Gesicht denke! Grad, als wenn ein Katholischer eine Reliquie sieht und anbetend auf die Knie sinken möchte!"
„Verzeihen, Herr Assessor, die Schuhe gehören Miß Lilian!" sage ich.
„Miß Lilian?"
„Ja, sie hat das wahre Kinderfüßchen! nickte ich, weil ich ihm ansehe, daß er das auch denkt."
„Aber, Dorette!"
„Miß Lilian!" wiederholt er nur leise und hält die Schühchen in der Hand und streichelt mit der anderen darüber hin, so recht behutsam und andächtig.
„Dürft ich Wohl bitten?" sage ich höflich.
„Gleich, gleich," sagte er hastig und bekommt einen ganz rothen Kopf: „Ich behalte sie als Unterpfand, bis ich die meinen habe und dann stelle ich sie selber hin!" sagt's, lacht mich freundlich an und klapp ist die Thüre zu!"
„Und meine Schuhe?!"
„Die nahm er mit, gnädiges Fräulein!"
„Um Gotteswillen, ich muß . . ."
Die Alte machte eine beruhigende Handbewegung. „Sie stehen schon längst wieder an ihrem Platz! soll ich sie hereinholen?"
„Ja, bitte, sogleich!"
Dorette eilte zur Thür, öffnete sie, neigte sich und stieß einen Laut der Ueberraschung aus: „I, das nenne ich aber galant!" lachte sie, die Schühchen mit spitzen Fingern anfassend und herzutragend! „Darum hat er sie in Haft behalten! — hm — ... das muß ich sagen, ein höflicher Herr!"
Sie hielt der jungen Dame die zierliche Fußbekleidung entgegen, und eine Woge süßen Duftes strömte zu Pia empor.
Die Schuhe waren bis zum Rand mit blühenden Veilchen gefüllt. Regungslos, ohne ein Wort zu sagen, hielt Fräulein von Nördlingen die reizende Ueberraschung in der Hand. „O, wie liebenswürdig," flüsterte sie halb erstickt. „Aber es ist mir dennoch peinlich, liebe Dorette, ich bitte Sie inständigst, sagen Sie zu Niemand, auch zu Comtesse kein Wort darüber, es würde mir sehr fatal sein!"
„I, wo werde ich wohl, gnädiges Fräulein!" schmunzelte die Alte beruhigend: „Wenn ein Herr mal solch einen Frühlingsgruß schickt! das braucht ja nicht gleich an die große Glocke gehängt zu werden. Nein, da seien Sie nur ganz beruhigt. — Darf ich dem gnädigen Fräulein bei der Toilette behilflich sein? Frau Gräfin haben noch nicht geschellt!"
Danke, Dorette, es ist noch so früh ... ich möchte noch ein Viertelstündchen warten . . ."
„Ei versteht sich! Bitte, rufen Sie mich aber später, wenn das gnädige Fräulein Hilfe brauchen!"
Sie ging, und Pia wartete voll Ungeduld, bis sich die Thüre hinter ihr geschloffen.
Und als sie allein war, drückte sie Augen und Lippen auf die Veilchen und athmete lächelnd den süßen Duft!
Von ihm! . . .
Welch ein Träumen mit offenen Augen! und welch süße rätselhafte Scheu und Bangigkeit! Sie sehnt sich nach einem Blick aus seinem Auge und zittert dennoch vor dem Wiedersehen!
Wenn sie ihm doch entfliehen könnte! Was soll sie sagen, wenn er ihr gegenübersteht? Ihre unglückselige Beanlagung, welche es ihr seit jeher so schwer gemacht, sich zu beherrschen oder gar zu verstellen! Wenn sie nur nicht so lebhaft erröthen wollte! Wenn nur ihre Blicke sie nicht verrathen möchten! Der Gedanke, daß er ihr Empfinden und Fühlen durchschauen könnte, ist unerträglich! Sie würde vergehen vor Scham und Verlegenheit! Nein, sie kann und darf ihn nicht wieder sehen, um Alles nicht! Vielleicht läßt es sich ermöglichen.
Wenn sie zum Niederwald - Denkmal fahren, müssen sie sich ja von ihm trennen.
