«— 204
tonnte er seine Kunst heute nicht ausüben, da würde mancher Schuß daneben gehen. Er sah wieder nach ihr hin, ihre Blicke begegneten sich—und in den Armen lagen sich Beide. War er gekommen? War sie ihm um den Hals gefallen? Sie fragten nicht danach, sie lachten und küßten sich und Bobi klatschte in die Händchen und schrie:
„Eins — zwei — drei —
Picke — packe Heu;
Picke — packe Haberstroh, Machten Alle so — so — so."
Dabei war er aufgestanden und zu den Eltern hingewackelt, die ihn glückselig aushoben, liebkosten und nun ganz einig darüber waren, daß es auf der ganzen Welt keinen so süßen Buben gebe, wie ihr Bobi es war.
Schnell wurde er noch zu Bett tzebracht, und Caro, dem Pudel, wurde wie allabendlich ins Gewissen geredet, ja nicht Bobi zu verlassen, eine Ermahnung, über die Caro mit lautem Gebell quittirte, dann setzte er sich an Bobis Bettchen und blinzelte schlau nach den Eltern, als wollte er sagen: „Gebt nur, geht, ich passe auf." Beruhigt gingen sie, sie wußten, ihr Junge war in guter Hut, außerdem sah ja auch Margarethe, das Mädchen von nebenan, öfters nach, ob Bob! etwas brauchte.
Das Speeialitäten-Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Nummer der Kunstschützen war gekommen. Sie traten auf, von Beifall begrüßt; sie schön, wie der junge leuchtende Tag, er elegant und schneidig, wie immer.
Sie schossen Beide ausgezeichnet, von dem sich immer steigernden Jubel des Publikums begleitet. Nun kam der Tellschuß.
Mrs. Sidney legte sich die gläserne Kugel auf den Kopf, nicht eine Spur von Unruhe war auf ihrem lachenden Gesicht zu finden, sie vertraute vollkommen der Kunst ihres Mannes.
Athemlos sah die Menge zu,- welchen Nervenkitzel bereitete doch der gefährliche Schuß, nur wenige Menschen wandten angstvoll die Blicke von der Bühne ab. Stdney spannte den Hahn und legte an, in demselben Augenblick tauchte im Hintergründe das todtenbleiche Antlitz Margarethens, des Mädchens von nebenan, auf, es mußte etwas mit Bobi geschehen sein. Sydney erschrak, der Finger zuckte, der Schuß fiel, ein Aufschrei folgte dem Schuß, er sah sein Weib zu Boden sinken. Ihr brechendes Auge streifte ihn zum letzten Mal, dann war's vorüber, starr und tobt lag sie vor ihm.
Er starrte verzweifelt auf die Leiche seines geliebten Weibes, und ehe es noch Jemand hindern konnte, hatte er den todtbringenden Lauf des Gewehres auf sich gerichtet. Er traf sicher und war nun mit ihr, die er über Alles geliebt, im Tode vereint. —
Bobi saß im Bettchen aufrecht, sein Köpfchen brannte, und sein Blick erglänzte fieberhaft.
„Papa, Mama," rief er und sah sehnsuchtsvoll nach der Thür.
Caro lief unruhig hin und her und bellte um Hilfe. Doch keine Hilfe kam, da sprang er am Bettchen in die Höhe, leckte Bobis heiße Hände und sah ihn liebevoll an, als wollte er sagen: „Sei nur ruhig, ich bin ja da, ich verlasse Dich nicht"
Humoristisches.
Kein Ersatz. Heinrich VII., König von England, beauftragte den Bischof Bonner mit einer Gesandtschaft an Franz I., wobei er eine harte und drohende Sprache führen sollte. Der Bischof bemerkte, er .besorge für sein Leben. „Fürchten Sie nichts," sagte der König, „wenn er Sie umbringt, lasse ich allen Franzosen, die in meiner Gewalt sind,
die Köpfe abschneiden." — „DaS glaube ich wohl," erwiderte der Bischof, „aber ich besorge nur, es möchte keiner so gut auf meinen Rumpf passen wie der, den ich jetzt trage."
♦ » »
Kindermund. Großmutter hat ihr Gebiß beim Reinigen fallen lassen, und als sie sich danach bückt, drauf getreten. Nachmittags besucht sie ihre Tochter und erzählt ihr in Gegenwart ihrer Enkelin: „Denke nur, heute Morgen habe ich auf meine Zähne getreten, sind total hin." — Starr vor Verwunderung hört die kleine Hedwig zu, blickt der alten Frau bald auf die Füße, bald auf den Mund und fragt endlich ganz fassungslos: „Aber Großmama, wie bist du beim nur da raufgekommen?"
