Ausgabe 
2.4.1898
 
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Es ist mehr als eine Vermnthung," erklärte Ewert mit großer Zuversicht.Doctor Carl Pohl, einer der größten Autoritäten auf dem Gebiete der Vogelkunde, mit welchem ich mich über den Fall berathen habe, hat mir ge­sagt, es sei höchst unwahrscheinlich, daß der Papagei von selbst ins Wasser geflogen sei."

Er hat aber nicht gesagt, daß es unmöglich sei," be­merkte der Amtsrath.

Und wenn Göbener den Vogel lebendig in den Teich geworfen hat?" gab der Amtsrichter zu bedenken.

Das glaub' ich nicht, das Thier hätte ihn, bis er es an den Teich gebracht, zerkratzt und zerbissen," entgegnete zuversichtlich der Doctor.Er hat es durch einen raschen Griff getödtet und die Beweise werden sich finden. Ich würde mich anheischig machen, sie selbst nachzuweisen, da ich aber Partei in der Sache bin, so haben wir den Sachver­ständigen herbeigerufen."

Doctor Carl Pohl?" fragte der Amtsrichter.

Ja wohl. Sobald ich heute die Gewißheit erhielt, daß wir in der Nacht in den Besitz des Papageis gelangen würden, habe ich sofort an Doctor Carl Pohl telegraphirt und ihn, gestützt auf die Zusage, welche er mir bei unserer Unterredung gegeben, ersucht, so schnell es ihm irgend mög- iich, hierher zu kommen," erwiderte Ewert.

Und er kommt?"

Er hat sofort telegraphisch geantwortet, daß er un verzüglich abreist und befindet sich jetzt schon unterwegs. Er wird am frühen Morgen eintreffen."

Bravo, meine Herren, das haben Sie gut gemacht," schmunzelte Wenzel und Amtsrichter Kroh gab seinen Beifall zu erkennen.

Die Untersuchung kann morgen Vormittags im Gerichts- gebäude im Beisein des Staatsanwalts statlfinden," sagte er,und ich werde auch den Physikus zuziehen."

Viel Ehre für einen Papagei," scherzte Ewert, setzte aber dann wieder ernst hinzu:daß nur der Amtmann Göbener nicht vorzeitig etwas merkt."

Sie scheinen dem wenig zu trauen," bemerkte der Amtsrichter.

Im Gegentheil, ich traue ihm sehr viel zu," war die recht nachdrücklich erthcilte Antwort.

In geringer Entfernung von Greifswald machte der Wagen Halt, Doctor Holten und Amtsrichter Kroh stiegen, den Beutel mit dem Papagei nehmend, aus, um die Stadt und ihre Wohnung zu Fuß zu erreichen, Amtsrath Wenzel lenkte um und fuhr mit Ewert nach Waldhof, wo dieser seit ein paar Tagen sein Gast war.

Er hatte ihn von der Reise mitgebracht, die er am Morgen nach dem Besuch des Doctor Holten so plötzlich und gehnmnißvoll unternommen hatte und seinen Hausgenossen einfach als einen alten Bekannten, den Landwirth Herrn Ferdinand Ewert, vorgestellt, der längere Zeit privatisirt hatte, sich jetzt aber in Pommern ankaufen oder auch zu pachten wünschte und deshalb Umschau halten wollte.

Ewerts ganzes Auftreten strafte diese Angabe keines­wegs Lügen, er zeigte sich in allen landwirthschaftlichen Angelegenheiten gut beschlagen und war auch sonst ein an­genehmer, bescheidener Mann- Frau Münter und deren Tochter waren aber trotz alledem der Meinung, daß er etwas Anderes sei, als er scheine und besonders die Letztere fühlte iüy durch seine Anwesenheit schwer beunruhigt.

Er hielt sich indeß sehr im Hintergrund und war viel unterwegs, zuweilen in Begleitung des Amtsrathes, noch öfter aber allein und schien, so weit sich non seinem ruhigen, gleichmäßig freundlichen Gesichte überhaupt etwas ablesen ließ, mir den Ergebnissen seiner Umschau recht wohl zufrieden zu sein.

