Ausgabe 
2.7.1898
 
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bändigte Kraft zu bethättgen, hoch an dem ragenden Gestein empor, weißschäumende Brandung jagte um die vorgelagerten, trotzig Widerstand leistenden Klippen.

Am Horizont bemerkte ich ein Barkschiff unter vollen Segeln, das der Elbmündung zusteuerte, an der Ostküste langsam ziehende Segelboote. Wie von Geisterhand getrieben, glitten sie lautlos durch die salzige Fluth.

Stundenlang verweilte ich auf meinem Beobachtungs­posten und richtete die Blicke immer aufs Neue erschauernd auf das unbewegte Antlitz erhabener Einsamkeit, die den reglos Schauenden mit groß aufgeschlagenen Räthsel- augen ansah.

Gewaltsam riß ich mich los von dem dämonischen Zauber, der ein empfängliches Gemüth auf der Insel der Seligen nur zu leicht den schmerzhaft schnürenden Fesseln einer Grübelei ohne Ende überantwortet.

An dem schlanken, weißen Leibe des Leuchtthurms vor­über, dessen weißstrahlendes Licht in die verderbenschwangeren Grübeleien dunkler Nächte hell hineinleuchtet, schlenderte ich langsam der Südspitze zu. Zu ihren Häupten hing der Mond, unter leichten Wolkenschleiern seine melancholische Schönheit verbergend.

Vom Unterlande herauf glühten die röthlichen Lichter der Landungsbrücke und der wie in einem Feuermeer schwimmenden Strandhalle mit den großen bedeckten Veranden nach der Seeseite.

Im Südhafen schaukelte eine Flotte buntbemalter Ruder- und Segelboote auf den Wogen, eine zweite Flotte war auf den Strand gezogen. Auch eine stattliche Anzahl wohl­befestigter Hummerkisten wiegten sich hier auf der Fluth. Sie enthalten einen ausreichenden Vorrath der vielbegehrten leckeren Schaalthiere, deren Fang für die Insulaner von großer, immer noch zunehmender Bedeutung ist.

An der Steinmauer des Falms, den ich jetzt betrat, lehnten einfach gewandete, ältliche Männer und Frauen und unterhielten sich leise in ihrem friesischen Kauderwälsch oder blickten was bei den Meisten zutraf schweigend ins Meer. Ich stieg ins Unterland hinab, um bei Gebrüder Reimers im Conversationshause einen Abendimbiß einzu­nehmen, ein wenig zu schmauchen und Musik zu hören.

Meinen an die Dunkelheit des Oberlandes gewöhnten Augen that die Tageshelle der von unzähligen Lampen er­hellten Verkaufsläden und Restaurationen in der Treppen­straße fast weh.

Auf der Mathies-Terrasse und am Strande gingen noch zahlreiche Badegäste, die der milde, zauberisch schöne Abend ins Freie gelockt hatte, gemächlich auf und ab.

Nach kurzem Verweilen in der, einen angenehmen Aufenthalt gewährenden, comfortabel eingerichteten Strand­halle trat ich wiederum ins Freie und mischte mich unter die Lustwandelnden, von der Erwägung ausgehend, daß, wenn ein bleichwangiger Städter zwischen behaglichem Kneipenleben einerseits und dem Genuß reiner unverfälschter Seeluft andererseits zu wählen habe, in seinem eigenen Interesse der letztere vorzuziehen sein möchte.

Erst kurz vor Mitternacht löschte ich das Kerzenlicht in meinem Zimmer und suchte schlaftrunken, fast taumelnd vor Uebermüdung, mein Lager auf.

*

Der nächste Morgen fand mich zeitig auf den Beinen. Hellstrahlende Sonne lachte aus der wolkenlosen Bläue des Himmels herab. Die weißlackirten Fensterrahmen in meinen Zimmern waren heiß anzufühlen, als ich sie aufstieß, um dem salzigen Seehauch Einlaß zu gewähren. Köstlich er­frischend drang mir die reine, ozonreiche Luft entgegen.

Es war gegen 7 Uhr Morgens. Schon hatte sich ein Segelboot mit dichtvermummten Badegästen (welche mithin da sie doch schon den Morgenkaffee und das erste Frühstück

genossen haben mußten recht früh aus den Federn ge­schlüpft sein mochten) auf den Weg nach dem so verlockend herüberwinkenden weißen Badestrande gemacht.

