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haben Durst! — Willst Du Dein larmoyantes Gesicht etwa in's funkelnagelneue Heilsjahr mit hinüberschleppen?"
Das Mädchen zuckte zusammen. Sie hatte an dem lustigen Geplänkel der kleinen Gesellschaft keinerlei Antheil genommen, sondern mit tiefgesenkrem Köpfchen dagesefsen und wie abwesend einen Strauß zerpflückt, welchen der galante Edgar ihr geschenkt. Jetzt erhob sie sich. Ein erzwungenes Lächeln durchleuchtete die Schwermuth ihrer Züge. Sie begann die Gläser der Gäste zu füllen.
„Arme Melitta," flüsterte es da neben ihrem Ohr, — -/sollst auch noch lustig sein!" Ein paar weiche Arme legten sich um ihre Schultern. Susi Arnim war die einzige unter Melittas Freundinnen, welcher sie einen tiefen Herzenskummer anvertraut hatte, obgleich man es ziemlich a'>gemein wußte, daß die Comtesse Simmern unter Schwermuthsanfällen litt, feit eine gewisse Familienangelegenheit, in welche ein liebenswürdiger Taugenichts hineinspielte, den unerquicklichsten Abschluß gefunden. Besagter verführerischer junger Mensch hatte vor knapp zwei Jahren einen dornengespickten Korb Dom alten Simmern besehen und war seitdem so gut wie verschollen. —
Susi nahm der Freundin ein randvolles Glas ab und schob es dem Hausherrn hin. Dabei sandte sie ihm einen reizenden, flehenden Blick zu. Auch seine Gattin, Gräfin Natalie, zwinkerte mit den Augen.
„Ach was! Weibersentimentalität! Sind einem alle Felle weggeschwommen, soll man auf frische jagen gehen!" brummte er in den Bart hinein. Dann zwinkerte er von Neuem vergnügt mit den Augen und räusperte sich dreimal gewichtig.
. ,-Also Ihr flackriges, oberflächliches Gesindel hegt Zweifel an der Existenz edelmüthiger und glückbringender Geister? Wenn ich Euch nun sage, daß unser eigenes Haus einen solchen besitzt? He?" Er schob die buschigen Augenbrauen zusammen, eine geheimnißvolle Miene aufietzend. „Und wenn's Glück gut ist, erscheint er uns vielleicht heut, denn er ist ein Neujahrsgespenst."
Lolo stieß Melitta vbermüthig in die Seite.
„Und davon hast Du mir niemals erzählt!" dehnte sie. Melitta fuhr aus Träumen auf. Sie wußte gar nicht, um was es sich handelte.
Zwei reizende Nichten des Hauses, Zwillinge, die man -stets verschieden kleiden mußte, um sie nur auseinanderhalten zu können, blickten mit ihren vier Perlaugen die Tante Natalie an. Sie lächelte ihr feines, güt ges Lächeln und nickte. Gedachte ihr Mann irgend einen lustigen Schwank in Scene zu setzen, so wäre sie die letzte gewesen, sich als Spaßverderberin auszusptelen.
Ungläubiges Lachen und fragende Ausrufe schwirrten setzt durcheinander.
„Ookelchen! Ein Neujahrsgespenst? Warum nicht gar!"
Graf Simmern reckte seine Hünengestalt. „Und ein Heirathsgespenst dazu! Sagt unserem Hause jede Hochzeit an!"
Die Zwillinge sperrten die Rosenmäulchen auf. „Melitta, da bist Du an der Reihe!"
Allgemeines Jubeln und Händeklatschen.
Edgar von Arnim wurde sehr verlegen, das Mädchen -erblaßte und senkte den Blick, Thränen funkelten in ihren Augen.
Unmuth'g schob Graf Simmern sein Glas von sich. „Ach was, die ist zur alren Jungfer geradezu prädestinirt." Seine Frau legte ihm warnend die Hand auf den Arm.
„Schone sie, Jobst," bat sie leise. „Ihr ist es noch sehr weh im Herzen."
Melitta sah auf. „Ich weiß nicht, was ich dem Papa gethan habe Seit dem Weihnachtsfest hab' ich keine Stunde vor seinen Neckereien Ruhe."
„Mußt Dich eben oa hineinschicken, einen herzlosen alten Vater zu haben," erwiderte gleichmüthig Graf Simmern und griff nach Lolo Bentheims Ktnderpatschchen, welche mit ein paar Glücksnüssen spielten.
