Ausgabe 
30.10.1897
 
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interessirt haben, einmal die Nichte von Angesicht zu schauen, welche nach dem eigenartigen Elternpaar ein ganz absonder­liches Wesen sein mußte.

Es gelang ihm aber nicht.

Endlich hörte er auf Umwegen von ihr.

Ein Niedccker Forstläufer war für Geld und gute Worte erbölig, von der gnädigen Comtesse Fränzchen zu erzählen.

Fränzchen! Also doch Franziska getauft! Wie verrückt war das einmal wieder! So weit man zurückdenken konnte, gab es keine Franziska in der Familie, höchstens konnte die Ovation einem lieben Nördlingen gelten. Also Comteß Fränzchen ward ihm als ein sehr frisches, derbes, außer­ordentlich übermüthiges Mädel geschildert, welches die Freiheit von Niedeck dazu benutze, in wildester Weise hcrumzutollen.

Die Eltern seien unglaublich besorgt um das Kind. Die Gräfin schlafe nie, ohne ihr Töchterchen an der Seite zu haben, sie sei Tag und Nacht um die Kleine, warte es meist ganz allein und gestatte den Wärterinnen nur die kleinsten Handreichungen. Eine alte Engländerin, welche kein Wort Deutsch verstehe, dürfe allein das Schlafzimmer betreten. Graf Willibald schien seine Lebensaufgabe darin zu sehen, das Kind zu behüten. Fränzchen sei nie ohne die Eltern zu sehen und die Liebe zwischen ihnen geradezu abgöttisch.

Ob Fränzchen hübsch sei?

Auf b'e Frage war der junge Forstmann ein wenig verlegen geworden. Sie habe etwas große derbe Züge, ähnele aber doch der Gräfin. Namentlich die Augen seien so schön, so groß und braun wie die der Mutter, nur daß sie bei dem wilden Kind ganz anders dreinschauten wie bei der Gräfin. Jetzt sei eben noch nicht viel zu sagen, aber er glaube wohl, daß das Comteßchen noch mal eine recht schmucke Dame werde!

Weiter reichte die Wissensi ast des Jägers nicht, und Graf Rüdiger mußte sich mit diesem skizzenhaften Bilde der unbekannten Nichte genügen lassen.

Als er es entworfen bekam, zählte Fränzchen vier Jahre, jetzt war sie schon ein Backstschchen von fünfzehn Lenzen, und noch hatte kein Mensch jemals den Schleier gehoben, welcher dieses Bild von Sais verhüllte.

Als zwölf Jahre seit der Geburt der Kleinen verstrichen waren, ohne daß sich der E.be von Niedeck eingestellt hatte, schien Graf Rüdiger dos Majorat für seinen Sohn gewiß zu sein. Die ruhelosen, aber immerhin recht interessanten Wanderjah-e wurden beendet.

Nach langer Abwesenheit zog Graf Rüdiger mit seiner Gemahlin abermals in Villa Casavella ein, von Neuem seine altgewohnte, glänzende Rolle in der Residenz zu spielen. Seine Familienverhältnisse hatten sich während der Zeit be­deutend verändert. Ehemals lebte er mit zwei kleinen Knaben, jetzt gingen erwachsene Söhne in seinem Hause aus und ein.

Wulff-Dietrich hatte die Forstcarriöre erwählt und war bereits wohlbestallter Forstaffessor geworden. Nebenbei hatte er den Titel eines Hofjagdjunkers erhalten, denn er war bei Hofe sehr beliebt und erfreute sich besonders der Sympathien seines Herzogs Carl-Friedrich. Wie man sagte, hatte Graf Wulff-Dietrich sich diese Auszeichnung durch eine sehr amüsante Schlagfertigkeit verdient, welche ihrerzeit viel besprochen wurde. Anläßlich einer besonderen Hoffestlichkeit in Dresden schickte Herzog Carl-Friedrich eine Gesandtschaft nach dort, und attachirte derselben auch in besonderem Wohlwollen den jungen Assessor Graf Niedeck.

Wie es bei solchen Gelegenheiten üblich, wurden die Herren von rem König von Sachsen decorirt, und auch Wulff.Dietrich kehrte mit einem Orden heim.

Als kurze Zeit darnach ein hoher Gast im Schloß Carl-Friedrichs einkehrte, ward auch der junge Niedeck zum Dienste einberufen.