Trennen! —wie weh ihr das Herz bei diesem Gedanken '
thut, trennen! in wenig Stunden vielleicht schon, ohne daß ihre Wege jemals wieder zusammenführen!
Wie die Veilchen so betäubend duften, wie sie die Köpfchen gegen ihre heiße Wange neigen!
Der Duft ist die Sprache der Blumen, — was wollen diese ihr so dringlich und leidenschaftlich zuflüstern? hat auch er sie vielleicht an die Lippen gedrückt, ehe er sie zum trauten Gruß gesandt?
Ein süßer Schauer durchfliegt sie.
Nun weiß und versteht sie, was die Veilchen ihr sagen wollen. — Sie neigt das Haupt zurück und schließt die Augen, sie schläft und träumt dennoch einen unbeschreiblich holden Traum. — Eine Stimme läßt sie aufschrecken.
Drunten vor dem Fenster erklingt Fränzchens unverkennbares Organ.
„Assessor! Affefforchen! — zum Kuckuck noch eins, schlafen Sie etwa noch?"
Und dann klingt ein Fenster. „Grüß Euch Gott, Frau Königin!" scherzt er: „Haben Sie schon Befehle für mich?"
„Und ob! ich langweile mich! wie die Marmotten schlafen sie noch bei uns! Allein darf ich nicht fort und mit Friedrich durch Rüdesheim zu bummeln, ist weiß Gott kein aufregendes Vergnügen! Was thun Sie? Haben Sie sich schon rastrt? Haben Sie schon gebreakfastet? Na, dann raus mit der wilden Katze! Kommen Sie runter, wir bummeln zusammen!" Ein unterdrücktes Lachen. „Aber mein gnädiges Fräulein, fragen Sie bitte zuvor Ihre Frau Mama!"
„Unsinn! Glauben Sie, daß Mutter Sie für gefährlich hält? Sie mit Ihren sieben Kindern? Jrrthum, sanfte Negerraffe. — Also los!"
Wieder ein sonores Lachen. „Wie wär's, wenn wir uns ein wenig im „Häschenwerfen" übten? hier vor den Fenstern eignet sich der Fluß brillant dazu!"
„Ich möchte lieber mit Ihnen auf die Brömserburg!" „Das geht nicht, Miß Francis — wirklich nicht!" „Mein Gott, so kommen Sie doch nur, ich will ja das Entrse berappen!"
„Nun schallte ein unauslöschliches Gelächter durch den frischen Maienmorgen! und wohl oder übel — Pia lachte mit.
Gleichzeitig rührte sie heftig die Klingel und Dorette trat eilig ein.
„Dorette, bitte melden Sie mal dem Herren Grafen, daß Comtesse Fränzchen allein vor dem Hause ist, und den Assessor zu einem Spaziergang auffordert I"
Die Alte sah gar nicht so entsetzt aus, wie Pia erwartete. Sie lächelte nur gelassen: „Das wäre ja nicht so schlimm! der Assessor ist ein feiner Herr, und als Amerikanerin ist es mit der Comtesse nicht so ängstlich!" — Aber sie eilte dennoch davon, das Ereigniß bei den Herrschaften zu rapportiren. „Unglaublich," schüttelte Pia den Kopf. „Ich habe noch nie eine derartig harmlose Erziehung einer jungen Dame — einer Gräfin gar! — erlebt; und sie steht mit den Ansichten ihrer Eltern in so grellem Widerspruch. Tante Johanna, die vornehmste, weiblichste und decenteste Frau, welche man sich denken kann, Onkel Willibald, der Strengdenkende, in allen anderen Dingen so peinlich correcte Aristokrar, welchem alles Unpassende ein Greuel ist, — und Fränzchen gegenüber? — räthselhaft!"
* * *
Die Equipage stand bereit, welche Mr. Luxor für die Niederwaldsfahrt bestellt hatte.
Dorette und Friedrich besorgten das Gepäck direct nach Aßmannshausen und hatten Befehl erhalten, die Herrschaft gegen Abend am Kurhaus des kleinen Quellbades zu erwarten.
Pia stand an Tante Johannas Seite neben dem Wagen und erwartete den Onkel, Fränzchen und Hellmuth, welche langsam von dem Flußufer herzu wandelten. Sie sah einen Schein bleicher aus, wie sonst.


