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Männliche oder weibliche Geister das ist wohl einerlei," sagte der Mann bebend.

Plötzlich unterbrach ein zweiter markerschütternder Auf­schrei die Stille der Nacht, und ehe Greylock und der Kutscher sich von ihrem Schrecken zu erholen vermochten, schoß ein anderes Fuhrwerk unter der nahen Baumgruppe hervor, fuhr mit Blitzesschnelle an ihnen vorbei und verschwand im nächsten Augenblick auf der Landstraße, die nach der Stadt führte.

Hier geht etwas mit unrechten Dingen zu!" rief Godfrey Greylock, indem er rasch aus dem Wagen sprang. Folge mir, Carton!"

Carton, der seinen Herrn sogar noch mehr fürchtete als die Geister, gehorchte mit Widerstreben. Die beiden Männer eilten den Pfad hinab und stolperten dicht neben dem Steinhaufen über eine schwarze, regungslose Masse, die auf der kalten, feuchten Erde lag.

Es waren zwei in Blut gebadete weibliche Gestalten, von welchen die Eine, in dem schlichten Anzug einer Arbeiterin, ihre Arme krampfhaft um die Andere geschlungen hatte, als ob sie dieselbe beschützen wolle.

Godfrey Greylock beugte sich über die Zweite, lüftete deren Schleier, schob eine wirre Masse blondes Haar bei Seite und stieß dann einen Schrei des Entsetzens aus.Ethel! Mein Gott, es ist Ethel! Carton, Licht!"

Der Kutscher zündete ein Streichholz an, und die kleine aufflackernde Flamme beleuchtete die regungslose Gestalt der Erbin von Greylock Woods. Ihr weißes Gesicht hatte einen Ausdruck des Schreckens und Entsetzens, ihre Hände hielten krampfhaft an dem ärmlichen Kleide der Arbeiterin fest, die quer über ihren Körper gefallen war.

Keine der Beiden gab ein Lebenszeichen von sich.

Siehst Du!" stöhnte Godfrey Greylock,es ist meine Enkelin! Jemand hat sie ermordet hier, auf diesem verfluchten Fleck!"

Carton hob das andere Mädchen auf.Wahrhaftig, das ist ja die neue Magd aus derKatzen-Herberge"!" rief er, indem er ihre verzerrten Züge betrachtete.Die Leute im Gasthof nennen sie Polly. Um Gottes willen, Sir, sehen Sie nur! Sie ist mit einem Dolch durchbohrt worden sie blutet!"

Herr und Diener standen in stummer Bestürzung da.

Das nächste Haus, das wir erreichen können, ist das meine," sagte Godfrey Greylock endlich, indem er Ethel auf­hob.Gott allein weiß, was das Alles zu bedeuten hat! Ich wollte, wir hätten die Kutsche angehalten, die auf der Landstraße an uns vorbeifuhr. Rasch, Carton! Komm mit mir! Ich bin alt, besitze aber doch noch ein wenig Kraft."

Was sollen wir mit diesem Mädchen machen, Sir?" fragte der Kutscher.

Wir können sie nicht hier lassen," erklärte der alte Herr,auch dürfen wir sie nicht aus den Augen verlieren. Bring' sie also mit!"

Er trug seine Enkelin nach der Kutsche- Carton folgte mit Polly nach.

Auf diese Weise wurden die beiden Mädchen nach Greylock Woods gebracht.

Ihre Ankunft daselbst verursachte die größte Verwirrung im Hause. Polly wurde der Fürsorge der alten Hopkins übergeben um sie kümmerte sick sonst kein Mensch. Die Theilnahme sämmtlicher Hausbewohner galt der jungen Enkelin, deren Bewußtsein noch immer nicht zurückgekehrt war.

In unglaublich kurzer Zeit war Doctor Vandine zur Stelle. Eine gründliche Untersuchung stellte die Thatsache fest, daß Ethel Greylock völlig unverletzt war.Sie hat eine große Seelenerschütterung erlitten," sagte der junge Arzt,allein keinen körperlichen Schaden."

