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Die Trennung von dem jungen Forstmann, welche ihr zuvor wie eine Erlösung erschien, stand Plötzlich wie ein Gespenst vor ihrer Seele.
Scheiden!
Wer weiß, ob er ihnen folgt, ob sie sich noch einmal zusammenfinden!
Fränzchens Launen und Einfälle sind unberechenbar, — sie wünscht gleich Tante Johanna längere Zeit in Aßmanns- hausen und seiner idealen Kuranstalt Aufenthalt zu nehmen, während der Assessor von seinem knappen Urlaub abhängt, und genöthigt ist, die Reise nach Möglichkeit zu beschleunigen.
Vielleicht wandert er nur im flüchtigen Schauen in Aßmannshausen hindurch und dann sind ihre Wege getrennt für immerdar. — Man sagt, die Männer erachten oft nur als kleine Episode, was einem Mädchen das Lebensschicksal bedeutet und wie oft hört man nicht von der Ungebundenheit und Leichtlebigkeit, welche den meisten Herren auf der Reise eigen ist!
Man schließt flüchtig Bekanntschaften und Freundschaften, um sie ebenso flüchtig, fast noch schneller zu vergessen!
Pias Herz thut weh bei diesem Gedanken.
Lachend und scherzend nahen die drei.
Fränzchen strahlt vor Vergnügen.
„Wo haben Sie denn Ihr Gepäck, Amico?" frägt sie just, als sie sich auf Hörweite genähert.
„Es steht fix und fertig in meinem Zimmer und wandert heute Nachmittag Per Schiff weiter mit mir nach Aßmannshausen.
„Na, Sie kommen doch mit uns auf den Niederwald?" frägt die Kleine überrascht.
//Ich hoffe Sie droben anzutreffen, wenn ich mit dem Zug komme!"
„Mit dem Zug wollen Tie —?" Sie starrt ihn an, als verstehe sie nicht recht.
„Allerdings, Miß Francis, — mit der Bergbahn herauf und wieder hierher zurück, das ist die einzige Möglichkeit/ Ihnen rechtzeitig nach Aßmannshausen zu folgen — und trotzdem noch das Denkmal sehen zu können."
„Na, so ein Unfug?" erbost sich das Backstschchen. „Wozu haben wir denn einen Wagen?"
Hellmuth lacht. „Der Wagen weist nur vier Plätze auf, ungnädigste kleine Königin!"
„So? — und mein Platz — der Kutscherbock?"
„Um Alles in der Welt — mein gnädiges Fräulein!" Ganz erschrocken ist der Assessor zurückgewichen. Fränzchen faßt ihn ungenirt am Arm und zieht ihn triumphirend zu dem Wagen heran.
„Mama, sag's ihm mal, befiehl's ihm mal! er will nicht mit! und ohne ihn fahre ich auch nicht! oder ich will auch mit ihm per Bahn nach dem Denkmal und Abends mit dem Schiff nach Aßmannshausen! Er ist mein Freund! ich liebe ihn geradezn! und ich habe an der ganzen Reise keinen Spaß mehr, wenn er nicht von A bis Z bei uns bleibt, da ist doch noch Platz im Wagen — den muß er nehmen!"
„Gewiß, bester Herr Asseffor!" lächelte die Gräfin in ihrer gewinnend liebenswürdigen Weise. „Ich muß gestehen, daß ich mich selber sehr freuen würde, in Ihrer Begleitung die Fahrt zu machen! Fränzchens ganze Laune würde unwiederbringlich dahin sein, wenn sie ihren neuerworbenen Freund scheiden sehen müßte!"
„Versteht sich, Sie fahren mit uns!" schnitt Papa Willibald dem jungen Forstmann jede Erwiderung ab: „Friedrich besorgt Ihr Gepäck mit dem unseren an Ort und Stelle, und unser Wildfang hier verhilft uns Allen zu einer sehr vergnügten Fahrt! Das Schicksal hat Sie nun einmal zu unserem Reisegefährten gemacht und ich finde, es hat selten ein so schlaues und sympathisches Spiel getrieben! Also bitte! — Friedrich! — Holen Sie das Gepäck des Herrn Affessors ab und bringen Sie es mit nach Aßmannshausen!"
