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zu ihm neigend — in die Augen, forschend, prüfend, mit ernstem Blick.
„Du auch?" flüstert sie.
Er wird kühner und preßt ihre Hand zwischen den seinen, sie zu küssen wagt er nicht wieder. „Bestes, theuerstes Fränzchen, ahnst Du, wie es um mich Allerärmsten steht?" fleht er mit der Miene eines Sterbenden.
Sie legt die Hand auf seine Stirn und nickt hastig. „Ganz genau ebenso wie ich! mir ist es nämlich furchtbar zu Muthe!"
„Furchtbar?!"
Ihre Miene ist sehr düster. Sie lehnt den Kopf an seine Schulter. „Ach, Gert, wir haben uns Beide verfuttert! es war zu viel Eis . . . nun ist einem zu Muthe, als sollte der ganze Magen Platzen! Lieber, armer Gert, mein Leidensgenosse! Komm mit, wir holen uns bei Muttern ein Brausepulver, — das hilft!"
Gert steht sprachlos, wie unter einem Sturzbad kalten Wassers, — dann aber lacht er abermals, lacht wie Einer, der aus schweren Aengsten erlöst ist! Nein, beim besten Willen, es ist unmöglich, ihr eine Liebeserklärung zu machen, --Gott sei Dank! '
„Famos! — Hurrah, ein Brausepulver!" jubelt er, und Fränzchen ist auch wieder ganz fidel, hakt ihn unter den Arm, und Beide wandern innig verbündet, aber völlig unverlobt, nach dem Schloß zurück.
Ueber ihnen schlägt die kleine Jalousiekette wieder gegen die Fensterscheiben.
„Kling—kling—kling." —
Gert blickt triumphirend empor und singt lachend- „Mein Schätzer! ist hübsch, aber Geld hat es nit! was nutzt mir der Reichthum — das Geld küß i nit!"
Aus voller Kehle stimmte Fränzchen ein.
Capitel 26.
Es klingt das Wort zu traurig gar: Fahr wohl, fahr wohl, auf immerdar! Wenn sich zwei Herzen scheiden, Die sich dereinst geliebt!
Emanuel Geibel.
„Uns hat der Himmel ein Söhnlein geschenkt!"
Weiße Dame.
Noch nie hatte sich die Einwohnerschaft von Angerwies in einer derartig großen Aufregung befunden, wie an dem heutigen Tage. Kein angestochener Ameisenhaufen kann mehr Leben zeigen, wie das kleine Städtchen, dessen Bürger das Mittagsessen noch nie hatten so kalt werden lassen, wie an diesem Sonnabend.
Etwas Ungeheuerliches, ganz Unfaßliches hatte sich ereignet. Am frühen Morgen rollte die Niedeck'sche Equipage durch die Straßen und Gäßchen, um vor den Häusern der Honoratioren zu halten.
Friedrich, in strotzender, eleganter Galalivröe, sprang von dem Bock und überreichte dem jedmaligen Hausherrn unter feierlichen Bücklingen einen großen, mit rothem Stempel verschlossenen Brief.
Aufs Höchste überrascht, beinahe entsetzt, ward dieser zuerst angestarrt, dann mit leicht bebenden Fingern geöffnet.
Eine riesengroße, hochelegante Karte mit dem erhabenen Wappen des Reichsgrafen von Niedeck glänzte dem Fassungslosen entgegen und er traute seinen Augen nicht, als er die gedruckten Worte las: „Willibald, Reichsgraf zu Niedeck, Erbherr auf Burg Niedeck, und Johanna, Reichsgräfin zu Niedeck, edle Frau von Sonnenburg und Hohenelf, beehren stch den Herrn Bürgermeister pp. zu Donnerstag den 24. Juli Nachmittags 6 Uhr zur Tafel zu laden."
Was bedeutet das? War es eine Hallucination? War e§ em schlechter Scherz?
Der jeweilig Betroffene rieb sich die Augen und war !o perplex, daß er vergaß zu antworten, bis Friedrich etwas ungeduldrg um „gütigen Bescheid" bat.
