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Die Europäer in Indien.
Von Ludwig Bretten.
----— (Nachdruck verboten.)
KO. Im asiatischen Festland scheinen sich die Einwohner derjenigen Länder, die einzelne europäische Staaten als ihre Colonien betrachten, nicht länger diese anmaßende Bevormundung gefallen lassen zu wollen.
Frankreich hatte bereits schwere Kämpfe im östlichen Hinterindien vor etwa einem Jahrzehnt zu bestehen, und nun wagt gar das ausgeplünderte Vorderindien sich öffentlich gegen die Oberhoheit Englands aufzulehnen.
Indien, das alte Zauber- und Märchenland des grauen Alterthums, der Traum und die Sehnsucht des Mittelalters, steht heute wiederum im Mittelpunkte des allgemeinen Interesses.
Es dürfte daher wohl nicht unpassend sein, an dieser Stelle einmal die indische Geschichte, soweit sie mit den Goldgelüsten der europäischen Völker in Zusammenhang steht, ein wenig zu beleuchten.
Schon gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts hatten die Holländer Handelsbeziehungen mit Hindustan. Als die Begleiter Vasko de Gamas im Jahre 1489 Nieder- lassungen an der Küste von Malabar gegründet hatten, errichteten die Portugiesen Bruges und Anders große Factoreien, um Handelsbeziehungen mit dem Jnnenlande und mit Europa herbeizusühren.
Nach und nach setzten sich an den Küsten der Halbinsel die Engländer im Jahre 1800, die Franzosen im Jahre 1604 und die Dänen im Jahre 1612 fest, bis sich im Jahre 1722 »u Ostende eine große indische Handelsgesellschaft gründete, welche es sich zur Aufgabe gestellt hatte, einen regelrechten Handelsverkehr zwischen dem westlichen Europa und der Küste von Malabar ins Leben zu rufen; die Haupthafenstationen für dieses Unternehmen wurden in Indien in Madras und Calcutta genommen.
Unter der Protection der spanischen Habsburger gelang cs diesem neuem Unternehmen, in kürzester Zeit in Blüthe zu kommen, so daß sich bald die kühnsten Hoffnungen der europäischen Abenteurer erfüllten und sich um den Namen Indiens der Heiligenschein eines gelobten Landes des Ueber- flusses breitete.
Mit dem Ueberfluthen der europäischen Eindringlinge verschlechterte sich jedoch zusehends der freundschaftliche Verkehr mit den Eingeborenen; sie zogen sich in ihre Berge und Wälder zurück und mieden auf jede Weise die Berührung \ mit ihren europäischen Peinigern und Bedrängern.
Kurz bevor diese Zustände ihren schroffen Character ! angenommen hatten, war von den Engländern eine ähnliche | Gesellschaft, wie die oben erwähnte, begründet worden. \ Während die anderen europäischen Nationen an einem glück- s lichen Gedeihen der verwirrten Verhältnisse verzweifelten \ und sich verstimmt zurückzuziehen begannen, oder durch i brutale Eingriffe in die Rechte der Eingeborenen ihrem An- i sehen den größten Schaden zufügten, gelang es der nicht \ ermüdenden Ausdauer der englischen Handelsagenten, die l ftarf gelockerten Beziehungen wenigstens nicht ganz zerreißen - zu lassen. Mr. Hunter, ein indischer Geschichtsschreiber, sagt j öon den Engländern in Bezug auf diese Zeit: „Die Eng- i läuder dürfen sich die Eroberung Indiens aus folgenden i vier Ursachen zaschreiben: 1. Ihrer Ausdauer in Handels- j beziehungen. — 2. Ihrem unermüdlichen Nachgehen, ein ins Auge gefaßtes Ziel zu erreichen. — 3. Dem wunderbaren Muth und der ganz hervorragenden Genialität ihrer Handels- commiffäre in jener Zeit der Wirren. — 4. Der vorsichtigen Behandlung der Eigenheiten, Sitreu und Gewohnheiten der fremden Völker, eine Eigenschaft, die dem Engländer von jeher eigen und nutzbringend gewesen ist."
