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hatte noch nicht einmal einer der Dienstboten nach seinen Wünschen gefragt.
Als der Tag graute, öffnete er das Fenster. Leichter, nebeliger Dunst wogte über dem Garten, über den Dächern niedriger Häuser: vom nahen Meere der Niederschlag. Ihm war es kein Nebel.
Frauen, zierliche und hochgewachsene, üppige und elfen- hafte Gestalten zogen in einem tollen Reigen an ihm vorbei, tauchten unter und auf, rangen zauberische Arme, warfen flatterndes Haar von Busen und Wangen zurück, hüllten sich schämig ein oder schleuderten in trunkener Siegesfreude wehende Schleier von ihren Schultern. Aber Alle jubelten um den gestürzten Mann, tanzten über seinem Elend, zerfaserten seine Ideale und zerrten den Stolzesten unter ihre Füße. Hinab!
(Fortsetzung folgt.)
Die Perle der Nordsee.
Schilderung einer Sommerfahrt von Otto Bruhnsen.
(Fortsetzung.)
Noch bevor unser Dampfer auf der Rhede vor Anker gegangen war, stießen die Boote der Helgoländer von der Landungsbrücke ab.
Sie kommen, um die Passanten und Badegäste an Land z» bringen.
Die Geschicklichkeit der wetterfesten Fischer im Rudern und Segeln ist groß, in letzterer Beziehung mitunter geradezu staunenerregend.
Der Fischfang dagegen wird vernachlässigt. Seit langen Jahren fischten die erwerbsfähigen Bewohner der einsamen Insel — wenigstens während der Saison — nicht etwa nach zappelnden Meeresbewohfiern, sondern in der Hauptsache nach zahlungsfähigen Badegästen.
Das ist die Schattenseite des Helgoländer Lebens. Wo viel Licht, ist viel Schatten.
Der Fremde thut gut, inmitten dieser berechnenden Insulaner immerdar auf seiner Hut zu sein. Sie machen sich geflissentlich ärmer als sie sind, um den gefüllten Geldbeuteln der Fremden Opfer auf Opfer aufzuerlegen.
Ich bestieg mit anderen Helgolandfahrern ein an der Schiffstreppe auf und nieder tanzendes, derbes Ruderboot mit echs Mann Besatzung, das uns wohlbehalten an Land brachte. Arg mitgenommen bei dieser Ueberfahrt wurde indessen mein Koffer. Die Bootsleute gehen mit dem Handgepäck der Reisenden so wenig sorgsam um, daß in jedem Boot mindestens einem empörten Besitzer die Galle überläuft. Gleichmüthig hören und sehen diese fischblütigen Friesen auf ihn.
Wir landeten und schlugen der harrenden „Läster-Allee" ein Schnippchen. Nur eine (weibliche) Person war auf der Ueberfahrt seekrank geworden, die Uebrigen befanden sich in vortrefflichster Stimmung.
Bereits auf der Landungsbrücke drängten sich Leute an die Ankommenden heran.
„Wohnung im Unterland gefällig? . . . Wohnung im Oberland?"
Ich wählte eine solche im Oberland, trotz der 180 Stufen der großen Treppe, die in der Folge mehrmals am Tage zu erklettern waren.
Diese ist in ihrer Art bequem genug angelegt. Zwei Podeste unterbrechen ihre sanfte Steigung. Sie führt nach der an der Seeseite von einer derbgefügten, verwitterten niedrigen Backsteinmauer begrenzten Hauptstraße des Oberlandes, der Falm.
Ist man mühsam athmend oben angelangt, so wird man durch eine großartige, wirklich entzückende Aussicht (die nach dem Ausspruche Vielgereister in der Welt ihres Gleichen sucht) auf die von weißem Gischt umsprühte Düne und das
ringsum fluchende, grünblau nuancirte Meer für die gehabte Anstrengung reichlich entschädigt.
Auch von den Fenstern meiner in der O'Brienstraße gelegenen Wohnung aus hatte ich über von niedrigem Gesträuch umwallte Rosengärtchen hinweg einen freien, wundervollen Ausblick auf Meer und Düne.
