Ausgabe 
31.12.1897
 
Einzelbild herunterladen

614

Blume des Glücks auf diesem Berge pflücken soll. Für ihn wird das Glück vollkommen sein, ach, daß auch für sie die einzige Wolke, welche es noch beschattet, zerrinnen könnte! Das Majorat ist und bleibt für sie das Bleigewicht an den Schwingen ihrer Liebe, welches den höchsten Aufschwung nicht gestatten will.

Pia hat nie Werth auf Geld und Gut gelegt; ihr zart­fühlender Sinn erachtet den Reichthnm als Feind wahrer Liebe. Wie soll sich dieselbe bethätigen, wie soll sie sich in ihrer ganzen Größe und Stärke zeigen, wenn sie es nicht durch Opfermuth beweisen kann?

Ach, daß Wulff-Dietrich der ärmste Mann unter der Sonne wäre! Daß er doch der titel- und mittellose Assessor Hellmuth geblieben wäre, auf daß sie ihm zeigen könnte, wie sehr sie ihn liebt! O glückselige Margaretha, wie die von ihrem Jung' Werner sagen konnte:Er ist nur ein Trompeter, und doch bin ich ihm gut!"

Ja, dadurch allein ist er zum glückseligsten Mann im römischen Reich geworden, durch die Ueberzeugung: Sie liebt Dich um Deiner selbst willen!

Wie gern würde sie eine solche Glückseligkeit auch Wulff-Dietrich bereiten!. aber die unbittlichen Schicksalsmächte haben es anders beschlossen.

An sich selber und ihren Stolz denkt sie nicht mehr. Fränzchens schlichte Worte haben einen wunderbar tiefen Eindruck auf sie gemacht! was ist ihr armseliges Ich gegen das älteste Geschlecht des Landes, dessen Traditionen zu ehrwürdig und heilig sind, um an einer Mädchenlaune zu Grunde gehen zu dürfen!

Daß es ihr fern gelegen, aus dem Glückszufall, welcher ihr die sechzehn Ahnen beschieden, Capital zu schlagen und die Grafenkrone für sich daraus zu schmieden, das weiß Wulff Dietrich! Sie vergiebt sich nichts mehr und schädigt ihre Würde nicht, wenn sie nun, wo die Existenz der Grafen Riedeck^von ihr abhängt, die Hand zur Versöhnung bietet.

Sie muß es thun, denn Walff-Dietrich kann als Ehren­mann um sie werben, so lange er der Majoratserbe dieses Schlosses ist. Sie liebt ihn! und die Liebe hat über Stolz, Trotz und Vorurtheil gesiegt.

Der bedeutungsschwere Tag, welcher so viele Herzen schneller schlagen machte, ist angebrochen.

Ein klarer, heißer Sommertag- die Bäume stehen regungslos, die Rosen duften schwül und die Vöglein verstummen im Walde. Man nimmt das erste Frühstück in der Waffenhalle, unter deren hoher, säulengetragen.er Wölbung nichts von Hitze zu merken ist. Das Gespräch ist viel leb­hafter wie sonst und dreht sich hauptsächlich um die Ankunft der Gäste- Fränzchen zeigt sich von ihrer übermüchigsten Seite und scheint sich vor Ungeduld zu verzehren.

Aber ihre Sehnsucht gilt nicht Wulff - Dietrich. Im Gegentheil, sie hat Morgens bei der ersten Begrüßung die Hände Pias erfaßt und ihr tief und forschend in die Augen geblickt:Freust Du Dich auf ihn?" hat sie geflüstert.

Das junge Mädchen athmet tief auf und ihre strahlenden Augen geben Antwort.

Fränzchen nickt aufgeregt und drückt die schlanken Finger noch heftiger.Ihr sollt Euch nicht in meiner Freundschaft täuschen! ich habe es mir zugeschworen!" murmelte sie, und dann reißt sie sich los, um Kräalem Aurelchen einen extra dazu eingefangenen Frosch meuchli gs in die Halskrause zu stecken, daßder Kalte, Nasse" dem zeterschreienden Dämchen längelang den Rücken hinabzappelt.

Aurelchen krümmt sich wie ein Fidelbogen, und die junge Gräfin will sterben vor Lachen.

Und diese Ausgelassenheit dauert während des ganzen Frühstücks an, nur der etwas schweigsame Gert wird voll zarter Aufmerksamkeit behandelt, ja, trotz des verweisenden Blicks der Mama hält. sie ihm ein paar Mal die Hand zum Kusse hin und sieht den lehr überraschien jungen Offizier dabei so süß und holdselig an, daß Gert wohl oder übel küssen muß. (Fortsetzung folgt.)