, Die Ostende-Gesellschaft mußte sich bereits nach elf- \ jähriger Thätigkeit, also schon im Jahre 1733, von dem i Schauplatz ihrer Hoffnungen geschlagen zurückziehen. Das
Anlagecapital dieser Gesellschaft hatte sich jedoch bereits zu 16 Procent verzinst und der Reingewinn konnte die beträchtliche Höhe von 20 Millionen Francs aufweisen.
Es ist kein Wunder, daß Indien, das von drei Seiten von Meeren umgebene Wunderland, stets der Wunsch und die Sehnsucht der verschiedensten europäischen Nationen gewesen ist.
Die Hindus sind stets zu allen Zeiten den Europäern in vielen Dingen voraus gewesen. Das an und für sich reiche Land mit seinen ungezählten Arbeitskräften, und seinem Frucht-, Pflanzen- und Viehreichlhum mußte naturgemäß den Neid weniger begüterter Nationen erregen.
Man denke nur au die Berge Indiens mit ihren kostbaren Metallen und Steinen. Weite, reiche Landstriche in den Flußthälern des Ganges und des Indus strotzen von einem Ueberfluß an Reis, Mais und Getreide. Regelmäßige Winde und Niederschläge, bedingt durch das Seeklima und die himmelhohe Felswand des Himalayagebirges im Norden steigern diese günstige Bodenbeschaffenheit noch ganz bedeutend. Wen sollte es da wundern, daß gerade dieses Land die Begehrlichkeit der Europäer anlockte?
Europa hat seine Kulturarbeit in Indien beendet, es ist reichlich für seine Anstrengungen bezahlt worden. Wer darf es wagen, einem großen und reich begabten Volke, das sich mündig fühlt, noch ferner die Bahnen vorzuschreiben, die es wandeln soll?
Heute durchziehen große, ungeheure Eisenbahnnetze, von denen man sich nach europäischen Begriffen gar keine Vorstellung machen kann, die frühere Wildniß des centralindischen Hochlandes; der electrische Draht spannt sich von Currachee nach Calcutta, von Madras nach Haiderabad. Weite, wohlbearbeitete Felder dehnen sich, wohin das Auge blickt, und Zucker, Indigo und Pfeffer werden auf großen Plantagen angebaut. Landstraßen und Canäle erleichtern den Güter- nnd Personenverkehr und von dem ganzen, ungeheuren Ländercomplexe sind 116 Millionen Acker nicht zum Anbau verwerthbar, während 103 Millionen Acker ständig bearbeitet werden.
Das Volksleben hat im Osten der Halbinsel feilten früheren Character am unverfälschtesten bewahrt, während der Nordosten des Landes gänzlich europäische Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche angenommen hat.
Bobi.
Von Helene Lang-Anton.
------- (Nachdruck verboten.)
Sie hatten sich gezankt, sie wußten Beide nicht, wie es gekommen war, sie lebten sonst in der schönsten Harmonie, und Bobi, ihr süßer Bub', vervollständigte ihr Glück.
Und eben wegen Bobi war der Streit gekommen; er hatte gesagt, der Junge müsse nicht gar so herum toben, nicht so wild sein, sie verliehe ihn za sehr und lasse jede Unart durch, ja belohne sie noch. Und sie behauptete, das müsse so sein, einen Jungen, der saust und ruhig wäre, möchte sie gar nicht, gerade so müsse er sein, wie er ist, ihr herziger Bub! Und dabei schwammen ihre schönen Augen in Thränen, und ihm zuckte die Hand, diese abzuwischen.
Aber nein, so thöricht konnte er doch nicht fein. Er hätte jede Autorität ringebiißt, und was würde Bobi dazu sagen? Bobi saß scelensvergnügt auf dem Teppich und commaudirte nach Hetzensluft mit seinen Soldaten, die er um sich aufgepflanzt hatte, herum. Er hatte augenscheinlich keine Ahnung, welches Unheil er angertchtet hatte.
So kam der Abend, und sie mußten fort. Die Pflicht rief sie ins Specialitäten-Theater. Sie waren Kunstfchützen, Mr. Sydney und feine schöne Frau.
Er schielte nach ihr hinüber, ob sie wohl zur Versöhnung geneigt war, er war nervös und aufgeregt, so