Der klatschende Anprall der ewig ruhelosen Wogen gegen den Felsen tönte bis herauf in mein Schlafzimmer, wenn ich einmal in der Nacht die Fenster offen gelassen hatte.
Nachdem ich mich in der mit bescheidenen Raumver- hältniffen rechnenden, aber ungemein sauber gehaltenen, im Uebrigen ganz behaglichen Wohnung mit den freundlich an- muthenden Nelkenstöcken vor jedem Fenster häuslich eingerichtet hatte, unternahm ich einen Gang nach der Südspitze und von ihr aus ein langsames Abstreifen der einsam liegenden Westküste.
Sie ist dem Wogendrang mehr noch ausgesetzt, als die Ostküste, für welche die vorgelagerte Düne einen natürlichen Wellenbrecher bildet. Ihre Steilwände sind arg zerklüftet und weisen klaffende Einschnitte auf. Hier hat die gewait- thätige See dem Felsenleibe tiefe Wunden geschlagen, deren Anblick Herzbeklemmung und Trauer verursacht. Im Bunde mit anderen Naturgewalten, mit Verwitterung erzeugendem Regen und Frost, die unablässig Sprengarbeiten leisteten, hat sie mit scharfem Meißel Gewölbe (Gatts) ausgehoben und nach Jahrhunderten wieder zusammenstürzen lassen, isolirt stehende Felsenpfeiler (Stacks) geschaffen und vernichtet. Ihrer zermalmenden Umarmung trotzt der Fels wohl noch Jahrtausende, aber einst wird kommen der Tag, an dem die letzte Säule hinsinkt und frohlockende Sturmfluth über sie hinwegbraust.
Diese Voraussicht hat wohl für jeden Naturfreund trübe Stimmung im Gefolge. Nachdenklich und ernst schritt ich der Nordspitze entgegen.
Ein paar Fremde hielten dort die Nase in den Wind und lugten in die Ferne. Ich lehnte mich gegen die eiserne Einfriedigung, welche das ganze Oberland umspannt, und that es ihnen gleich.
Dieser köstliche Seehauch! . . . . . . stundenlang habe ich mich ihm entgegengestellt, der mit Leib und Seele erfrischte. '
Andere Erfrischungen winkten hinter meinem Rücken, im Wirthshaus „Hohenzollern" nämlich. Roh gezimmerte Bänke und Tischchen stehen vor dem Häuschen und im Rasen ringsum zur Bequemlichkeit für diejenigen Badegäste, welche hier oben an dem prachtvollen Bilde eines Sonnenunterganges sich erlaben wollen. Eine Tafelaufschrift neben der Thür stellte seinen Beginn um 7 Uhr 50 Minuten fest.
Vermuthlich hatte sich die Sonne an jenem Abend über das auf die Minute genaue Bestimmen eines Zeitpunktes, von welchem an man von ihr eine künstlerische Leistung erwartete, schmählich geärgert. Der gluthrothe Ball sank schon vor der angegebenen Zeit, die ihn umgebenden Wolkenbänke rosig überhauchend, ohne den in der frischen Abendbrise geduldig Harrenden Anlaß zu Ausbrüchen theilweise Wohl nnr geheuchelter, theilwei e Wohl auch aus der Seele kommender Bewunderung gegeben zu haben, ohne theatralischen Abgang ins Meer.
Sogleich erhoben sich die Getäuschten, um, mißmuthigen Bemerkungen Raum gebend, den Rückweg durch die „Kartoffel- Allee" anzutreten.
Ich sah sie ohne Bedauern von dannen ziehen, leerte eine Gläschen Brandy und stellte mich wiederum, mutterseelenallein, auf den äußersten Vorsprung der windumwehten Nordspitze.
Stiller schien es allgemach ringsumher zu werden.
Leise athmete draußen in der weiten Rund das ewigschöne, herrliche Meer.
Nur tief unten am Fuße des ausgewaschenen Felsenleibes hoben sich die in der Abendbeleuchtung dunkelgrünen Wogen, wie in wildem Verlangen zu zerstören, ihre unge-