„Soll etwa das Schicksal durch Liebkosungen von solchen Händen bestochen werden? Nichts da! Zurück mit den Nüssen in den Korb!"
Lolo schmollte. „Pah! Schicksal bestechen! Für einen Heirathsantrag mache ich mir nicht die mindeste Hoffnung." Sie zeigte auch ihr kurzgeschorenes Köpfchen. „Wie sollte auch der Brautkranz hier festhalten?"
Die Zwillinge strichen stolz über ihr Nest von dichtgeflochtenen Zöpfen. „Aber das Neujahrsgespenst? Hat's denn keine regelrechte Vorgeschichte?"
„Na und ob! Schwer romantisch, Ihr neugierige Gesellschaft !"
Die Zwillinge falteten die Hände.
Lachend drohte ihnen Graf Simmern und fing dann an, die Geschichte des Gespenstes zu erzählen.
„Das sind so Sachen, wißt Ihr — Sachen —! Unser Spiritus familiaris ist ein Phönix, ein weißer Rabe. Während sich's andere wohlbestallte Gespenster angelegen sein lassen, Unheil zu verkünden, als ob das nicht früh genug käme — ist dieser edelmüthige Spuk bestrebt, die feurigsten Kohlen auf die Häupter der Simmerns zu legen. Sodann bemüht er sich nicht um Kleinigkeiten. Es verlohnt sich stets der Mühe, wenn er dieses Schloß mit seiner gespenstigen Gegenwart beehrt. Ein fröhliches Hochzeitsfest steht danach bevor und somit die Aussicht, unsere Gesellschaft wachsen und gedeihen zu sehen. Warum trittst Du mich denn auf den Fuß, Natalie? Hm, ach so, — na, also bloß Hochzeit ohne darauffolgende Kindtaufe!"
„Aber Jobst!"
„Aber Jobst!" wiederholte Graf Simmern schmunzelnd und fuhr dann gemüthlich fort: „Also über die Ziele und Zwecke unseres Familiengespenstes hätte ich mich zur Genüge ausgelaffen, wie der Ordnungsruf meiner verehrten bessere« Hälfte mir soeben bewies. Erübrigt nur noch, die Herkunft der freundlichen Geistes zu beleuchten." Er holte tief Athem. „War da mal unten im Dorf ein junger Caplan, so ein Mann Gottes, der aus lauter Frömmigkeit in Armuth, Keuschheit und Gehorsam, — aber Alte, die neuen Juchtenledernen werden bedenklich leiden — also wie gesagt in Armuth, Keuschheit und Gehorsam lebte. Hinderte ihn jedoch nicht, ein Herz zu haben, so eins voller Explosivstoff, wie sich's jetzt öfters bei den Königsulanen zeigen soll." Er nickte Edgar von Arnim zu. „Na, schweig' stille, mein Junge. — Also, besagter Caplan hob den vermessenen Blick zu der Tochter des dermaligen Herrn auf Schloß Simmern, wodurch alle drei Gelübde bedenklich in's Schwanken geriethen."
Melitta horchte athcmlos. „Und die Tochter? WaS thut sie?"
„Wie sah sie vor allen Dingen aus?" forschte Hasso Harden.
„Die Tochter? Hm Sie hatte schwarzes Haar wie alle Simmerns, aber ihre eigenen blauen, wahrscheinlich vom Himmel mit heruntergebrachten Augen, „große, helllichte Sterne" — sagt eine alte Chronik« —"
„Gerade wie Du, Melitta," flüsterte Susi Arnim der Freundin in's Ohr.
„Aber was sie nicht hatte, das war so der richtige Menschenverstand, welcher die Hoffnung nicht fahren läßt. Sie sah immer nur die Tonsur zwischen den Locken ihres Herzallerliebsten, denn das war er trotz seines geschorenen Kopses. Statt daß sie ihn Übermacht hätte, aus der finsteren Klosterzelle zu entfliehen, seinem Gott im hellen Sonnenlicht du ch fröhliche Thaien zu dienen und schließlich mit ihr einen christlichen Hausstand zu begründen, — na, was vermeint Ihr junues Vo k, was sie that?"
„Sie ging ebenfalls in's Kloster, aber in ein Nonnenkloster," rief Edgar von Arnim.
Die Zwillinge schauderten. „Sie wurde eine bösartige, alte Jungfer."
Melitta hob die blauen Augen. Ein tiefes Leuchten stand darin. „Sie stieg zu dem Teufelefelsen hinauf —"


