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halt seiner Unterredung mit Stephan Holten mittheilen zu sollen. Ganz gegen seine Gewohnheit, Unangenehmes ohne Säumen abzuthun, schob er den Zeitpunkt dafür wenigstens noch auf Stunden hinaus.
Die Zärtlichkeit für das einzige Kind war die schwächste Seite im Wesen des sonst so zielbewußten, willenskräftigen Mannes. Er glaubte es sich selbst, wie ihrem künftigen Wohl schuldig zu sein, der Bewerbung des Doctor Holten mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten und fürchtete sich doch mehr als er sich selbst eingestehen mochte vor ihrem traurigen Gesichte, ihren Bitten und ihren Thränen. Wußte er doch nur zu gut, welche Macht sie über ihn besaß und wie ost sie gegen seine bessere Einsicht etwas von ihm erschmeichelt und erbettelt hatte.
„Das waren immer Dinge untergeordneter Natur, auf welche es doch nicht so viel ankam, jetzt, wo es sich um eine ernste entscheidende Lebensfrage handelt, werde ich fest bleiben/' gelobte er sich, während er eine Cigarre anzündete und vor seinem Schreibtisch Platz nahm.
Er breitete eine Anzahl von Papieren vor sich aus und schickte sich an, die Kostenrechnung für den Bau eines neuen Schafstalles, der im Laufe des Sommers auf dem unfern des Schlosses liegenden großen Wirthschaftshof aufgeführt war, durchzusehen. Aber so übersichtlich der junge Maurermeister in Greifswald, der den Bau geleitet, die Aufstellung gemacht hatte, und so geübt der Amtsrath in solchen Dingen war, wollte ihm die Arbeit heute nicht gelingen. Er irrte sich mehrfach in seinen Berechnungen, verwechselte einzelne Posten, und gestand sich endlich ein, daß er nicht bei der Sache sei. Unmuthig schob er die Papiere zurück, warf die Cigarre, die ihm schon ein paar Mal ausgegangen und von ihm erfolglos wieder angezündet war, in den Aschbecher, stand auf und ging durch die ganze Länge der Zimmers nach dem Fenster.
Obwohl der October noch sehr schöne, warme Tage brachte, waren doch die Nächte schon recht kühl und der große Kachelofen war deshalb am Morgen geheizt worden. Jetzt wollte es den Amtsrath bedünken, als sei die Temperatur im Zimmer heiß und bedrückend, er öffnete deshalb den Fensterflügel, lehnte sich weit hinaus und sog mit Behagen die würzige, sonndurchwärmte Luft ein.
Plötzlich aber trat er wieder hinter den bergenden Vorhang zurück und schloß möglichst geräuschlos das Fenster, blieb aber so, daß er von unten nicht bemerkt werden konnte, seitwärts an die Brüstung gelehnt, stehen.
Der sich weit ausdehnende Park hatte einen alten Bestand prachtvoller Bäume, die sorgfältig geschont und erhalten wurden, einen klaren See und neuere Anlagen mehr in der Nähe des Schlosses. Unmittelbar unter dessen Fenstern breiteten sich grüne Rasenplätze und Beete mit bunten, duftenden Blumen aus, einen ganz besonderen Schmuck bildeten aber die Gruppen hochstämmiger edler Rosen, die jetzt gerade in einer zweiten Blüthe prangten, welcher noch kein Frost etwas angehabt hatte.
Hier wandelte Meta, welche eine große Freundin und sorgsame Pflegerin des Rosenflors war, in einen Mantel gehüllt, einen das Gesicht eng umschließenden neuen Hut auf dem Kopfe, ein Körbchen am Arme und ein Messer in den mit Handschuhen bedeckten Händen, anscheinend ganz in ihre Beschäftigung vertief, abgeblühte Blumen und dürre Blätter von den Sträuchern zu entfernen und in ihren Korb zu sammeln. Dem Amtsrath entging es aber doch nicht, daß sie zerstreut war und daß ihre Augen forschend zu seinem Fenster emporflogen.
„Das arme Kind," murmelte er. „Sie sieht doch noch recht angegriffen aus! Wie werde ich's nun ertragen, mich so lange Zeit von ihr zu trennen, jetzt, nachdem sie mir sozusagen zum zweiten Male geschenkt ist?"