Die Herren und Damen standen nach dem Galadiner zum Cercle versammelt und lauschten der mehr oder minder

huldvollen Ansprachen, durch welche der zum Besuch weilende König die einzelnen Würdenträger auszeichnete.

Seine Majestät war dafür bekannt, oft etwas scharf zu spotten, man zitterte vor seinen Scherzen, weil sie zumeist für den Betroffenen den Fluch der Lächerlichkeit nach sich zogen. So stand auch diesmal der König, und bemerkte mit adlerscharfem Blick den Orden auf der Brust des blutjungen Assessors.

Er schaute immer angestrengter, sein Gesicht nahm mehr und mehr den gefürchteten Ausdruck der Ironie an, und aller Augen hingen in angstvollem Schweigen an dem un­glücklichen Opfer Niedeck, auf welchen der König langsam zuschritt. Er blieb vor dem Assessor stehen, blickte auf den Orden und fragte mit sarcastischem Lächeln:Hm, sagen Sie mal, Verehrtester, was haben Sie denn schon für Sachsen gethan?"

Betroffene Mienen ringsum, Todtenstille, nur Graf Wulff-Dietrich hielt den Kopf hoch und stolz auf den Schultern und antwortete ebenso ironisch:Mein Möglichstes, Majestät!"

Der König brach in ein schallendes Gelächter aus, in welches alle Umstehenden von Herzen cinstimmten, dann reichte er dem Assessor sehr gnädig die Hand und nickte ihm zu:Gut geantwortet, der Herzog wird noch Freude an Ihnen haben." Und der Herzog erlebte sie.

Graf Wulff-Dietrich war einer seiner talentvollsten und strebsamsten Beamten, und wenn er auch in manchen Dingen recht eigenartig und wunderlich erschien, so sah man ihm manche Starrköpfigkeit und Schroffheit nach, weil er vollsten Respecc und Anerkennung verdiente.

War es nicht in hohem Grade ehrenwerth, daß der junge Mann, trotz des Reichthums seiner Eltern, trotz des fürstlichen Majorats, welches seiner wartete, einen eisernen Fleiß entwickelte, sich selbstständig zu machen und eine Stellung aus eigener Kraft zu erwerben?

Er war zu stolz, um fich von unverdientem Gelde er­nähren zu lassen, er war viel zu edel und rechtlich denkend, um dem blinden Zufall seine Existenz verdanken zu wollen.

Selbst ist der Mann! Was er im Leben war und galt, wollte er nur sich allein verdanken.

Allerdings übertrieb er in dieser Ansicht ein wenig. Wie man sagte, nahm er nur die allernothwendigste Zulage von den Eltern an, lebte so solid und einfach wie seine unbemittelsten Collegen und hielt sich der Residenz mit ihrem kostspieligen Hofleben mit Vorliebe fern.

Der Herzog schien ganz andere Pläne betreffs seiner Carriöre zu haben, und sehr ungern gab er dem Gesuch des jungen Grafen nach, in der Abgeschiedenheit der Wälder seinen Dienst verrichten zu können.

Als abermaliges Zeichen besonderer Huld beförderte der Landesherr ihn zum Oberförster auf Leuenstein, einem Jagdschloß des Herzogs, romantisch im Gebirge gelegen, auf welchem der hohe Herr öfters im Jahre weilte, die ver­schiedenen Jagden abzuhalten.

Graf Wulff-Dietrich lebte dort in anspruchsloser und bescheidener Weise, nun völlig sein eigener Herr und auf eigenen Füßen stehend.

Sein Weg führte ihn nur daun in die Residenz, wenn die Eltern ihn zu den hohen christlichen Festen, zu Geburts­tagen oder sonstigen Feierlichkeiten einluden, oder wenn er Befehl bekam, seiner Stellung als Jagdjunker gemäß am Hofe Dienst zu rhun. Welch ein Unterschied zwischen Wulff-Dietrich und seinem Bruder Hartwig!

Graf Rüdiger hatte seinen jüngsten Sohn bei den Dragonern, welche in der Residenz standen, eintreten lassen, und so sparsam und anspruchslos wie der künftige Majorats­herr von Niedeck lebte, so grenzenlos verwöhnt und unbe­rechenbar war Hartwig. Die Zulage, welche er von den Eltern bezog, war enorm, und weil Wulff-Dietrich keinerlei Unterstützung mehr von dem Vater annahm, so erzählte man sich, daß Hartwig auch noch den Theil, welcher für den