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Doctor Holten war bisher noch niemals in diesem Zimmer ausgenommen worden, und wäre er besser mit den Gewohnheiten des Hausherrn vertraut gewesen, so hätte schon der Umstand, daß er hierher gewiesen worden war, recht niederschlagend auf seine Hoffnungen wirken müssen.

Bei seinem Eintritt fand der Amtsrath den jungen Mann an einem der nach dem Park gehenden Fenster stehen, anscheinend verloren in den reizvollen Anblick, welchen die mit reichem, mannigfaltigen Farbenschmuck des Herbstes prangenden Bäume boten.

Sobald Holten das Oeffnen der Thür vernahm, drehte er sich um und kam dem Amtsrath einige Schritte entgegen.

Beide Männer begrüßten sich in sehr artiger, verbind­licher Weise, dennoch hatten ihre Blicke einen Ausdruck, wie ihn zwei Gegner haben mögen, welche sich mustern, bevor sie einen Waffengang beginnen, bestrebt, die schwache Seite des Anderen zu erspähen.

Sie haben in so liebenswürdiger Weise an mich ge­schrieben und sich so überaus freigebig gegen mich erwiesen, Herr Amtsrath," begann Doctor Stephan Holten mit einer artigen Verbeugung, aber Wenzel ließ ihn nicht weiter reden, sondern fiel ihm mit einer ablehnenden Handbewegung ins Wort:

O, ich bitte Sie, Herr Doctor, lassen wir das, es ist wirklich gar nicht der Rede werth."

Doch, doch," erwiderte Stephan Holten sehr lebhaft und ließ sich in den in der Nähe des Fensters stehenden Stuhl nieder, den Wenzel ihm geboten hatte, während er selbst ihm gegenüber Platz nahm.Ich bin herausgefahren, um Ihnen meine Antwort .und meinen Dank persönlich zu bringen."

Das ist wirklich zu viel, Herr Doctor," entgegnete freundlich, aber trotzdem unverkennbar abweisend, der Amts­rath.Ihre Zeit ist kostbar, Sie hätten sie mir nicht opfern sollen,- ein paar Zeilen würden genügt haben."

Doctor Haltens Stirn röthete sich wie in aufsteigendem Unmuth, er kämpfte ihn aber schnell nieder.

Soll das so viel heißen, daß Ihnen meine ferneren Besuche unerwünscht sind, Herr Amtsrath?" fragte er traurig, aber ohne eine Spur von Gereiztheit im Ton und schante Wenzel geradeaus mit den treuherzigen, klaren Augen an, welche in Farbe und Schnitt sehr viel Aehnlichkeit mit denen seiner Schwester Anna hatten.

Er glich überhaupt Anna sehr, nur waren seine Züge scharf und ausgeprägt, die ihrigen dagegen weich und un- besttmmt,- Mund und Kinn drückten, umgeben von einem braunen Bart, bet ihm Bestimmtheit und Willenskraft aus, während auf dem Gesichte seiner Schwester Schüchternheit und eine bis zur Schwäche gehende Hingebung und Opfer­freudigkeit sehr deutlich zu lesen stand. Auch war Stephan Holten groß, kräftig, breitschulterig, Anna dagegen zierlich und nicht über Mittelgröße.

Durch Doctor Haltens unumwundene Frage, welche Amtsrach Wenzel nicht erwartet haben mochte, wurde er offenbar in Verlegenheit gesetzt, wußte sich jedoch schnell zu fassen. Obwohl Landwirth, war er ein Mann von durchaus guten Umgangsformen und liebte es, auch unangenehme Dinge in möglichst gefälliger Weise abzuthun. Nach ganz kurzem Zögern erwiderte er, eine directe Antwort ver­meidend :

Meine Tochter ist dank Ihnen völlig wieder her- gestellt"

Und bedarf keines Arztes mehr," fiel Doctor Stephan Holten ihm in die Rede.Das weiß ich, Herr Amtsrath. So klein mein Verdienst daran ist"

Ich weiß sehr wohl zu würdigen, was Sie für uns gethan haben, und werde Ihnen stets meine aufrichtige Dankbarkeit bewahren."

Um Haltens Mund zuckte es bitter.

Sie haben sie mir bereits so überreich zu erkennen gegeben."

