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„Und wieder herunter," ergänzte Graf Jobst phlegmatisch. „Mag auch vorgekommen sein. Aber fehlgeschossen habt Ihr allesammt. Sie nahm einen Anderen. Und der Caplan sprach in hiesiger Capelle den Segen über ihr Haupt —"
„Danach fiel er doch aber tobt um?" seufzte Lolo Bentheim.
„Ach, papperlappap! Dachte gar nicht an solchen romantischen Unsinn. Hat noch an die sechzig Jahre in schöner Fülle gelebt, Gutes gestiftet, die famosesten Blumen gezüchtet und ist schließlich unserer Familie ein treuergebenes Gespenst geworden, das noch heut' seine Freude an fröhlichen Ereignissen hat —"
„Noch heut', Onkelchen?" V? '
„Das Wort „heut'" ist freilich nur eine Floskel, aber wer weiß, unter dem Monde ist nichts unmöglich und braven Gespenstern erst recht nicht! Vielleicht findet das Beispiel der sternäugigen Ahnfrau Nachahmung —" Er blinzelte schalkhaft zu Melitta hinüber.
„Ich sterbe uuvermählt," sagte diese fest. Es klang wie ein Gelübde.
Graf Jobst Pfiff durch die Zähne und stand auf. „Es soll kein Mensch sich je vermessen, von dieser Speise will ich niemals essen. — Wer hat Lust, mit mir in den Kreuzgang hinunter zu steigen? Ihr Alle? Tausend noch mal, seid Ihr ein beherztes Volk! Wenn nun aber das Gespenst nur die zwölfte Stunde abwartete, um an der Capellenthür herumzuspuken? Zuletzt zeigte sich's dort vor der Verlobung meiner jüngsten Schwester."
Lolos Rosenfinger stahlen sich in die breite, braune Hand des Schloßherrn. „Sieht's denn so gräßlich aus? Vielleicht wie ein Gerippe?"
Er schob die Achseln hoch. „Ich hab's noch nicht gesehen. Aber in der Kutte soll's gehen, gegürtelt und geschnürt sein und ein junges, keckes Gesicht haben."
Die Zwillinge tanzten vor Vergnügen.
„Aber was wird aus all' dem Bleizeuge und dem sonstigen Shlvesterunfug? Gelegte Eier seh' ich da. Wollt' Ihr Euch um ungelegte kümmern?" Mit dröhnendem Schritt ging Graf Jobst durch's Zimmer.
Lolo Pustete die Kerzen des eisernen Leuchters aus. „Das ist ja Alles vieux jeu, Onkelchen, abgetakelte Sachen! Ein richtiges Gespenst sehen, das wäre doch zehnmal hübscher!"
Edgar von Arnim zeigte auf die Kaminuhr. „Zwanzig Minuten bis zwölf, 's ist hohe Zeit."
Graf Simmern blickte sich im Kreise um. „Also graulich ist's Euch nicht?"
Der eine Zwilling schnippte mit dem Finger. „Graulich? Wo ich doch schon einmal einen Geist gesehen habe, damals, ehe ich die schlechte Censur bekam."
Graf Jobst warkirte einen Nervenschauer. „Huh," machte er. „Das war wohl der Geist, der Dir selber fehlte?" Er streckte die Hand nach dem Knopf der electrischen Leitung aus. „Stellen Sie Champagner auf Eis," rief er dem ein- tretenden Diener zu. Danach musterte er scharf das blasse Gesicht seiner Tochter. „Willst doch nicht auskneifen? Auf Simmern giebt's keine Deserteure. Mannschaften, nehmt sie in die Mitte!"
Edgar von Arnim zog lachend den Arm des Mädchens durch den seinen und schritt zur Thür.
Im Vorzimmer wickelten sich die Damen in warme Hüllen, dann stieg man über die hallende Treppe zum Kreuzgang hinab.
„Ich müßte lügen, wenn nicht wär', als streue mir Jemand Schnee den Rücken hinunter," wisperte Lolo der Tante zu. Und die Zwillinge klapperten mit den Zähnchen.
Susi raffte aus einem Winkelchen ein verschlaffenes Hauskätzchen auf. Sie gedachte es zur Noth dem Geist ins Gesicht springen zu lassen.
