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zischelten sie ihnen heimlich nach. Gehörten solche aber zu ihren Gegnern, so räusperten sie sich in nicht mißverständlicher Weise. Bella konnte nicht mehr in die Kirche gehen, ohne daß selbst an der geweihten Stelle die Blicke Vieler sich mit verletzender Neugier auf sie richteten. Von allen Seiten kamen Rechnungen von Lieferanten wie eine Sturm- fluth ins Kranzler'sche Haus. Es kam vor, daß von Einzelnen Kranzlers Köchin und Stubenmädchen mit leeren Händen zurückkehrten, wenn sie wie sonst die Tagesbedürfnisse hatten einholen wollen. Es möchten erst die alten Rechnungen beglichen werden re. Der Finanzrath hatte plötzlich Zahlungsschwierigkeiten, wie Bella mit Entsetzen bemerkte. Eine ganze Reihe von Civilklagen kamen mit unheimlicher Schnelligkeit. Der Richter, Arno Fendlers Stiefbruder, fand es zeitgemäß, überall möglichst kurze Termine anzusetzen. Ein Pferdehändler wirkte gerichtliche Beschlagnahme von drei Reitpferden Bellas und ihres Bruders Curt aus.
Eines schönen Tages erschien der „Executor" mit sechs Pfändungsbefehlen, und da der Finanzrarh Deckung nicht beschaffen konnte, so ging der Beamte ohne Weiteres an die Ausräumung der ganzen hochelegant eingerichteten Wohnung. Das war ein Schauspiel, welches die Augen wie die Zungen der ehrsamen Hamburger in lebhafte Thätigkeit brachte.
Der unglückliche Finanzrath befand sich schon seit Wochen in einem Zustande der Abstumpfung gegen die Wespenstiche und Kolbenschläge des Schicksals. Der letzte Schlag traf ihn mit verzweifelter Resignation. Bella zog sich in ihr geplündertes Zimmer zurück und ihr lange zurückgehaltener dumpfer Schmerz löste sich in Thränen auf. Curt trat mit bleichem Gesicht bei ihr ein. Er trug Civilkleider.
„Es kommt Alles hübsch a tempo," sagte er. „Ich habe soeben meinen erbetenen Abschied erhalten."
„Unglücklicher Sohn!" erwiderte der Finanzrath in tiefer Niedergeschlagenheit. „Daß ich auch Dir Deine Carriöre verderben mußte! Mein unseliger Pflichteifer ist schuld an Allem!"
„Nein, ich — ich allein bin schuld!" rief Bella heftig auffahrend. „Meine luxuriösen Neigungen, mein Mangel an wirthschaftlichem Sinn, meine vollständige Verkennung der Verhältnisse, haben diese Katastrophe herbeigeführt! Ich Thörin glaubte einer Feindin Trotz bieten zu müssen!"
„Und darin hast Du recht gethan!" versetzte ihr Vater, um sie zu trösten und aufzurichten. „Wir zogen den Kürzeren, daran scheiterte mein Credit. Es ist nicht zu ändern. Wir müssen damit rechnen und uns nun irgendwie neu einrichten."
„Vor Allem fort von hier, fort, fort!" eiferte Bella, ihre Thränen trocknend. „Ich käme um in dieser verhaßten Atmosphäre!"
„Ich habe noch meine Pension," sagte Kranzler. „Es bietet sich ein Ausweg. Mein alter Diener Schmook, von dem ich mich trennen wollte, besitzt durch Erbschaft von seinem Bruder eines kleines, ländliches Anwesen jenseits der Grenze, das hat er mir zum Aufenthalte angeboten, dort will er mit mir zusammen bleiben. Dahin gehen wir bis auf Weiteres, liebe Bella!"
„Gehe Du getrost, Papa," erwiderte diese. „Ich werde mir möglichst fern von hier eine Stellung suchen."
„Eine Stellung, Du . . . ?" sagte Kranzler zweifelnd. „Du kannst nicht dienen."
„Weshalb nicht?" entgegnete sie resolut. „Ich kenne Sprachen, ich kann unterrichten, ich kann Gesellschafterin sein, ich vermag mich fremder Botmäßigkeit zu unterwerfen, wenn ich will!"
„Dein gewohnter Stolz wird Dich überall hindern, liebes Kind, Du wirst Dich elend fühlen!"
„Nicht elender als ich mich jetzt hier fühle, Papa, verlaß Dich darauf!" beharrte sie.
Plötzlich trat Schmook ein und meldete einen Besuch. „Wir könnten hier Niemanden empfangen, und gerade jetzt!" rief Bella energisch.