Das Blut, mit dem ihre Kleider gesättigt waren, war nicht das ihre, sondern bas Pollys. In der Seite des

armen Mädchens fand Vandine eine häßliche Wunde, die von einem Dolch oder Stilett herrührte, und eine zweite, von demselben Instrument verursacht, hatte ihre Schulter durchbohrt. Vandine legte seine Hand auf ihr Herz,- das­selbe schlug noch, aber sehr, sehr schwach.

Polly! Polly!" rief er unwillkürlich aus.In welche Ungelegenheit bist Du gerathen?"

Er wartete vergeblich auf eine Antwort- selbst diese Stimme, die ihr theurer gewesen war als irgend ein anderer Laut auf Erden, verhallte ungehört für sie.

Das ist eine sonderbare Geschichte," sagte Doctor Dick zu Godfrey Greylock, der ihm in das Dienstbotenquartier gefolgt war.Ich kenne Polly schon seit Jahren. Sie ist ein braves, redliches und zuverlässiges Mädchen," fügte er hinzu, indem er die Wunden der Armen verband.

Godfrey Greylock nickte leicht- abgesehen von ihrer jetzigen Lage galt ihm Polly nicht mehr als ein gewöhnliches Unkraut, das sich in seinen eleganten Garten eingeschlichen hatte.

Nach der Position zu urtheilen, in weicher Sie die Beiden neben dem Steinhaufen fanden," nahm Vandine wieder das Wort,ist mir klar, daß heute Abend ein mörderischer Angriff auf Miß Greylock gemacht wurde, und daß Polly mit Gefahr ihres eigenen Lebens den Todesstoß von der jungen Dame abzuwehren suchte. Ich bin über­zeugt, daß wir eine derartige Erklärung vernehmen werden, wenn Ihre Enkelin wieder zu sich kommt."

Allein Ethel kam nicht zu sich, und die erwartete Erklärung blieb aus. Die ganze Nacht hindurch war em beständiges Hin- und Herhuschen im Herrenhaus, und als der Morgen endlich anbrach, lebte Polly noch immer, obwohl sie weder zu sprechen, noch sich zu rühren vermochte. Ethel Greylock dagegen lag, vom ganzen Haushalt ängstlich be­wacht, auf ihrem Eiderdaunenlager und phantasirte in un­verständlichen, abgebrochenen Sätzen vor sich hin. Es war klar, daß das Geheimniß des vorhergehenden Abends vor der Hand noch nicht gelöst werden sollte.

Trübe Tage kamen und schwanden im Herrenhause dahin, die trübsten, die seit vielen Jahren Einkehr gehalten hatten. Die Aufmerksamkeit und Fürsorge Aller wandte sich Ethel Greylock zu, die an einem schweren Gehirnfieber darniederlag. Nur die alte Hopkins und Doctor Vandine nahmen sich der armen Polly an, die in einer bescheidenen Dienstbotenstube zwischen Leben und Tod schwebte. Es waren schreckliche Wunden, die Regnaults Stilett ihr verursacht hatte Wunden, die nicht ihr, sondern Ethel Greylock zugedacht waren.

Der alte Greylock hatte die Localbehörden von dem Vorgefallenen in Kenntniß gesetzt und dieselben veranlaßt, auf alle verdächtigen Charactere in der Stadt und Umgegend fahnden zu lassen- auch hatte er einen erfahrenen Geheim­polizisten von New-Aork nach Blackport gerufen- allein die Zeit verstrich, ohne daß diese Maßregeln zu dem geringsten Resultat führten.

Doctor Vandine that inzwischen Alles für seine beiden Patientinnen, was medicinische Geschicklichkeit zu thun vermochte. Seine hoffnungslose Liebe zu der jungen Erbin, seine wahr­haft brüderliche Theilnahme für Polly trieben ihn zu den aufopferndsten Bemühungen an.

Selbst Godfrey Greylock, dessen Besorgniß um seine Enkelin keine Grenzen kannte, fand an dem jungen Arzte nichts auszusetzen.Mein Liebling ist in Ihren Händen," sagte er,ich vertraue sie Ihnen gänzlich an. Retten Sie sie um Gotteswillen, und fordern Sie dann von mir, was Sie wollen!"

Ich werde mein Möglichstes thun," antwortete Vandine ruhig.

(Fortsetzung folgt.)