Lachend folgten die jungen Osfiziere. „Die Geisterstunde hat kein Anderer als der Onkel eingerichtet," flüsterte Hasso Harden.
Mit dumpfer Miene „Ruhe" gebietend, öffnete Gras Simmern die eiscnbeschlagene Thür zum Kreuzgang. Weit und öde thut sich die schmale Halle auf. Zwischen den Säulen schaute man hinaus in's Freie, in die Landschaft.
Ein weißes Paradies dehnte sich draußen, durchglänzt von bläulichen Schatten. Tiefdunkel, nur von wenigen Sternen überfunkelt, stand der Nachthimmel darüber. Der Mond hatte sich hinter eine Wolke versteckt.
Fast athemlos drehte sich das ganze Völkchen nm die riesige Gestalt des Schloßherrn. Schnarrte cs nicht dort in der Ecke? Und oben zwischen den Wölbungen, was flattert auf und nieder?
Da erhob die alte Uhr im Capellenthurm ihre knarrende Stimme. Als sie zum zwölften Male rief, öffnete sich die Thür am Ende des Ganges. Langsam, langsam, in gemessener Feierlichkeit trat eine Gestalt hervor, in das Halbdunkel hinein, eine hohe Gestalt in brauner Kutte, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Der nächtlich schweifende gespenstische Caplan nahm die Richtung grab' auf Melitta zu.
Wie von ber Tarantel gestochen, jagten die Zwillinge davon, Susi ließ die aufgeraffte Katze fallen und sprang dem Onkel an den Hals, Lolo aber sank in die Kniee und betete vor Schreck ihr allererstes Kindersprüchlein her.
Nür Melitta stand wie angewurzelt. Ihre Augen starrten. Der Athem stockte ihr unter Seufzen. — —
Und dann hob sie Plötzlich die Arme. Der Mantel glitt ihr von den Schultern. In feenhafter Lieblichkeit stand sie da unter dem matten Sternenlicht, das ihre Augen durchleuchtete, ihre Augen, die an der Erscheinung des Mönchs hingen.
„Constantin!" rief sie mit einer Stimme, welche zwischen Lachen und Weinen schwankte.
Da wurde die Capuze drüben in den Nacken geschoben, ein lachendes, frohes, glückseliges Gesicht erschien über der Kutte — zwei Arme breiteten sich ans — — Mit einem zärtlichen schluchzenden Laut sank Melitta hinein.
Im nämlichen Augenblick durchsonnte blendendes Licht den düsteren Kreuzgang.
„Expreß hab' ich die electrische Leitung hierherführen taffen,, um das Gespenst gründlich beleuchten zu können," rief Graf Jobst. Sein Gesicht zuckte vor Rührung und Freude. „Melitta, mein altes Gör, hab' ich nun all meine Sünden gut gemacht? Cmstantin, Du verwünschter Bengel, küffew kannst Du sie noch Dein Lebelang — jetzt laß Dich erst mal von Deiner zukünftigen Frau Schwiegermama Liebdeu anschauen!"
Er schlug seiner Frau, die sprachlos vor Erstaunen war, auf die Schulter. „Was sagst Du, Alte? Braun wie 'n Kaffer ist er geworden da unten. Die Erlebnisse haben ihm den Leichtsinn hübsch vom Gesicht 'runtergewischt, he? Aber Noblesse hat er bewiesen, sich tüchtig zusammengeriffen und alles ausgelöscht, was ihm in Europa bös angekreidet war. Hat die Schwarzen menschlich behandelt, wie sich's für einen Weißen ziemt. Wahre Hymnen sandten mir ja der Commiffar und Gras Pfeil über ihn zu. Na, und da, und da —" eine Thräne rollte in seinen grauen Schnauzbart, „da könnt ich doch garnicht anders als einfach telegraphiren: „Einem ganzen Kerl kann ich's Mädel nicht länger verweigern!" Ritsch, ratsch war er hier — und da ich nun mal 'ne ernste Sache ohne 'nen derben Spaß nicht vertragen kann, hab' ich Euch den Bengel als Neujahrsgespenst aufgebaut. Und jetzt — zum Champagner!"
Humoristisches.
Zielbewußt. Sonntagsreiter (beim Pferdeverleiher): „Geben Sie mir ein Pferd, das in den Stadtpark will."
Redaction: 8L Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch« und Steindruckerei (Pietsch & Echeyda) in


