400
bändigte Kraft zu bethättgen, hoch an dem ragenden Gestein empor, weißschäumende Brandung jagte um die vorgelagerten, trotzig Widerstand leistenden Klippen.
Am Horizont bemerkte ich ein Barkschiff unter vollen Segeln, das der Elbmündung zusteuerte, an der Ostküste langsam ziehende Segelboote. Wie von Geisterhand getrieben, glitten sie lautlos durch die salzige Fluth.
Stundenlang verweilte ich auf meinem Beobachtungsposten und richtete die Blicke immer aufs Neue erschauernd auf das unbewegte Antlitz erhabener Einsamkeit, die den reglos Schauenden mit groß aufgeschlagenen Räthsel- augen ansah.
Gewaltsam riß ich mich los von dem dämonischen Zauber, der ein empfängliches Gemüth auf der Insel der Seligen nur zu leicht den schmerzhaft schnürenden Fesseln einer Grübelei ohne Ende überantwortet.
An dem schlanken, weißen Leibe des Leuchtthurms vorüber, dessen weißstrahlendes Licht in die verderbenschwangeren Grübeleien dunkler Nächte hell hineinleuchtet, schlenderte ich langsam der Südspitze zu. Zu ihren Häupten hing der Mond, unter leichten Wolkenschleiern seine melancholische Schönheit verbergend.
Vom Unterlande herauf glühten die röthlichen Lichter der Landungsbrücke und der wie in einem Feuermeer schwimmenden Strandhalle mit den großen bedeckten Veranden nach der Seeseite.
Im Südhafen schaukelte eine Flotte buntbemalter Ruder- und Segelboote auf den Wogen, eine zweite Flotte war auf den Strand gezogen. Auch eine stattliche Anzahl wohlbefestigter Hummerkisten wiegten sich hier auf der Fluth. Sie enthalten einen ausreichenden Vorrath der vielbegehrten leckeren Schaalthiere, deren Fang für die Insulaner von großer, immer noch zunehmender Bedeutung ist.
An der Steinmauer des Falms, den ich jetzt betrat, lehnten einfach gewandete, ältliche Männer und Frauen und unterhielten sich leise in ihrem friesischen Kauderwälsch oder blickten — was bei den Meisten zutraf — schweigend ins Meer. Ich stieg ins Unterland hinab, um bei Gebrüder Reimers im Conversationshause einen Abendimbiß einzunehmen, ein wenig zu schmauchen und Musik zu hören.
Meinen an die Dunkelheit des Oberlandes gewöhnten Augen that die Tageshelle der von unzähligen Lampen erhellten Verkaufsläden und Restaurationen in der Treppenstraße fast weh.
Auf der Mathies-Terrasse und am Strande gingen noch zahlreiche Badegäste, die der milde, zauberisch schöne Abend ins Freie gelockt hatte, gemächlich auf und ab.
Nach kurzem Verweilen in der, einen angenehmen Aufenthalt gewährenden, comfortabel eingerichteten Strandhalle trat ich wiederum ins Freie und mischte mich unter die Lustwandelnden, von der Erwägung ausgehend, daß, wenn ein bleichwangiger Städter zwischen behaglichem Kneipenleben einerseits und dem Genuß reiner unverfälschter Seeluft andererseits zu wählen habe, in seinem eigenen Interesse der letztere vorzuziehen sein möchte.
Erst kurz vor Mitternacht löschte ich das Kerzenlicht in meinem Zimmer und suchte schlaftrunken, fast taumelnd vor Uebermüdung, mein Lager auf.
* • ♦
Der nächste Morgen fand mich zeitig auf den Beinen. Hellstrahlende Sonne lachte aus der wolkenlosen Bläue des Himmels herab. Die weißlackirten Fensterrahmen in meinen Zimmern waren heiß anzufühlen, als ich sie aufstieß, um dem salzigen Seehauch Einlaß zu gewähren. Köstlich erfrischend drang mir die reine, ozonreiche Luft entgegen.
Es war gegen 7 Uhr Morgens. Schon hatte sich ein Segelboot mit dichtvermummten Badegästen (welche mithin — da sie doch schon den Morgenkaffee und das erste Frühstück
genossen haben mußten — recht früh aus den Federn geschlüpft sein mochten) auf den Weg nach dem so verlockend herüberwinkenden weißen Badestrande gemacht.