Hellmuths aufleuchtender Blick hatte Pia getroffen, stumme Glückseligkeit strahlte auf beider Angesicht/ dann neigte sich der Assessor mit verbindlichsten Worten über die Hand der Gräfin, sie voll dankbarer Verehrung an die Lippen zu ziehen. Ein kurzes Hin und Her. Fränzchen stand stolz und siegesbewußt und klimperte mit der Hand in der Rocktasche, woselbst eine Ansammlung blanker Rheinkiesel auf Vorrath lagerte und sich durch einen unförmigen Auswuchs an dem Kleiderrock bemerklich machte.
Dann eilte Hellmuth mit Friedrich in das Hotel zurück, seine Angelegenheiten vor dieser beschleunigten Abreise zu regeln. Pias lächelndes Antlitz schien in Rosengluth getaucht. Sie trat neben die Cousine, legte den Arm in einer Aufwallung dankbarster und zärtlichster Empfindung um die ungeschickte, dicke Taille des Backfischchens und sah ihr mit strahlendem Blick in die Augen. „Welch ein herrlicher Morgen, Fränzchen! Wir werden eine unvergeßliche Fahrt haben!" sagte sie leise.
Comteßchen war beinahe verblüfft über die freiwillige Zärtlichkeit der sonst so kühlen jungen Dame. Sie lachte, daß die weißen Zähne blinkten, faßte mit beiden Händen jählings das Köpfchen der Sprechenden und küßte sie stürmisch ab.
„Piachen," flüsterte sie, „Dich und den Asseffor, Euch Beide liebe ich, aber Dich doch am allermeisten!"
Fräulein von Nördlingen drohte ihr schelmisch mit dem Finger. „Na, na! es ist ein Segen, daß Herr Hellmuth verheirathet ist, sonst erlebten wir noch eine Verlobung am Rhein!"
Fränzchen starrte sie einen Augenblick überrascht an, dann drückte sie beide Fäuste vor den Mund und pruschtete in unbändigem Gelächter los.
Mit voller Wucht warf sie sich an die Brust der kleinen gebrechlichen Mama, welche diesem Anprall kaum Stand halten konnte.
„Mütterchen! Muttelinchen! ich soll mich mit dem Assessor verloben, sagt sie!" klang es beinahe johlend vor Uebermuth von ihren Lippen.
Die Gräfin ward wieder ein klein wenig verlegen und wehrte dem Töchterlein energisch ab. „Bist Du denn ganz von Sinnen, kleiner Unband!" schalt sie. „Allerdings ist ja der Gedanke, daß Du Dich verloben solltest, ein ungeheuer komischer!"
Fränzchen schnellt zurück. „Oha!" sagte sie beinahe gekränkt. „Ich verlobe mich sobald sobald, o, Du sollst schon sehen, wann und mit wem ich mich verlobe!"
Zwischen Pias Brauen senkte sich eine feine Linie. „Ist Dir der Herr Hellmuth nicht vornehm genug, daß Du so über eine Verlobung mit ihm spottest?"
Fränzchens große Augen blickten sie beinahe verständniß- los an. „Nicht vornehm genug? — mir? — ich finde ihn zum Auffressen nett, und jedes Mädchen könnte sich zu so einem Mann nur gratuliren, wenn er man bloß noch zu haben wäre! — nee, süße Lilian, auf alles Andere pfeife ich 'was! Wenn die sechzehn Ahnen sich glücklicherweise dazu finden, na, dann habe ich auch nichts dagegen, und das thun sie, hurrah, das thun sie!"
„Franziska, laß Pia los! Du sollst sie nicht immer mit Deinen Zärtlichkeiten belästigen!" schalt Tante Johanna nervös und unterbrach dadurch eine erneute stürmische Liebkosung.
Fränzchen trat mit seltsamem Lächeln gehorsam zurück. „Weil wir nun gerade beim Heirathen sind, möchte ich sie nun noch etwas fragen!"
„Thorheit! Deine Fragen sind sehr kindisch!"
„Na bon — fragen wir also kindisch: Pia, muß Dein Mann 'mal sehr hübsch sein?"
Die Gefragte lächelte, ihr Blick schweifte wie in träumerischen Gedanken weithin über den sonnefunkelndeu Fluß.
(Fortsetzung folgt.)