Das Neujahrs-Gespenst.

Novellette von Agnes Schoebel.

------- (Nachdruck verboten.)

Auf Schloß Simmern saß eine fröhliche Gesellschaft beisammen, unter geheuchelter Feierlichkeit der ersten Stunde des neuen Jahres entgegenwachend. Man lachte, man kicherte, man blies hin und wieder eine Flamme des siebenarmigen Eisenleuchters aus, der geheimnißvoll schwarz neben der dampfenden Sylvesterbowle thronte, und die Jugend machte sich bereit, nach bewährtesten Recepten hinter den ihr himmelblau erscheinenden Schleier der Zukunft zu dringen. Rosige Mädchenhände schoben schmale, mit Glücksnüssen und Bleikugeln gefüllte Körbchen, sowie ein paar Netze mit Eiern und Aepfeln auf den Tisch. Zum Schluß brachte der Diener eine Platte mit Zinnlöffeln und hohen, durchsichtigen Gläsern, eine mit Löthwaffer gefüllte Schale und einen verdeckten Spiegel.

Das Gespräch wandte sich naturgemäß den unterschied­lichen Neujahrsgebräuchen zu. Der verstaubteste Aberglaube wurde an's Licht gezogen, überlieferter und selbsterlebter Gaukeleien gedacht, so daß es den jungen Mädchen nur so gruselte. Immer schwerer wurden die Athemzüge, immer heißer glühten die Gesichter, man flüsterte, man sprach durch­einander, bis schließlich des Schloßherrn drohende Stimme Ruhe gebot.

Geht mir doch mit all dem in der Luft flirrenden Kram! Das Einzige, was mir imponiren kann, ist ein rich­tiges Gespenst, wenn's nicht Unsinn wäre, sagt' ich ans Fleisch und Bein. Aber bleibt mir vom Halse mit krummen Weidenbäumen und zum Trocknen aufgehängten Laken!"

Der jugendliche Hasso Harden, dessen Bärtchen bereits einen halben Centimeter aus der zarten Haut hervorwucherte, fing an, mit einer weißen Frau zu renommiren, die sich seinem Geschlecht bei bevorstehenden Todesfällen zu zeige» pflege, wurde aber gründlich ausgelacht mit so einem ab­genutzten Gespenst.

Da konnte Edgar von Arnim, der von Hannover herübergekommen und bereits mehrfach im Laufe des Abends in Gefahr gerathen war, die knappe Uniform der Königs­ulanen vor Lachen zu sprengen, doch einen kräftigenWirder- gänger" in's Treffen führen,- einen eisenbepanzerten Ahnherr», welcher sich's angelegen sein ließ, seine Nachkommen durch Rasseln mit Schwert und Schild auf nahendes Unheil hiu- zuweisen.

Die kleine Lolo Bentheim, dieHerzensnichte" des alte« Grafen Simmern, und von ihm zu wochenlangen Besuchen eingeladen, mochte nicht zurückstehen. Sie erzählte umständ­lich von einer silbernen Jungfrau im weißen Rosenkränze, welche besonders die Bräute des Bentheim'schen Hauses mit frühem Sterben bedrohe.

Ja, wollen wir denn wirklich das neue Jahr unter Heulen und Zähneklappern erwarten?" schnitt ihr der Herzensonkel" weitere Rede ab. Er legte bedächtig ein paar Scheite Holz in's Kaminfeuer, um dasselbe zum Schmelzen des Bleies tüchtig zu machen.Wenn Ihr nicht von humoristischen Gespenstern zu erzählen wißt"

Aber humoristische Gespenster giebt's doch nichts er­scholl es im Chore.

Na, dann meinetwegen edelmüthige, die Gutes anfangr« und lustigen Unfug in's Haus bringen"

Lolo machte ein spitzes Mäulchen.Das Gute muß vom Himmel fallen! Wenn man's lange im Voraus weiß, freut's einen nicht," bemerkte sie weise.

Der alte Graf zwinkerte äußerst listig mit den grau­grün schillernden Augen und trommelte eine Polka auf de« Tisch. Dann wandte er sich an seine Tochter.Du, Melitta, von einem steinernen Gast hab' ich wohl schon gehört, aber von einer steinernen Wirthin noch niemals. Kops hoch und die Gläser voll geschenkt! Seiner Majestät jüngste Lieutenants