O, Herr Doctor, mit Geld läßt eine solche Schuld sich nicht abtragen," sagte der Amtsrath nun doch wärmer als es in seiner Absicht gelegen hatte, und Holten rief ausstehend:

Meinen Sie das im Ernst, Herr Amtsrath? Meinen Sie wirklich, Sie hätten gegen mich eine Dankesschuld, welche Geld nicht zu tilgen vermag? Wenn ich nun ge­kommen wäre, eine solche einzufordern?"

Herr Doctor Holten!" Der Amtsrath, der sich ebenfalls schnell erhob, rief diese Worte mit großem Be­fremden. Schon aber hatten sich Ton und Haltnng des jungen Arztes vollständig verändert. Beinahe demüthig fuhr er fort:

Nicht so! Nein, Herr Amtsrath, Sie schulden mir keinen Dank. Was ich gethan habe, war meine Pflicht als Arzt, der seinen Lohn einzig und allein im Gelingen seiner Bemühungen finden soll. That ich vielleicht etwas darüber, so ist es geschehen, weil ich in Ihrer Tochter bald mehr sah als eine geduldige und interessante Patientin, weil sie mir theuer ward mit jedem Besuche, den ich an ihrem Krankenbette machte, weil ich mir die Geliebte, die Braut, die Gattm retten wollte!"

Herr Doctor!" Der Amtsrath wollte den jungen Mann unterbrechen, der jetzt hoch aufgerichtet, mit leuchtenden Augen und kräftig arbeitender Brust vor ihm stand, er bat jedoch:

Lassen Sie mich ausreden, Herr Amtsrath! Meta Ihre Tochter ist genesen! Sie ist dem Leben wiedergegeben und hat den Wunsch, dieses Leben mir zu schenken. Unsere Herzen haben sich gefunden. Wir"

Nicht weiter, Herr Doctor!" gebot ihm jetzt der Amtsrath in strengem Ton und fügte mit gefurchter Stirn hinzu:Halten Sie cs für angemeffen, daß ein Arzt den unumschränkten Verkehr mit seiner Patientin, deren Schwäche, deren gesteigerte Eindrucksfähigkeit benutzt, um in einer solchen Weise auf sie einzuwirken?"

Des jungen Doctors Stirn verfinsterte sich; unmuthig und beschämt schaute er zu Boden, hob aber seine Augen bald wieder und antwortete freimüthig:

Ihr Vorwurf ist nicht unberechtigt, Herr Amtsrath, und trotzdem darf ich mich davon freisprechen. Ich habe nicht künstlich auf Meta eingewirkt, habe nicht die Schwäche der Genesenden zu meinen Gunsten benutzt. Unsere Seelen haben sich gefunden, ohne jeden Zwang hat sie mich erwählt, wie ich sie."

Amtsrath Wenzel lächelte fein und spöttisch.

Ich zweifle nicht daran, daß Sie dieses Glaubens sind und daß auch Meta es sich einbildet!"

Einbildet!" wiederholte im Tone aufrichtigen Schmerzes der Doctor.Sie halten Metas Liebe zu mir für Ein­bildung ?"

Verzeihen Sie mir, Herr Doctor, nichts liegt mir | ferner, als Sie verletzen oder Ihnen wehe thun zu wollen," i erwiderte jetzt wieder freundlicher der Amtsrath.Aber ich kann es Ihnen nicht verhehlen, ich halte diese sogenannte Liebe meiner Tochter allerdings für Einbildung oder sagen wir meinetwegen auch Schwärmerei. Sie verwechselt Dankbarkeit mit Liebe."--

Woraus schließen Sie das?"

Und woraus schließen Sie das Gegentheil?" fragte der Amtsrath. Nach kurzem Nachdenken setzte er hinzu: Ich will Ihnen die Gründe für meine Auffassung sagen, obgleich dies eigentlich überflüssig ist. Meta hat von Kind­heit an eine Zuneigung zu einem Nachbarssohn gehabt- ich habe den jungen Mann immer als künftigen Schwiegersohn betrachtet und kann nicht glauben, daß sie ihren Sinn so schnell hätte ändern können."

Doch, doch! Was ist Kinderfreundschaft gegen die Liebe reifer Menschen! Der Mond muß erbleichen, wenn die Sonne aufgeht!" rief Doctor Holten enthusiastisch.