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ast Du den Stundenlauf bedacht?
Bedacht der Tage Wandern?
Der Morgen, der Dir Freud' gebracht, Bracht' tiefe Trauer Andern.
Und ist Dir dieses erst bewußt, So wirst Du bald verstehen: Der Tag, der Andern brachte Lust, Muß Dir im Leid vergehen. Anna Nitschke.
Die schönsten Augen.
Novelle von Tarl Teschner.
(Nachdruck verboten.)
I.
Serenissimus hatte seinen Finanzrath Kranzler ungnädig aus dem Staatsdienst entlassen. Alle Ursachen für diese Unqade hier auseinanderzusetzen, würde zu weit sührm. Kranzler war ein höchst ehrenhafter, aber etwas schroffer Beamter, welcher vermeinte, das Interesse des Fürsten, eines älteren, unvermählt gebliebenen Herrn, selbst gegen dessen Willen und Neigungen wahrnehmen zu müssen. Der überwiegende Einfluß der ebenfalls unvermählten Schwester des Fürsten, Prinzessin Adelheid, schien ihm unheilvoll, er wagte zu opponiren, wenn an seine Kassenführung stark gespannte Anforderungen gestellt wurden. Bei der Vermahlung der Hofdame der Prinzessin, Fräulein von Hertzberg, die arm war, mit des Fürsten Geheimen Cabinetsrath Muller, geruhten Serenissimus, derselben ein beträchtliches Heiraths- gut in der Form eines der schatullengüter zu schenken- Kranzler wagte submissenst Einwendungen gegen eine so bedeutende Gabe zu erheben, da durch sie die ohnehin nie zureichenden Revenuen des Fürsten beeinträchtigt würden. Dieser Versuch eines Eingriffes in den höchsten Willen führte zur Katastrophe: Kranzler erhielt den Befehl, nicht mehr vor Serenissimo zu erscheinen. ,
Neben dieser Staatsaction spielte eine secundäre Jntngue. Zwischen Fräulein von Hertzberg und der einzigen Tochter des Finanzraths Bella, bestand eine brennende Rivalttät. Beide waren schöne Erscheinungen- die Hofdame schon reifer, in den Künsten zu gefallen, geübter, Bella, ein blühend frisches, hochgebildetes, aber auch stolz geartetes Mädchen von einundzwanzig Jahren. Die Bewohner und Hofleute
der kleinen Residenz stritten scharf darüber, welche von Beiden die erste Schönheit sei. Bella war, nach dem frühen Tode ihrer adeligen Mutter, fern vom Vaterhause bei Verwandten und in einem „reichen" Pensionat auf großem Fuße erzogen. Waren dabei auch die edlen Züge ihres Gemüths unberührt geblieben, so brachte sie doch bei der endlichen Rückkehr ins väterliche Heim Besonderheiten mit, die in den kleinstädtischen Gesellschaftsrahmen nicht so recht passen wollten. Schon daß sie mit Geschick und Eleganz den Reitsport übte, fiel auf. Bis dahin waren Prinzessin Adelheid und Fräulein von Hertzberg die einzigen Reiterinnen gewesen, welche bte Residenz Hamburg gesehen hatte.
Aber noch weit schärfer und individueller gestaltete sich die Rivalität. In den Mittelpunkt der Jntrigue trat unabsichtlich ein Mann, der für jedes unvermählte Weib be- gehrenswerth war. Arno Fendler, zur Zeit der schon angegebenen Katastrophe etwa dreißig Jahre alt, eine stattliche, kraftvolle Erscheinung, hatte Cameralia studirt, indessen hatte ihn ein etwas phantastischer Drang die Welt zu durchwandern, den geographischen Wissenschaften zugetrieben. Durch den Tod seiner Mutter, die mit dem fürstlichen Staatsminister Fendler in dessen zweiter Ehe vermählt gewesen war, fiel ihm ein beträchtliches Vermögen zu. Er konnte nun seinem inneren Drange nachgehen und war auf dem besten Wege, sich als Reiseforscher einen Namen zu machen. Beim Fürsten war er in Folge dieses Bestrebens persona gratissima. Fräulein von Hertzberg angelte nach ihm, doch näherte sich Arno der Familie Kranzler. Der einzige Sohn des Finanzraths, welcher als Oberlieutenant im fürstlichen Jnfanterie- bataillon diente, wurde sein Freund, und Bella nahm sein Herz gefangen. Gerade das was die Hamburger an ihr tadelten, reizte und bezauberte ihn. Er feierte fie mit all seinem geistigen Wesen und galt, ohne daß noch eine formelle Verlobung erfolgt war, als ihr ernstlicher Bewerber. Gegen diese Verbindung arbeitete die Fendler'sche Familie und Fräulein von Hertzberg wurde dadurch zu Bellas Todfeindin, sie blieb es auch dann noch, als der aus sehr weichem Thon geschaffene Cabinetsrath Müller ihr seine Hand gereicht hatte.
Die Wirkungen der fürstlichen Ungnade waren für Kranzler und seine beiden Kinder schrecklich. Alle früheren „Freunde" — außer Arno, der auf einer scandinavischen Reise abwesend war — wendeten sich von ihnen ab. Sie erhielten keine Einladungen mehr. Begegneten die sonst so liebenswürdig gewesenen Bekannten einem von ihnen auf der Straße, so gaben sie ihren Augen eine andere Richtung, als ob sie sie nicht sähen. Wo zwei zusammenstanden,


