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II.
Zur selben, stillen Nachtzeit schritt Landrath Tauchlitz, eine stolze Erscheinung mit nachdenklich geprägten Zügen, sein Arbeitszimmer ab. Was richtete er gegen die Wirklichkeit damit aus, daß er sich hier mühte, den Fehler auf seiner Seite zu suchen? Die Wahrheit blieb, blieb wie sein unerschütterlicher Lebensernst und seiner Frau wilder Leichtsinn.
Er hatte gehofft, immer wieder gehofft. Noch durch den lebhaften Anschluß an Wulffens meinte er Besserung zu schaffen. Sie hatten die Beziehungen zueinander beinah im Uebermaß gepflegt, derart, daß die vertraut gewordenen Ehepaare, ohne verwandt zu sein, sich sogar mit Du anredeten.
Dennoch blieb Frau Wulffens Beispiel erfolglos. Für seine Frau gab es nichts, als Aeußerlichkeit. Für sein Bestreben, sie zu vertiefen, hatte sie nichts als Hohn.
Während er ihr beklommen gegenüberstand, ihr grelles Wesen auch wohl gefaßt ertrug, wüthete sie gegen ihn in ganz niedriger Art. r
Auch vorhin wieder, als er ihr bei ihrer Rückkehr von Wulffens seine plötzlich eingetroffene Versetzung nach Schlesien mittheilte. ,
Ein Zittern lief durch seine schlanke Gestalt, die Stirn furchte sich ihm nochmals in der Erinnerung an ihren gellenden Zorn, unter dem sie verlangt hatte, er solle sich weigern, dieser Versetzung zu folgen, bis sie die unheimlichen Worte sprach, deren Sinn längst zwischen ihnen stand: „Ich gehe nicht mit Dir!"
Da hatte er das Zimmer verlassen und sich hier em- geriegelt und gewartet, daß ein heißblütiges Weib draußen anklopfen sollte: „Thu mir auf, Lieber, ich kann nicht erjagen, Dich allein und gekränkt zu wissen!
Die große Blutwelle, die über ihre Einsicht fortrollte, mußte doch zurückbeben, um wenigstens ihr Herz, ihr störrisches, eigensinniges, zu Worte kommen zu lassen.
Nichts. ,
Thüren hörte er werfen und die Kinder unter ihrer Heftigkeit schreien. Als es mit der vorschreitenden Nacht still wurde,
f „Noch 'n kleinen Guß Rum, Schatz. So, danke, danke, i Nun, Jungens, mal schmecken?"
Fast war es Beiden zu stark. Sie schüttelten sich, I und Herr Wulfsen kraute ihnen lachend das starke, kurze Haar. Dann setzten sie sich zum Essen. Käse zwischen Schwarzbrod und Pumpernickel gelegt, dazu Cognac oder Korn leiteten das Mahl ein. Dem folgte Spickaal mit Rührei, worauf eine kräftig gewürzte Kartoffelsuppe den Schluß machte. Und Alle aßen mit dem Appetit starker, gesunder Menschen, nur einmal legte Herr Wulffen das hausleinene dicke Mundtuch bei Seite, um erstaunt auf seinen Jüngsten zu blicken, der eben fragte: „Sage, Papa, entscheidet Reichthum Alles in der Welt oder gelten andere Verdienste auch was?"
„Natürlich gelten nur Verdienste," lachte der Papa gutmüthig; „aber, weißt Du, mein Sohn, Geld hebt Vieles ! erst zum Verdienstrang, was man ohne Geld bloß verdammte - Pflicht und Schuldigkeit nennt. Bist nu zufrieden?"
Die Mama legte ihre volle, warme Hand auf die eckige i Stirn ihres Jungen, die sich ganz heiß anfühlte.
„Dir ist doch wohl, Heine? Du bist so lange draußen \ in der Abendluft gewesen, drückt es auch nicht im Halse? \ Sophie! Heine soll lieber Mehlsuppe essen und eine Wärmflasche ins Bett bekommen! Ich komme nachher noch einmal zu Dir und sehe mich um, wie Du liegst und Dich fühlst, mein Junge!"
So sprach die sorgliche Mutter.
Als sie jedoch an das Bett ihres Zweiten trat, lag er ganz still, daß sie leise ging, den Schläfer nicht zu stören, der indeß die halbe Nacht mit brenuenden Augen in dre Finsterniß um sich starrte.
