507

Bruder ausgesetzt gewesen, gleich einem Nimmersatten Moloch verschlänge.

Und trotzdem war er oft in Geldverlegenheit und benöthigt, die Hilfe der verblendeten Eltern gar manchmal privatim anzurufen.

Trotz seines Leichtsinnes erfreute sich der junge Graf einer gewissen Beliebtheit.

Seine äußere Erscheinung war hübsch und elegant, wenn auch sein rundes Gesicht mit dem dunklen, gebrannten Schnurrtbärtchen etwas Puppenhaftes gegen die stolzen, großen, gradlinigen Züge des Bruders hatte.

Hartwig war auch bedeutend kleiner, wie Wulff-Dietrich, dessen hohe, schlanke Gestalt mit der imponirend ruhigen Haltung die mefften Herren noch um eines Haupteslänge überragte.

Hartwig besaß alle gesellschaftlichen Talente, welche dem zukünftigen Majoratsherrn abgingen, er verstand es, zu amüsiren, er machte ungezählten Damen die Cour, er wettete und trank mit den Kameraden, er sagte den ver- heiratheten Damen die verwegensten Elogen, zahlte ver­schwenderische Summen für alle Suppenvereine, Kranken-, Waisen- und Armenhäuser, welche die unverheiratheten älteren Damen leiteten, er arrangirte alle Partien, Casinofeste, Theateraufführungen, und Lawn - tennis - Schlachten, welche Mütter und Töchter von ihm verlangten, und so war es selbstverständlich, daß er eine hervorragende Rolle in der Gesellschaft spielte und unbestritten als Löwe des Tages in den Salons herrschte.

*

-r-

Das Weihnachtsfest stand vor der Thür.

Ueber den glitzernden Fahrweg, welcher vor dem strahlend erleuchteten Portal der Billa Casabella mündete, rollte die Equipage, welche Graf Wulff-Dietrich von der Bahn abge­holt hatte.

Ohne auf die Hilfe der Dienerschaft zu warten, stieß der junge Oberförster selbst den Schlag zurück und sprang auf die spiegelnden Mosaikfliesen nieder.

Er stach wunderlich gegen seine prächtige Umgebung ab, als er in dem einfachen, grauen Jagdcivil die goldgegitterte Treppe emporstieg, aber die Diener verneigten sich so respekt­voll vor ihm, wie vor einem Manne, welchem man nicht nur Ehre anthun muß, sondern welchem man auch gern alle Ehre erweist. Die Gräfin trat ihm mit phrasenhaftem Willkommen entgegen und Graf Rüdiger umarmte ihn voll gönnerhaften Wohlwollens, nur Hartwig blieb ungenirt in dem bequemen Sessel liegen, breitete die Arme weit aus und sang mit viel Stimme und wenig Melodie:Max, schieß nicht ich bin die weiße Taube!" ein kleiner Scherz für den gräflichen Jagdbursch", welcher Gräfin Mutter außerordent­lich amüsirte

Ja, lieber Wulff, der arrogante kleine Schlingel da kann es Dir immer noch nicht recht verzeihen, daß Du in die simple Jägerjoppe geschlüpft bist!" lachte sie und fügte ein wenig schmollend hinzu,ebenso wie es Deiner eitlen Mutter stets v n Neuem einen Stich ins Herz giebt, wenn sie ihren Aeltesten so schmucklos gekleidet daher­kommen sieht"

Hm. Ein Ordensstern und Tressenhut, die sind gar schön die sind gar gut!" intonirte der Dragoner abermals, dem Bruder die Hand schüttelnd und alsdann in Prosa fortfahrend:Ich verwahre mich gegen Deine An­schuldigung, Mama, unser theurer Freischütz ist ein durchaus schmucker Bursch, welcher sogar den Ordensstern aufweisen kann! Was willst Du? Sein Civil hat tadellosen Schnitt, verkaffert ist Wulff - Dietrich nicht in seiner Einsamkeit, sondern trotz diesemGrau in Grau" so pschütt, daß ich morgen Vormittag öffentlich mit ihm spazieren gehen will!"

Grau in Grau! das ist es ja !" seufzte Gräfin Melanie und schmiegte sich so zärtlich vorwurfsvoll an den Arm ihres Großen, daß ihre elegante Toilette in allen Seiden­

falten rauschte, süßer Goldliliendust jeder Spitze und Band­schleife zu entschweben schien.