* * *
Ein ausgezeichnetes Reeept. Patient: „Herr Doetor, ich werd' immer fetter. Was meinen Sie, was soll ich thun, um dünner zu werden?" — Doetor Schrauber : „Lieber Freund, nichts macht den Menschen so dünn wie die Sorge. Schauen Sie sich also jeden Tag zwei Stunden meine letzte halbjährige Rechnung an, die Sie noch nicht bezahlt haben — vielleicht hilft Ihnen das!"
♦ ♦
*
Furchtsam. Am Vorabend ihres Geburtstages betet die kleine Marie im Bett das Abendgebet. Als sie an die Stelle kommt: „Die Euglein halten Wacht," unterbricht sie sich: „Mamachen, stelle doch nicht den Geburtstagskuchen hin, bevor ich aufwache, sonst essen mir ihn die Engel noch auf!"
Literarisches
„Meine Erinnerungen." Privater Notizkalender für jedes Jahr (Preis eleg. geb. nur Mk. 1.50; Verlag Europ. Modenzeitung, Dresden) sind ein allerliebstes Geschenkwerk für jede junge Dame, und namentlich als sinnige Gabe zur Confirmation sehr geeignet. Die Ausstattung mit reizenden Vignetten in Farbendruck, mit treffenden Sinnsprüchen, ist eine ungemein ansprechende. Die Eintheilung des Werkes ist die folgende: 1) Chronik, Gedenkblätter bemerkenswerthester Erlebnisse ernster und heiterer Natur. 2) Tabellarische Abteilung für Correspondenztabellen, Vergnügungschronik, Notiz und Gedenktafeln. 3) Merkblätter für practisches Wissen, für «ecepte, Wirthschaftsregeln, Gesundheitslehren, Arbeitsmethoden und Anleitung für häusliche Kunst. 4) Gedankensplitter. Ein Sammelplätzchen für schöne Worte, für Witz und geistige Kurzweil. 5) Der Sammler, d. s. gummirte Blanketts zum bequemen Sammeln von Zeitungsausschnitten rc. 6) Das Handschriftenalbum als Separatbeigabe zur Namenseinschrift befreundeter Persönlichkeiten. Bei dieser reichhaltigen sinnreichen Ausstattung wird das Album „Meine Erinnerungen" allenthalben sehr gefallen. Durch jede Buchhandlung zu beziehen.^ *
Von dem beliebten Universalbuch für Polterabend nnb Hochzeit von E. Mensch und A. vo> Krane, das soeben völlig umgearbeitete und beinahe um die Hälfte vermehrt in 2. Auflage erschienen ist, hat die Verlagsbuchhandlung Levy & Müller in Stuttgart eine Separatausgabe in 10 Bändchen ä 60 Pfg. veranstaltet.
Ansichts-Postkarten. Die hochinteressante Sammlung „Das große Jahrhundert", herausgegeben von der Firma „Vereinigte Papier- waaren-Fabriken S. Krotoschin in Görlitz", auf 200 Nummern festgesetzt, ist in der Vervollständigung bereits wesentlich gefördert. Bis jetzt sind schon 136 Porträts mit Biographien erschienen, während der Rest von 64 Nummern vnraussichtlich in 6 Wochen fertiggestellt sein wird. Die uns vorliegenden Exemplare in vorzüglicher Ausführung: Königin Louise von Preußen, Kaiser Wilhelm I., Seo XIII., Li-Hung-Tschang, Emin Pascha, Garibaldi, Gladstone, Pfarrer Kneipp, Mascagni, Andreas Hofer, Barnay, Verdi, Heinrich Heine, Turgenieff, deuten die Vielseitigkeit und Unparteilichkeit der Sammlung „Das große Jahrhundert", deren Zweck ist, uns einen interessanten Rückblick auf das gegenwärtige Säeulum zu gewähren, treffend an. Alles, was große Falscher und Erfinder, Freunde und Lehrer des Volkes, Staatsmänner, Feldherren und Nationalhelden der Welt Rühmliches geleistet haben, zieht an unserem Auge vorüber und gewinnt, durch Bild und Wort klar vorgestellt, neues Leben. Eine solche Sammlung ist geeignet, nützliche Belehrung zu schaffen und zu vielseitigem Denken anzuregen.
Redaktion: I. V.: Hermann Elle. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.