Fäusten fest.
„Sind wir nicht so reich wie Onkel?" fragte er.
„Bewahre," flüsterte Sophie, ängstlich umschauend, daß Niemand lauschte, während sie dem-kleinen Kopf zwischen die Schultern zog, wie eine Ohreule. „Onkel Wnlsfen ist ja älter als Papa, deshalb gehört ihm das größte Familiengut- ihr Goldjungen bekommt ja Alles, sofern er ledig bleibt. Na, nöthig wirds ja wohl sein, denn weißt Du, als wir mit der abgebrannten Ernte und den neuen Maschinen das Unglück hatten, wobei Mamas ganzes Vermögen verloren ging, da mußte sie selbst Tante Tauchlitz um Hilfe bitten. Denkst Du, so was wird Einem leicht?"
Heinrich sprang auf die Treppe und hob die Peitsche.
„Du lügst!" schrie er heftig.
„Heining!" sagte die dünne, kleine Alte bekümmert, woraus er Arm und Kopf sinken ließ und langsam ins Haus ging.
Hier war es behaglich und gemüthlich. Die Thür vom Hausflur nach dem Eßzimmer stand offen, Ernestine trug das Abendessen hinein. So sah Heinrich bereits von draußen die Mama auf dem Sopha sitzen und zu Herrn Wulffen auflächeln, der groß und stark mit sehr rothem Gesicht, aber herzensguten Augen vor ihr stand, lachte und erzählte. Daß Franz daneben gleichfalls froh aussah, war natürlich. Er besaß eine zu gesellige Natur, um in den Familienkreis mit so scheuer Haltung zu treten, wie sein Bruder, der sich tölpelhaft genug an dem stieß, was hinter den helleren Stirnen und frohen Mienen lebte.
Herr Wulffen rührte den Grog um, der bei ihm den Abend einleitete, und sagte: „Sieh, das ist ja auch unser Heine! Wieder 'rumgetrieben, mein Junge?"
Dabei kostete er, ehe er der Mama das mächtige Glas hinhielt.
das Bild weiter. Da sank ihm der aufs Neue erhobene Arm ! — die Beschämung, etwas Wehrloses zu Prügeln, kam ihm i nun doch. _ , , ... , , ..
„Heinrich, wo bleibst Du denn? Heining!" rres dre zirpende Stimme der alten Sophie.
Sie hatte der Großmutter bereits dreizehn Jahr gedient, als sie der städtisch gewöhnten Mama in den jungen Hausstand gefolgt war. Treu war sie und fleißig nicht minder, aber die Jungen hielt sie strenger zusammen, als Vater und Mutter. Ja, man hätte es gar nicht mit ihr aushalten können, wenn man sie nicht bei passender und mehr noch umpaffender Gelegenheit weidlich geärgert hätte. Auch jetzt ließ er die Rufende dicht heran kommen.
„Heinrich! Was mußt Du Dich draußen 'rumdrücken? Komm 'rein!"
„Ich komme ja schon!"
Jetzt hatte Sophie ihn, aber ebenso hielt er sie fest.
„Höre," sagte er dringlich, „Du mußt mir erzählen, warum Alle so zuthulich gegen Frau von Scheven sind!"
Sophies kleine, schmale Gestalt schien noch winziger zu werden.
„Laß mich zusrieden. Sie ist längst weg.
„Auch schon abgefahren? Desto besser. Nun gieb mir aber Bescheid!"
„Was is' nu bloß darüber zu wundern! Ist Deme Mutter nicht 'ne herrliche Frau? Du verstehst das noch nicht- sie trug keine Schuld, daß sie dem Onkel Wulffen auch gefiel. Einen konnte sie doch bloß heirathen. Der Onkel, fuchsteufelswild, reiste wer weiß wohin und kam erst nach vielen Jahren zurück. Sein Gut übernahm er wieder, aber er bringt es nur langsam in die Höhe. Frau von Scheven hilft ihm dabei und thut für sein Haus, was in ihren Kräften steht. Denkst, sie fürchtet die Mama nicht? Und das kann sie auch."
Damit zog sie den störrischen, jetzt doch etwas wirbeligen Jungen durch den Garten, über den Wirthschaftshof mit sich. Vor der niedrigen Treppe hielt er ihre Schürze mit den


