Ausgabe 
3.3.1898
 
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dem Gefährt des Doctors war. Beide Wagen hielten fast gleichzeitig an, der schmale Feldweg gab nur wenig Raum zum Ausweichen.

Guten Tag, Onkel!" rief Stephan artig und zog

den Hut.

Morgen, Stephan!" erwiderte Göbener, ohne die kurze Pfeif-, aus welcher er rauchte, aus dem Munde zu nehmen oder die Hand zur Mütze zu erheben.Kommst wohl von Waldhof?"

Stephan bejahte.

Immer noch Leibarzt beim gnädigen Fräulein?" höhnte Göbener.

Dessen bedarf es nicht mehr, Fräulein Wenzel ist hergestellt," erwiderte der Doctor und gab seinem Kutscher ein Zeichen, weiterzufahren, aber Göbener rief:

Warte doch noch einen Augenblick, hast Du's denn so sehr eilig? Wird ja nicht gleich Einer ohne Dich sterbe». Möchte Dir einen guten Rath geben."

Bitte, Onkel," sagte der Doctor, der an dem Grinsen des Alten sehr^wohl sah, daß es auf eine Bosheit abgesehen war, sich aber vornahm, ihm ruhig Stand zu halten.

Kutschire nicht so viel auf der Landstraße umher und komm' nicht zu den Leuten, wenn sie Dich nicht rufen- wir Pommern lassen uns nicht gern das Geld aus der Tasche holen"

Wer sagt Dir, daß ich in Waldhof gewesen bin," fuhr Stephan empört auf,um"

Geld zu verdienen!" fiel ihm der Amtmann höhnisch ins Wort.Hast vielleicht was Anderes dort gesucht, kommt doch Alles auf Eins heraus."

Onkel Göbener!"

,, mich machst Du nicht dumm! Bin ein alter pommerscher Bauer," lachte der Amtmann.Na, das ist des Amtsraths Wenzel Sache, wird wohl auch wissen, was er zu thun hat. Und wohin soll denn jetzt die Reise gehen?"

Einen Augenblick zögerte Doctor Holten. Sollte er dem Amtmann gar nicht sagen, daß er nach seinem Gute wollte? Er schämte sich jedoch der Feigheit und erwiderte:

Da ich einmal so weit war, wollte ich nach Rapshagen und zusehen, wie sich die Tante und Anna befinden."

Mußt ja viel überflüssige Zeit haben," spottete der Amtmann, der nun doch die Pfeife aus dem Munde ge­nommen hatte und nur ab und zu einen Zug that, um sie m B-and zu erhalten.Sie befinden sich Beide ganz wohl. Kannst Dir den Weg ersparen."

Ich möchte doch hinfahren."

Das wirst Du bleiben lassen!" schrie der Amtmann, aus dem hämischen Ton in einen groben, polternden fallend. Fahre Deinen geraden Weg nach Greifswald oder suche heim wen Du willst, die Frauen auf Rapshagen laß' aber in Ruhe."

Was soll das heißen!" rief Doctor Holten und sprang im Wagen in die Höhe.

Jetzt lachte der Amtmann wieder.Bin ich noch mcht deutlich genug gewesen? Ich will Deine Besuche nicht haben, verbiete Dir nach Rapshagen zu kommen."

Warum? Was habe ich gethan?" fragte Stephan, so erstaunt, daß er noch nicht zum Aerger kommen konnte.

Nichts!" antwortete der Amtmann und verzog den breiten Mund.Ich kann auf meinem Gute keinen Nichts- thuer brauchen, der für nichts und wieder nichts im Lande herumfährt und dem Herrgott die Tage stiehlt. Die Anna soll mir nicht umsonst das Brod essen."

Das thut sie wahrhaftig nicht," schaltete der Doctor ein, aber Göbener fuhr fort:

Kann keine Gäste brauchen, die sie von der Arbeit

abhalten."

Das kann durchaus nicht der wahre Grund fern, ich verlange zu wissen," schrie Stephan.

Und ich habe keine Lust, Dir Rede zu stehen!" erwiderte

der Amtmann.Bin Herr in meinem Hause, kann herein­lassen oder hinauswerfen wen ich will, ohne einen Grund dafür anzugeben, und ich sage Dir nur das eine Wort: kommst Du noch einmal auf den Rapshagener Hof, so fliegst Du hinunter und Deine Schwester hinterher!"

