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Der Lärm und unsere Kerben.
Bon Dr. Kreusner.
----— (Nachdruck verboten.)
Fast jede menschliche mechanische Thätigkeit ist mit Erzeugung von Geräusch verbunden. Die Verwendung metallener Handwerkszeuge zur Anfertigung aller unserer Gebrauchs- gegeItande har zur notwendigen Folge, daß jeder Professionist bei Ausübung seines Handwerks Lärm macht. Die Eon- cenrrrrung des Menschenüberschusses in den großen Städten, welche niemals ein solches Wachsthum erfahren haben wie ^Un e«ettltJahrhundert, und vor allem der Ersatz der mensch- i‘cens.Är6n-bur^ bie Maschinen haben es dahin gebracht, daß der Lärm m größeren Orten, welche Brennpunkte industrieller Thätigkeit sind, sich zu einer bedenklichen Höhe gesteigert hat, welcher eine Gefahr für die Nerven der jetzt lebenden und der kommenden Generationen zu werden droht. Wer ein aufmerksames Ohr hat, vernimmt das Sausen und Brausen einer Großstadt bis weit hinaus in die ländliche als ein unbestimmbares Durcheinander, und was wirkliche Ruhe und Stille ist, empfindet der an ein gewisses Quantum Lärm gewohnte Großstädter erst, wenn ihn der in* . m,l ne1n iener weltentlegenen, verkehrsentrückten Orte führt, welche rm Dornröschenschlaf zu liegen scheinen, und deren Lautlosigkeit für den nervösen Bewohner der Großstadt oft geradezu etwas Beängstigendes hat.
, r. U"b b°$ ist Ruhe eines der wenigen, vielleicht das beste aller Heilmittel welches dem nervös überreizten Cultur- menschen der Jetztzeit verordnet werden kann. Man stelle sich nur einmal die Unsumme Lärm vor, welche das empfindliche Gehörsorgan im Laufe eines Tages über sich ergehen lassen muß. Schon lange bevor der Morgen seine ersten bleichen Strahlen zwischen die Häuserzeilen entsendet, beginnt der Lärm der Fuhrwerke, welche mit Milch und anderen Nahrungsmitteln beladen, mißtönig über das Granitpflaster ^hren; später gesellt sich dazu das Heer jener, welche unter Rufen, Pfeifen und Läuten ihre Maaren feilbieten- dann treten Pferdebahnen und Droschken in ihre lärmende Thätigkeit, unb. s° steigert sich von Stunde zu Stunde das Straßen- gerausch. Auf der Rückseite der Häuser geht es derweilen auch nicht stille zu. Das Klopfen von Teppichen, Decken und Betten in den Höfen oder auf den Wirthschaftsbalcons martert mit seinem einförmigen Tacte stundenlang das Ohr' Leierkastenmänner, welche auf der Straße nicht geduldet werden, mißhandeln, unterstützt von johlenden Kinderschaaren, ihre Instrumente, und in diesem Lärm, der durch die Scheiben der Doppelfenster dringt, der sämmtliche Theile des Hauses m bestänhig vibrirender Bewegung hält, sitzen zahlreiche Menschen, welche ihre Gedanken auf einen Punkt concentriren wollen. Die Schüler der Gymnasien und anderer Anstalten welche ihr stundenlanges Arbeitspensum abzuwickeln haben, Studenten, welche sich auf Examina vorzubereiten haben, Gelehrte und Schriftsteller, welchen der Lärm den Gedankenfaden jäh abschneidet, Richter, welche ihren juristischen Scharfsinn an die Begründung ihrer Urtheile und Gutachten setzen u. s. w.
Zu alledem kommt nun noch der — ich möchte sagen — interne Lärm unserer Häuser. Nicht jede Familie hat Mittel und guten Willen, sür ihre Kinder ein eigenes Zimmer zur Verfügung zu halten, in welchem dieselben auf schalldämpfenden Decken und Teppichen unbeschadet fremder Nerven ihren Spielen ^nachgehen können. Oft wird das zum Theil recht massive Spielwerk — man denke nur an Baukästen, Wagen, Trommeln und dergleichen, — auf dem unbedeckten Boden hin und her geworfen, daß in unseren hellhörigen Häusern der darunter Wohnende jedesmal jäh zusammenschreckt, öderes wird das Treppenhaus zum Tummelplatz erkoren. Und obendrein noch, was ein empfindliches Ohr den Tag über an Musik über sich ergehen lassen muß, welche von Berufenen und Unberufenen geübt wird und in dem eigenen von zahlreichen Parteien bewohnten Hause, !
aus den Nachbarhäusern, von den geöffneten Fenstern des Gegenüber in buntester Abwechselung und fast unaufhörlich auf unsere Nerven einstürmt.