Mein schöner, stattlicher Junge verkriecht sich in ein Fledermausfell, während er in blitzender Uniform ein Gott unter Sterblichen sein würde!"

O Eitelkeit, Dein Name ist Mutter!"

Wulff-Dietrich küßte die diamantglitzernden Fingerchen der noch immer sehr jugendlichen Mama:Wie schade, daß das Schöne mit dem Nützlichen so selten Hand in Hand geht!" setzte er lächelnd hinzu:Als Offizier würde ich Euch jetzt noch ebensoviel schweres Geld kosten, wie der blaue Apoll dort welcher seine Götterherrlichkeit recht theuer bezahlen muß,- als Jägermaxel brauch ich Euch aber nicht mehr zur Last zu fallen, sondern verdiene selber genug"

Um Weib und Kind ernähren zu können! bravo! das klingt unendlich ehrbar und bieder so herzerfreulich wie das Lied vom braven Mann!" amüsirte sich Hartwig, die silbernen Sporen melodisch zusammenklingend:Aber wie das Lied eines künftigen Majoratsherrn und reichsten Groß- Grundbesitzers klingt es nicht! Teufel, cs ist ein rechter Mißgriff des Schicksals, daß es nicht mich zum Apltesten von uns Beiden gemacht hat!"

Wulff-Dietrich hatte zwischen seinen Eltern Platz ge­nommen. Er zuckte in seiner ruhigen Weise die Achseln: Vorläufig hat uns das Schicksal alle Beide noch nicht zum Majoratsherrn gemacht, weder Dich noch mich!"

Schallendes Gelächter.Mensch!Wulff! glaubst Du etwa jetzt noch, daß sich Tante Johanna, die Buckliche, mit Kinderkrankheiten abgeben wird?"

Nein, aber trotzdem rechne ich nicht eher mit einer Möglichkeit, als bis sie zur Thatsache geworden ist!"

Das möchte doch unpraktisch sein" schüttelte Graf Rüdiger den Kopf:und hatte ich Dir im Gegemheil eine ganz andere Rolle in diesem Erbfolgekrieg zugedacht!"

So? und welche?"

Du mußt Dir bei Zeiten jetzt, so schnell wie möglich einen Verbündeten sichern, welcher Dir den Steg garantirt!"

Ich verstehe Dich nicht, Papa."

Hartwig stieß den Vater kichernd an:Die Leute in der Provinz sind viel zu harmlos, um auf solche Spitzfindig­keiten zu reagiren, wenn da nicht der Brautbitter mit dem Strauß in der Hand an der Thür klopft und sein Berschen stammelt, wissen sie nicht, was von ihnen verlangt wird!" Wulff-Dietrich lachte:Ach Heirathsprojecte! Hm, ich dächte, die Majoratsherrn von Niedeck wurden nicht lange um ihren Geschmack gefragt!"Ganz recht! die sechzehn Ahnen werden immer rarer hier zu Land, und kannst Du factisch von colossalem Glück reden, daß die Einzige, welche Deine Zukünftige werden stann, ein junges, reizendes Mädchen, ohne Buckel oder Blatternarben ist!"

Meine Zukünftige! gräßlich, von einem wildfremden Wesen derart sprechen zu können! Ich kenne bis jetzt keine junge Dame, welche ich zur Gräfin Niedeck machen möchte!"

Um so besser, daß Dein Vater Deiner Unentschlossenheit zu Hilfe gekommen ist!" Hartwig drehte die Daumen umeinander und recitirte:

Dann kommt mein Sohn Wulff-Dietrich und macht zu seiner Gräfin Dich!"

Ach so! der Heirathsantrag, welchen Papa dem Wickel­kinde Pia machte! Hat das blonde Kind wirklich geduldig auf den verschriebenen Freier gewartet?"

Das versteht sich, Pia weiß wohl, was sie dem Ge­schlecht der Niedeck schuldig ist! Und wie glücklich sich das trifft! Ihr Vater welcher doch seit Jahren nach R. versetzt war, hat jetzt als Oberstlieutenant den Abschied ge­nommen wie man sagt, aus Gesundheitsrücksichten! und zieht sich nun hierher in das Haus seiner Väter zurück.

(Fortsetzung folgt.)