Ja, den bekam er nicht so schnell! Wohl aber ward
ihm in confuser Hast ein Stuhl und ein Glas Wein anae- boten, die Hausfrau stürzte danach in den Keller, und der künftige Drnergast auf Niedeck legte beide Hände wie beschwörend auf die Schultern des Gallonirten und flüsterte athemlos: „Friedrich, edle, hochherzige Seele, sagen Sie mir, was ist los?" a '
Friedrich wahrte die feierliche Würde. „Sie müssen in vollem Wichs erscheinen, Verehrtester, es giebt ein außerordentliches Ereigniß. Der Herr Graf wollen den künftigen Majoratsherrn proclamiren."
„Herrn Wulff-Dietrich? Alle guten Geister! Ja, sagen Sie, Friedrich, da kommt wohl der junge Graf persönlich hierher?"
„Es kommt die ganze Familie; auch der Herr Kammerherr Rüdiger mit Frau Gemahlin !"
„Graf Rüdiger kommt!" wie ein Schrei rang es sich von den Lippen: „Friedrich, Mensch, haben sich die Vettern denn versöhnt?"
„Muß wohl!" nickte der Getreue. „Der Herr Graf Wulff-Dietrich ist ja jüngsthin mit uns am Rhein gereist, und . . wie man munkelt., na, unsere Comtesse Fränzchen tst ja noch reichlich jung, aber Verlobung könnte einstweilen schon gefeiert werden!"
Graf Rüdiger! Verlobung! Versöhnung! Wie überwältigt sank jeder Mann, den solch eine Nachricht erreichte, an die Brust der Ueberbringers, und dann glühte der Funken auf und ward zur Flamme, welche durch den schwachen Hauch des Mundes gieriger um sich fraß, als wenn ein Sturmwind sie zur Feuersbrunst anfachte! Angerwies brannte lichterloh vorAufregung! und so viel Bier hatte Vater Simmel noch nie zuvor verzapft, wie heute, wo die Wirthsstube der „Stadt Hamburg" einem Taubenschlag glich.
Sollten die schlechten Zeiten für Angerwies doch noch einmal aufhören? sollte Graf Willibald, der endlich Versöhnte, vielleicht all die Privilegien, welche er ehemals zur Strafe entzogen, auf's Neue verleihen?
Wie ein Rausch, ein Taumel erfaßt es die Väter der Stadt, und dennoch dachten sie etwas bekniffen an das Wiedersehen mit dem, welcher alles Unheil über sie gebracht, an den Kammerherrn! Und dieweil die thätigen Hausfrauen die besten Vatermörder und Plätthemden für das große Ereigniß rüsteten und die Menge stürmisch eine Wiederholung des ehemals mißglückten Feuerwerks verlangte, ward auch auf Niedeck der festliche Tag vorbereitet.
Baronin Nördlingen saß zwar recht niedergeschlagen in ihrem Zimmer und stützte den Kopf sorgenschwer in die Hand.
, Gert hatte ihr versichert, es sei absolut unmöglich, Fränzchen eine Liebeserklärung zu machen, sie ließe es absolut nicht dazu kommen, und seit vorgestern habe er sie überhaupt nicht mehr allein zu sprechen bekommen! Dies sei doch recht deutlich „Abgewinkt", und er könne sich unmöglich blamiren und sich gewaltsam einen Korb holen!
Nein, das konnte und sollte er nicht, dazu waren sie Beide zu stolz- aber es war doch recht sauer, von allen lieben Zukunftsträumen Abschied zu nehmen!
Pia schien merkwürdig ruhig und gefaßt. Ein beinah trahlendes Lächeln verklärte ihr reizendes Antlitz, und rennoch sprach sie sich nicht aus, ob sie Kränzchens Herz er- orscht habe oder nicht. — Gert legte ihre Hand auf seinen Arm und zog sie auf den Balkon.
„Pia!" flüsterte er: „Du hast gestern so lange und o ernsthaft mit Fränzchen gesprochen, — war ich vielleicht der Gegenstand Eurer Unterhaltung?"
Das junge Mädchen nickte ihm mit leuchtenden Augen zu: „Du wirst siegen! Sie liebt Wulff-Dietrich nicht, und that einen heiligen Eid, daß sie ihn niemals heirathen werde!" „Damit ist doch noch nicht gesagt, daß sie mich liebt und erwählen wird! ?" zuckte Gert mehr unruhig und besorgt, al» wie hoffnungsfroh die Achseln.
(Fortsetzung folgt.)