Die fortwährende Erregung unserer Gehörsnerven ist erne Hauptursache der heute zur Modekrankheit gewordenen Neurasthenie. Wer eine mehr oder minder mechanische Arbeit auszusühren hat, weiß die Wahrheit dieser Behauptung kaum zu würdigen. Er begleitet, um den geistigen Theil seines Jchs zu beschäftigen, sein Werk gar noch durch eine Melodie, welche er vor sich hersingt oder pfeift, und eS liegt gewiß tief begründet tm Egoismus der menschlichen Natur, daß man den Lärm, den man selber macht, nicht empfindet und sich kaum vorstellen kann, wie störend derselbe häufig auf den lieben Nächsten wirkt. Man empfindet das so recht erst, wenn man einmal selbst krank darnieder liegt oder am Krankenbette eines Angehörigen steht, wie unangenehm der Lüün reizbare Nerven beeinflußt und wer einmal einen Mittelohrkatarrh gehabt hat und Tage und Wochen lang durch die damit verbundenen subjectiven Geräusche bis zur Rasern gequält worden ist, kann sich vorstellen, wie das geräuschvolle Treiben unseres modernen Lebens langsam aber sicher an der Nervenkraft zehrt.
Was geschieht nun zur Bekämpfung dieses UebelS? Man sucht durch Polizeiverordnungen den unnöthigen Gtraßenlärm, das Pfeifen und Läuten der Wagen, das sinnverwirrende Ausrufen der Waarenverkäufer, das Peitschenknallen der Kutscher u. s. w. einzuschränken. Das sind aber durchaus unzureichende Maßregeln. Biel wichtiger wäre eine gründliche Reform unseres Straßenpflasters. Das übliche Granitwürfel- oder Kopfsteinpflaster, welches noch in den meisten Städten die Straßendecke bildet, hat freilich den Vorzug der Dauerhaftigkeit für sich und ist dadurch gleichzeitig das billigste. Es brrcht sich aber mehr und mehr die Erkenntniß Bahn, daß es unter den heutigen Verkehrsverhältniffen unerträglich wtrd. Das Beispiel Berlins, wo sich auf dem von Jahr zu Jahr an Ausdehnung gewinnenden Asphaltpflaster ein ungeheurer Verkehr mit einer Ruhe abwickelt, welche den aus anderen Großstädten zum erstenmale dorthin Kommenden auf's Höchste überrascht, verdiente allgemeine Nachahmung unter Berücksichtigung aller jener Umstände, welche je nach den localen Verhältnissen die Holzpflasterung oder Maeadamisi- rung ) als zweckmäßiger erscheinen lassen können. Wenn es nun auch immer unmöglich sein wird, in unseren Hunderttausend- und Millionenstädten die Ruhe der kleinen Orte herzustellen, so ist es doch unzweifelhaft, daß auf diesem Wege wenigstens der größte und empfindlichste Theil bei Straßenlärms aus der Welt geschafft werden kann.
Schwieriger ist die wünschenswerthe Ruhe im Hause herzustellen. Der Reiche und Wohlhabende, der im entlegenen Cottageviertel eine tief im Garten gelegene Billa bewohnt braucht freilich nur so viel Lärm über sich ergehen zu lasse/ als er selber will und verursacht. Wer aber gezwungen is/ in unseren modernen Häuserblocks eine bescheidenere Wohnung zu unethen, der ist dem guten oder bösen Willen seiner Nack- barn preisgegeben.
Er kann höchstens aus dem Parterre, in welchem er den Straßenlärm aus nächster Quelle erhält und von den über thm wohnenden Parteien belästigt wird, in den dritten oder vierten Stock ziehen, wo im Vergleich zum Erdgeschoß eine ast idyllische Ruhe herrscht, und er wird dabei auch sonst keinen schlechten Tausch machen, da die geringere Mauer- feuchtrgkelt, die bessere Heizbarkeit und Ventilation und das rerchltcher Zutritt findende Tageslicht das Wohnen in den höheren Stockwerken zu einem viel gesünderen macht, als in den Parterregeschossen unserer vielfach schon an Steilschluchten erinnernden Straßen.
Mag auch das Clavierspielen und Singen bei offenem Fenster oder zu vorgerückter Nachtstunde an den «eisten
, Macadam ist eine nach dem von Mae Ad«m erfundenem 6*11,m gebaute Landstraße. 71