Der Anblick forderte zur Nachfolge heraus. Ich be­schloß, mich um zehn Uhr nach der Düne hinübersetzen zu lassen und gegen zwölf Uhr das erste Bad zu nehmen. Um diese Zeit mußte die sengende Augustsonne dem Wasser eine verhängnißmäßig hohe Temperatur mitgetheilt haben. Vorder­hand erfrischte ich mich durch eine Abwaschung in dem für solche Zwecke auf der Insel allein zur Verfügung stehenden lauen Regenwasser, so gut es gehen mochte.

Dann eilte ich auf den Schwingen der Ungeduld ins Unterland. Wohl vernahm ich schon oben in meinem Quatier das Rauschen der Brandung recht deutlich. Dennoch sehnte ich mich nach dem Anblick, wie ich ihn gestern gehabt, als Woge auf Woge heranrollte und unter eigenartigem Brausen den Strand überfluthete.

Auf den grüngestrichenen Bänken vor der Mathies- Terrasse saßen nur einige wenige Badegäste und lugten ins Meer hinaus. Ein paar Strandkörbe standen sehr prätentiös in dem Geröllschutt umher und gemahnten mich lebhaft an die Soufleurhöhlen in den Theatern.

Im Laufe der Saison spielte sich auf der Scene vor ihnen wohl so manches Theaterstück ab, zu welchem die Natur ringsum wahrhaft großartige Couliffen und Soffiten stellte, das einzig Werthvolle an dem ganzen Spectakel.

Da die in der Comödie Mitwirkenden auf sich warten ließen, so nahm der Kritiker einstweilen vor dem Kurhause Platz und räumte in Ermangelung einer dankbareren Be­schäftigung unter den festen und flüssigen Bestandtheilen des ersten Frühstücks tüchtig auf.......

Die Promenade belebte sich nach und nach, an der Landungsbrücke, derBörse" Helgolands, wurden in einem, stetig sich vergrößernden, Kreise Tages-Neuigkeiten aus­getauscht.

Halbwüchsige Jungen offerirten den Fremden Postkarten mit Ansichten", die theilweise nur einem derb entwickelten Geschmack behagen mochten, andere wiederum Seesterne, Ammoniten und dergleichen Andenken an den rothen Felsen mitten im Meer.

Boot gefällig?" fragten an dem Fremden sich heran­drängende Schiffer mit verwetterten, lauernden Gesichtszügen. Sie forderten einen Thaler für eine Ruderfahrt um die Insel herum. (Fortsetzung folgt.)

Literarisches.

Mit andauernder Spannung richtet sich das allgemeine Augenmerk auf den spanisch-amerikanischen Kriegsschauplatz u. z. nach den Inseln: Cuba, Puertorico und die Philippinen. Von hohem Reiz sind deshalb die neuesten Nummern der ZeitschriftUeber Land ttttb öltet" (Stuttgart, Deutsche Verlags-Anstalt), die neben einer Karte und Portraits der vielgenannten Persönlichkeiten beider Parteien eine ganze Reihe von Ansichten jener Eilande wiedergeben. Besonders reich bedacht ist Manila, die Hauptstadt der Philippinen, auf deren Reede das spanische Geschwader eine empfindliche Niederlage erlitt. Nicht minder interessant ist die Ansicht des Hafens San Juan auf Puertorico, wie er sich vor der Beschießung zeigte, und da nach aller Wahrscheinlichkeit der Krieg sich auch nach den Kanarischen Inseln hinüberspielen wird, dürften auch die Scenerien von Teneriffa zu actueller Bedeutung ge­langen. Die Tage des blutigen Aufstandes in Mailand rückt eine Reihe bewegter Straßenbilder vor Augen, und auf heimischen Boden werden wir versetzt mit der Ausreise der Ablösungstruppen für das deutsche Geschwader in Kiautschou. So tragen die neuesten Nummern der beliebten Zeitschrift ein kriegerisches Gepräge, doch find die be­deutenden Werke des Friedens darüber nicht vergessen. Ein großes Tableau führt in Perspective aus der Vogelschau die jüngst eröffnete Wiener Jubiläumsausstellung vor, und daneben sehen wir das herrliche Raimund-Denkmal, das vor Kurzem in der österreichischen Kaiserstadt enthüllt worden ist. Neben dem neuen großen RomanVon zarter Hand", mit dem Johannes Richard zur Megede die Leser in hoher Spannung erhält, finden wir noch unter dem TitelBlut und Eisen" humorvolle Erinnerungen, in denen Max von Eyth, der be- berühmte Ingenieur, einen interessanten Abschnitt aus seiner Thätigkeit im Pharaonenlande vorführt.

Redaktion; Burkhardt. Druck und Verlag der Brühl'schen UmverfitStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch Erben) in Meße«.