Schon während der letzten Worte hatte er die Zügel angezogen, nun hieb er auf die Pferde ein und fuhr so schnell an des Doctors leichtem Wagen vorüber, daß es der ganzen Geschicklichkeit des jugendlichen Kuschers, der dem Wortwechsel mit offenem Munde zugehört hatte, bedurfte, um ihm das . Gleichgewicht zu bewahren.

Letzterer blickte jetzt fragend auf seinen Herrn, der wieder auf seinen Sitz gesunken war und Holten gebot nach einem kurzen Kampfe mit sich selbst:

Wir fahren nun doch nicht nach Rapshagen. Fahre gerade aus und biege bei der Sellnitzer Feldmark ab, daß wir auf die Chaussee kommen."

Der Kutscher nickte, schnalzte mit der Zunge und das kleine braune Pferd, das während des Streites der beiden Männer die Ohren gespitzt hatte, als verstehe es etwas davon, setzte sich wieder in Bewegung.

Ich muß Anna aus dem Spiele lassen, das arme Kind hat schwer genug zu tragen, ich darf ihre Last nicht ver­mehren," sagte sich der Doctor, die Stirn in tiefe Falten ziehend.So nützlich, ja, ich kann wohl sagen, unentbehrlich Anna der guten Frau Göbener ist, wäre der alte böse Amtmann doch im Stande, seine Drohung wahr zu machen und sie aus dem Hause zu weisen, wenn ich seinem Verbot zuwider handelte.

Ach, wenn ich doch das nicht erst abzuwarten brauchte," fuhr er in seinem Selbstgespräch fort,wenn ich Anna doch von Rapshagen wegmhmen und ihr ein angenehweres Unterkommen bieten könnte!"

Er überschlug in Gedanken seine Hilfsquellen und kam zu dem Ergebntß, daß es ihm nicht so unmöglich sei, für die Schwester angemessen zu sorgen, fügte jedoch sogleich mit trübem Lächeln hinzu:

Als ob das von mir abhinge! So fügsam Anna im Ganzen ist, in manchen Dingen hat sie doch einen harten Kopf, und ich fürchte, hier haben wir einen solchen Fall. Sie geht nicht von Frau Göbener, und Adolf!

Möchte wissen, was sie an dem Burschen hat- über Geschmack ist freilich nicht zu streiten!" brummte er kopf­schüttelnd, denn Adolf Göbener war ihm wenig sympathisch. Wird mir nichts übrig bleibeu, als doch einmal zu ihm zu gehen und zu hören, was es denn in Rapshagen eigentlich gegeben hat. Gewiß steckt wieder eine Geschichte von ihm dahinter und ich muß es nun entgelten.

Somit wäre mir denn Waldhof ebenso gut verboten wie Rapshagen, em hübsches Ereigniß, das ich von meiner heutigen Ausfahrt mit nach Haufe bringe," schloß er mit bitterer Selbstironie seine Gedankenreihe.Getrennt von der Geliebten, wie von der einzigen Schwester!"

Und trotzdem verliere ich den Muth nicht!" rief er jetzt so laut, daß sein Kutscher sich wiederum voll Staunen nach ihm umsah. Der Doctor war auch heute gar zu sonderbar. Den ganzen Vormittag unterwegs und noch keinen Kranken besucht, und noch kein Bund Heu für den Braunen, kein Butterbrod und kein Glas Bier für ihn ab­gefallen !

Aus eigener Machtvollkommenheit fuhr er nach dem nächsten Dorfe und hielt vor dem Kruge an.

VII.

Amtsrath Wenzel kehrte, nachdem er den Doctor Holten bis zu dessen Wagen begleitet und diesem nachgescham hatte, bis er vom Hofe gefahren war, in sein Arbeitszimmer zurück. Er lächelte still vergnügt über die kleine Kriegslist, durch welche er die Begegnung seiner Tochter mit dem unwillkommenen Bewerber verhindert hatte, trotzdem war ihm nicht recht behaglich bei der Aussicht, ihr nun auf der Stelle den In-