Ewert hatte ein ganz besonderes Geschick, mit den ihm Begegnenden Gespräche anzuknüpfen und von den Leuten zu erfahren, was er zu wissen wünschte, ohne daß diese selbst ge­wahr wurden, daß sie geplaudert hatten. Krischan war

nicht der einzige Bewohner von Rapshagen, mit dem er sich in eine Unterhaltung eingelassen, er hatte auch schon mit Anneliese einen Schwatz gehalten und selbst den mürrischen Göbener eines Tages gestellt und ihm Rede abgenommen.

In Waldhos angekowmen, trennten sich die beiden Herren sogleich und jeder suchte sein Schlafzimmer auf, aber schon früh am nächsten Morgen stand der Wagen wieder bereit, welcher Ewert nach Greifswald bringen solllte.

Später am Tage folgte ihm der Amtsrath Wenzel dahin und blieb bis zum Nachmittage. Nach seiner Rückkehr erfuhren Fran Münter und Carola endlich, was seine häufige Fahrten in der letzten Zeit bedeutet hatten und wer Herr Ewert, der nicht wieder nach Waldhof gekommen, eigentlich war ein äußerst geschickter Detecnv, den der Amtsrath im Einverständniß mit Doctor Holten aus Berlin geholt hatte.

XXI.

Früher, als er sich vorgenommen hatte, kehrte Amt­mann Göbener am Nachmittage des nächsten Tages nach Rapshagen zurück.

Er war nach Fuchsberg gefahren, weil, wie er polternd zu seiner jüngeren Tochter Doris gesagt hatte, er das Ge- klöne und Gestöhne in Rapshagen nicht mehr ertragen könne und einmal wieder Menschen aufsuchen müsse, mit denen sich ein vernünftiges Wort reden lasse.

Es war indeß auch dort nicht nach seinem Kopfe gegangen.

Die Kinder waren, wie er wenigstens behauptete, un­gezogen gegen ihn gewesen,- sein Schwiegersohn hatte seinen Tadel einiger wirthschaftlicher Neuerungen, die er eingeführt, nicht gleichmüthig hingenommen und war mit ihm in Streitig­keiten gerathen und die Tochter, die sonst öfter zu dem Vater hielt, hatte sich diesmal ganz auf die Seite ihres Mannes gestellt und dem Alten kräftig ins Gewissen geredet.

Nicht die Anderen, er selbst sei schuld, daß mit ihm so schwer auszukommen sei, sie müsse es ihm endlich e-nmal sagen und sich der Mutter und der Geschwister annehmen.

In der übelsten Laune hatte der Amtmann noch vor­dem Mittagsessen das Anspannen befohlen und war fort­gefahren mit der Versicherung, man solle in Fuchsberg nicht so bald wieder die Ehre haben, ihn zu sehen.

Er ahnte nicht, wie wahr er gesprochen hatte.

Es sind ein paar Herren da, die mit dem Herrn Amtmann sprechen wollen," meldete Jochen, welcher auf das Peitschenknallen, durch das Göbener Feine Ankunft meldete, herbeigerufen war und ihm Pferd und Wagen abnahm,sie warten w hl schon eine Stunde."

Dummheiten!" fuhr Göbener auf.Ihr konntet ja gar nicht wissen, wann ich kommen würde."

Das hat ihnen Frau Büttner auch gesagt, aber sie meinten, sie hätten Zeit und wollten warten. Sie haben ausspannen lassen."

Und ihre Gäule thun sich an meinem Hafer und meinem Heu gütlich," brummte Göbener,wie die Herren an meinem Wein oder Bier, meine Tochter hat gewiß auf­fahren lassen. Kenne das."

Ich glaube, Frau Büttner hat's angeboten, sie haben es aber nicht angenommen," erwiderte Jochen, und nun fuhr ihn Göbener an:

Was scheert Dich das? Kümmere Dich um Deine Arbeit. Wenn ich nur den Rücken wende, wird hier nichts gelhan, sondern bloß herumgestanden und geschwatzt."

Er warf dem Knecht die Peitsche, die ec noch in der Hand hielt, so zu, daß sie ihm schmerzhaft in's Gesicht flog, drehte ihm den Rücken zu und ging nach dem Wohnhause, ohne darauf zu achten, daß Jochen, welcher sich mit der Hand die thränenden Augen wischte, ihm nachschrie:

Zu Johanni zieh' ich auch. Hier wird's ja alle Tage schlimmer, das braucht man sich denn doch nicht bieten zu lassen!"

(Fortsetzung folgt.)