Der Anblick forderte zur Nachfolge heraus. Ich beschloß, mich um zehn Uhr nach der Düne hinübersetzen zu lassen und gegen zwölf Uhr das erste Bad zu nehmen. Um diese Zeit mußte die sengende Augustsonne dem Wasser eine verhängnißmäßig hohe Temperatur mitgetheilt haben. Vorderhand erfrischte ich mich durch eine Abwaschung in dem für solche Zwecke auf der Insel allein zur Verfügung stehenden lauen Regenwasser, so gut es gehen mochte.
Dann eilte ich auf den Schwingen der Ungeduld ins Unterland. Wohl vernahm ich schon oben in meinem Quatier das Rauschen der Brandung recht deutlich. Dennoch sehnte ich mich nach dem Anblick, wie ich ihn gestern gehabt, als Woge auf Woge heranrollte und unter eigenartigem Brausen den Strand überfluthete.
Auf den grüngestrichenen Bänken vor der Mathies- Terrasse saßen nur einige wenige Badegäste und lugten ins Meer hinaus. Ein paar Strandkörbe standen sehr prätentiös in dem Geröllschutt umher und gemahnten mich lebhaft an die Soufleurhöhlen in den Theatern.
Im Laufe der Saison spielte sich auf der Scene vor ihnen wohl so manches Theaterstück ab, zu welchem die Natur ringsum wahrhaft großartige Couliffen und Soffiten stellte, das einzig Werthvolle an dem ganzen Spectakel.
Da die in der Comödie Mitwirkenden auf sich warten ließen, so nahm der Kritiker einstweilen vor dem Kurhause Platz und räumte in Ermangelung einer dankbareren Beschäftigung unter den festen und flüssigen Bestandtheilen des ersten Frühstücks tüchtig auf.......
Die Promenade belebte sich nach und nach, an der Landungsbrücke, der „Börse" Helgolands, wurden in einem, stetig sich vergrößernden, Kreise Tages-Neuigkeiten ausgetauscht.
Halbwüchsige Jungen offerirten den Fremden Postkarten „mit Ansichten", die theilweise nur einem derb entwickelten Geschmack behagen mochten, andere wiederum Seesterne, Ammoniten und dergleichen Andenken an den rothen Felsen mitten im Meer.
„Boot gefällig?" fragten an dem Fremden sich herandrängende Schiffer mit verwetterten, lauernden Gesichtszügen. Sie forderten einen Thaler für eine Ruderfahrt um die Insel herum. (Fortsetzung folgt.)
Literarisches.
Mit andauernder Spannung richtet sich das allgemeine Augenmerk auf den spanisch-amerikanischen Kriegsschauplatz u. z. nach den Inseln: Cuba, Puertorico und die Philippinen. Von hohem Reiz sind deshalb die neuesten Nummern der Zeitschrift „Ueber Land ttttb öltet" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), die neben einer Karte und Portraits der vielgenannten Persönlichkeiten beider Parteien eine ganze Reihe von Ansichten jener Eilande wiedergeben. Besonders reich bedacht ist Manila, die Hauptstadt der Philippinen, auf deren Reede das spanische Geschwader eine empfindliche Niederlage erlitt. Nicht minder interessant ist die Ansicht des Hafens San Juan auf Puertorico, wie er sich vor der Beschießung zeigte, und da nach aller Wahrscheinlichkeit der Krieg sich auch nach den Kanarischen Inseln hinüberspielen wird, dürften auch die Scenerien von Teneriffa zu actueller Bedeutung gelangen. Die Tage des blutigen Aufstandes in Mailand rückt eine Reihe bewegter Straßenbilder vor Augen, und auf heimischen Boden werden wir versetzt mit der Ausreise der Ablösungstruppen für das deutsche Geschwader in Kiautschou. So tragen die neuesten Nummern der beliebten Zeitschrift ein kriegerisches Gepräge, doch find die bedeutenden Werke des Friedens darüber nicht vergessen. Ein großes Tableau führt in Perspective aus der Vogelschau die jüngst eröffnete Wiener Jubiläumsausstellung vor, und daneben sehen wir das herrliche Raimund-Denkmal, das vor Kurzem in der österreichischen Kaiserstadt enthüllt worden ist. Neben dem neuen großen Roman „Von zarter Hand", mit dem Johannes Richard zur Megede die Leser in hoher Spannung erhält, finden wir noch unter dem Titel „Blut und Eisen" humorvolle Erinnerungen, in denen Max von Eyth, der be- berühmte Ingenieur, einen interessanten Abschnitt aus seiner Thätigkeit im Pharaonenlande vorführt.
Redaktion; Burkhardt. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmverfitStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meße«.


