, und so entstand ein drittes, ein viertes Buch. Doch Voß und auch andere Buchhändler lehnten den Verlag derselben diesmal ab, und der Verfasser hatte das Gefühl, als ob er aus einem schönen Traume wieder zur rauhesten Wirklichkeit erwachte. Ach, ihr blanken Goldstücke, „sagt, wo seid ihr hingerathen?" Da gab es wieder Verlegenheiten, neue Schulden und Gläubiger, die bald noch viel störender als früher mahnten und drängten, und die Sorgen wurden größer, die Noth „sah schon wieder durchs Schlüsselloch" ....
Das mochte ein Anderer ertragen, unser Richter hielt es nicht länger mehr aus. Was geschah? Sein Freund Oerthel brachte „bei Pontius und Pilatus" so viel zusammen, um für Richter einen Platz in der Post zu bezahlen. Von Köhlers Abschied nehmen? Im beschämenden Gefühle, auf ihre Warnungen nicht gehört zu haben, schied er ohne Lebewohl. An einem trüben Novemberabend 1784 trug Oerthel seinen Koffer vors Thor hinaus. Er folgte mit falschem Zopfe und tief in die Stirn gedrücktem Hute, um unkenntlich zu erscheinen, und als der Postwagen vorüber kam, sprang er rasch hinein und — entfloh.
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Vierzehn Jahre später schallte es wie ein einziger Freudenruf durch Leipzig: Jean Paul kommt an! Der berühmte Verfasser der „unsichtbaren Loge," des „HesperuS," „Quintus Fixlein," „Jubelsenior" und „Kampaner ThaleS" wird Leipzig mit feiner Gegenwart beehren! — Er kam mit Extrapost, wohnte in dem vornehmsten Hotel, und der erste Marqueur bediente ihn ganz allein. Seine Thür „stand vom Morgen bis zum Abend nicht still". Buchhändler kamen, um fein neuestes Werk für ihren Verlag zu erbitten - Kaufleute erschienen, um ihn zu einem Gastmahl zu laden. Damen nahten mit ihren Stammbüchern, in die sich der „Göttliche" einschreiben sollte, und Logenbrüder baten um die Ehre, den „weltberühmten" Bruder zu einem Liebesmahl zu führen. (Schluß folgt.)
Hriniovistifches.
Eine neue Krankheit Mutter: „Nun: fei artig und setz' Dich ordentlich." — Der kleine Paul (Der in der Schule Prügel bekommen hat): „Ach, Mama ich habe solch Popodagra."
Sibactieti: 8L Echeyda. — Druck und Berlaz der Brühl'scheu UuiverfitätS-Buch» und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