„Wer ist es?" fragte Curt.
„Herr Arno Fendler."
Curt eilte sogleich hinaus. Bella bedeckte, wie voll Scham, ihr Gesicht mit beiden Händen. Das erkannte sie ja, Arno konnte nicht abgewiesen werden.
Der Reisende, soeben heimgekehrt und noch in den Reisekleidern, hatte kaum von dem Unheil vernommen, das Kranzlers betroffen, als er zu ihnen eilte. Er mußte sich einen Weg durch Gaffer ins Haus bahnen und auf der Treppe drückten ihn die Möbelträger des Gerichtsvollziehers an die Wand. Bestürzt und mit verstörtem Gesicht begrüßte er den ihm entgegentretenden Freund, der ihm stumm die Hand reichte und ihn ins Zimmer geleitete.
Bella schrak bei seinem Eintritt auf und blickte ihn scheu an. Auf einen Moment war es, als ob ein Strahl von Freude über ihr Gesicht huschte, dann aber breitete sich wieder eine Wolke düsteren Schmerzes über dasselbe aus. Arno bot ihr die Hand.
„Ich möchte mich lieber vergraben, statt in diesem Zustande der Schmach einen Freund begrüßen!" sagte sie mit halb abgewendetem Gesicht.
„Ein Zustand, der sofort geändert werden muß!" entgegnete Arno entschieden. „Herr Finanzrath, ich bitte Sie um den großen Vorzug, ohne Weiteres diesem schnöden Werkzeuge der Justiz zu befehlen, Ihre Wohnung wieder in den Zustand ihrer Integrität zu versetzen! Alles was mein ist, steht selbstverständlich zu Ihrer Verfügung."
Bella erhob sich mit einer heftigen Geberde.
„Unter keinen Umständen!" rief sie fest. „Papa, ich muß Dir bestimmt verbieten, dies zu thun! Wie würden die Kleingeister starren, wenn sie diese neue, unerwartete Scene in dem widerwärtigen Schauspiel sähen! Wie würden die bösen Zungen judiziren: „Seht da, den Ritter, der den Drachen der Execution besiegte, den Retter in der alleräußersten Krisis, den Nothhelfer!" — Und hätten Sie damit nicht Recht?"
„Aber theuerste Bella," wendete Arno betroffen ein, „seit wann imponiren Ihnen denn die bösen Zungen? An Sie reichen die bösesten doch nicht hinan! Hier verleitet Sie Ihr Stolz, den ich ja immer geschätzt habe, zur äußersten Selbstpeinigung! Und übrigens ist dies doch nur die Sache Ihres Vaters! Es ist kein Augenblick zu verlieren . . ."
„Es ist zu spät!" unterbrach ihn Bella mit bebendem Tone. „Gestern vielleicht wäre ein solches Eingreifen noch möglich gewesen, nun aber würde dasselbe nur zum Gaudium jenes — auch vornehmen — Pöbels dienen, der stets dem Erfolge zujubelt und jede Niederlage mit frivolem Hohn begrüßt. O, ich würde ja vor Scham die Augen schließen müssen, wenn ich mich morgen auf der Straße blicken lleße und jeder Lump mir nachzischeln könnte: „Der kam aber gerade noch zu rechter Zett, der einzige Freund, der Deus ex machina — der Verehrer!" Mir ist, als hörte ich sie Alle, als spürte ich ihr Gift mit widerlichstem Geschmack! Nein, lieber Arno," fuhr sie milderen Ausdruckes fort, als sie dessen tiefbetrübtes Gesicht beoachtete, „wir dürfen in der jetzigen Verfassung Ihre Hilfe nicht annehmen, und wäre sie der Himmel gegen die Hölle! Wtr würden dann doch genöthigt sein, die Stadt zu verlassen, und was nützte uns dann der Kram, den man uns jetzt nimmt? Ich gehe schon, ja, aber nicht, weil ich muß, sondern weil ich will!"
Alle Einreden prallten fruchtlos an Bellas trotziger Resignation ab.
„Diesmal ist Ihr Stolz egoistisch," sagte zuletzt Arno. „So bleibt mir nichts übrig, als trostlos von hier zu scheiden. Sobald Sie sich nicht halten lassen, trete ich unverzüglich meine projectirte Reise nach Afrika an."
„Nimm mich mit!" bat Curt. „Vielleicht kannst Du mich als Gehilfen brauchen. Ich verstehe die Waffen zu führen. Was soll ich noch hier?"
Damit war Fendler einverstanden.
Rasches Handeln war nun für Bellas verletzten Stolz