„Muß es denn sein?" fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, 'während er sich mit der Hand fest auf den hinter ihm stehenden Stuhl stützte, „darin hat ja Holten Recht, ihrer
Gesundheit halber braucht es nicht zu geschehen, cs wird sogar noch einige Mühe kosten, Professor Brunner zu bestimmen, daß er ihr die Sache ans diesem Gesichtspunkte darstellt. Warum mußte der auch gerade verreist sein, als sie erkrankte, wäre er hier gewesen, würde sie Holten niemals kennen gelernt haben!" fügte er unmuthig hinzu.
Doctor Holten war ganz gegen die Absicht des Amtsraths von dem Boten, den er in die Stadt geschickt, um den Vertreter des Professors Brunner zu der plötzlich krank gewordenen Meta zu bescheiden, mit nach Waldhof gebracht worden. Auf den inständigen Wunsch der Patientin hatte er dann die Behandlung behalten und der Amtsrath konnte ihm ja auch die Anerkenuung nicht versagen, daß sie sich bei ihm in den besten Händen befunden hatte.
Doctor Holten hatte sich als trefflicher Arzt bewährt, er war ihm dankbar, hätte ihm, wenn er es verlangt hoben würde, ein noch weit höheres Honorar ^gewährt, als was er ihm freiwillig gezahlt hatte, nur den Preis, den er forderte, konnte, wollte er nicht zahlen.
(Fortsetzung folgt.)
Einen Zahn verloren — die Herzen gewonnen.
Eine lustige Geschichte aus dem Leben Jean Pauls.
Von Karl Neumann-Strela.
------- (Nachdruck verboten.)
Frühling, blauer Himmel und Sonnenschein, aber der Studiosus Johann Paul Friedrich Richter machte ein" so vergrämtes Gesicht, als ob ihn die schrecklichsten Winterstürme umbrausten. Das war 1782 in Leipzig. Und unser Student hatte auch wirklich Grund zur Verdrießlichkeit. Er ging durch die Reichsstraße, hielt sich seufzend die Backe, weil ihn ein wüthender Zahnschmerz plagte, dachte seufzend an seine Stubenwirthin, die drei Thalcr für rückständige Miethe verlangte, an den Speisewirth, der ihm schon lange borgte, sowie an Schuster und Schneider, die auch etwas drängend wurden. Diese Schulden und der Zahnschmerz dazu! Wirklich kein Wunder, trotz des herrlichen Frühlingstages so miß- muhig, ganz verzagt zu sein.
Eigentlich wußte er selber nicht, weshalb er durch die Reichsstraße ging. Vielleicht weil er die angenehme Empfindung hatte, daß keiner seiner Gläubiger in dieser Straße wohnte. Im Weiterschreiten sah er auf und bemerkte über einem Gewölbe ein mit rothen Bändern umwundenes Messingbecken, das Zeichen eines Barbiers. Dieser stand gerade in der Thür und erkannte mit richtigem Geschäftsblicke, daß der Jüngling Zahnschmerzen hatte, da er die Hand an der Backe hielt.
„Das Klügste ist ausziehen," rief er ihm zu. Richter blieb stehen, dachte an seine leere Börse und fragte daher in etwas unsicherem Tone: „Was verlangt Ihr dafür?" — „Vier Groschen Courant." — „Morgen, ich komme morgen." „Je eher, desto besser, raus mit dem schlechten Zahn."
Rasch auf dem Absatz herum und weiter. Doch ein wirklich ganz abscheuliches Gefühl, nur noch zwei Groschen in der Börse zu haben. Wenn sich der Zahnschmerz nur legen wollte, aber nach einer fast schlaflos verbrachten Nacht trat er am nächsten Tage noch heftiger auf. Richter hatte nirgends mehr Ruhe. Stubenwirthin und Speisewirth fragten ihn sehr anzüglich, wann denn sein Geldschiff käme, und als er nach der Hochschule ging, um Platners Vorlesung über Philosophie zu hören, hatten sich Schuster und Schneider zu höchst unbequemer Begrüßung am Eingänge derselben ausgestellt.
Diese ihm nur zu bekannten Gesichter und die Schmerzen dazu raubten ihm fast jede Stimmung. Vor allen Dingen mußte der Zahn heraus. Doch seine Vermögenslage hatte sich inzwischen so verschlechtert, daß auch die letzten zwei


