Ausgabe 
30.10.1897
 
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Samstag den 30. Octritt

1897.

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f' gräme Dich nicht darob, daß Arbeit sei Dein Loos, Daß oft schon saurer Schweiß Dir von der Stirne floß. Wer müßig sitzt am Markt, den fällt das Laster an, Den lockt und schleppt es leicht seitab von eb'ner Bahn.

Doch wer mit muth'gem Geist in dem Berufe schafft, Einsetzt im Tagewerk die zielbewußte Kraft, Bleibt in der Jugend schon vor Anfechtung bewahrt, Im Alter wird der Schmerz der Reue ihm erspart.

Der Majoratsherr.

Roman von Nataly v. Eschstruth.

(Fortsetzung.)

Hartwigs Ansprüche waren desto unbescheidener, aber auch sie wurden anstandslos bewilligt. Nie war der Unter­schied zwischen den Brüdern so schroff zu Tage getreten wie jetzt- während Wulff-Dietrich mit seinen noch nicht vollendeten dreizehn Jahren den Eindruck eines ernstdenkenden, ruhigen, beinah verschlossenen jungen Mannes machte, verrieth sich in Hartwigs Wesen schon jetzt der ganze sorg- und anspruchslose Leichtsinn, welchen er wohl als fatales Erbtheil seiner Eltern mitbekommen. Die Grafen Niedeck hatten stets für ein solides, gewissenhaftes, ritterliches Geschlecht gegolten, Rüdiger bildete wohl die erste Ausnahme von dieser Regel.

Sein ältester Sohn verleugnete das Blut seiner Ahnen nicht und schien in jeder Beziehung den Traditionen der Familie Ehre machen zu wollen. Hartwig aber war ein echtes Kind seiner modernen Zeit, das treue Abbild des Vaters, und gleich der Mutter ein fremdes Reis auf dem alten Stamm.

* * *

Jahre waren vergangen, fünfzehn lange Jahre. Gar Manches hatte sich in dieser Zeck geändert und wenig nur war sich gleich geblieben. Zu diesem Wenigen gehörte auch das alte Schloß Niedeck, in welchem kaum ein Stuhl von der Stelle gerückt worden war, geschweige daß eine ein greifendere Neuerung an seinem Inneren oder Aeußeren vorgenommen wäre. Die gräfliche Herrschaft wohnte nur wenige Sommer- und Herbstmonate in der Heimath; sie kam unerwartet an, und kein Mensch würde etwas von ihrer

Anwesenheit gemerkt haben, wenn nicht die Bauern und Waldhüter der Equipage in den Forsten begegnet wären.

In Angerwies ließ sich Niemand von der Familie blicken, ebensowenig in der Umgegend. Da Niedeck ein mächtig ausgedehnter Ländercomplex war, befanden sich keine Güter in der Nähe, auf welchen man von dem Schlosse aus hätte verkehren können. Aber Graf und Gräfin schienen gerade die Einsamkeit ganz besonders zu lieben.

Sie Pflegten voll Entzücken die alten Erinnerungen, saßen Abends Hand in Hand an dem Fenster des Kutscher­stübchens, und sahen sich wie einst in den Flitterwochen voll zärtlicher Anbetung in die Augen. Johanna war mit den Jahren noch stiller, fügsamer und sanfter geworden, Willibald hingegen schien die frische Luft der fremden Länder in leb­haftester Weise angeregt zu haben.

Sonderling blieb er nach wie vor, seine kleinen Eigenheiten legte er nicht ab, aber es waren zumeist Schrullen, von denen die Außenwelt nicht viel merkte und welche seine Gatiin voll nie ermüdender Engelsgeduld ertrug. Nachdem Graf Willibald seiner Zeit die Geburt einer Tochter angezeigt hatte, schien der Klapperstorch die Adresse des Majoraisherrn vollständtg vergessen zu haben. Der Erbe, nach welchem so viele Augen voll brennenden Interesses ausschauten, ward nicht geboren, und je mehr Jahre ver­strichen, ohne einen kleinen Majoratsherrn mitzubriugen, je triumphirender und selbstbewußter wiegten sich Graf Rüdiger und Melanie in der seligen Gewißheit, das Majorat unbe­stritten auf ihren Sohn übergehen zu sehen.

Seüsamerweise hörte man so gut wie nichts von der Familie Willibalds.

Niemand traf sie auf Reisen an, in keinem Fremdenbuch war der Name Niedeck zu finden, obwohl man wußte, daß die Familie in Venedig, Rom oder Neapel weilte, weil die Briefschaften von Niedeck postlagernd nach dort gesandt wurden.

Dann hatte Graf Rüdiger erforscht, daß der Vetter den Winter in Kairo zubringe.

Die Neugierde trieb ihn, mit seiner Gattin ebenfalls in Kairo Aufenthalt zu nehmen. Aber von Graf Willibald und seiner Familie war keine Spur zu entdecken, so sehr sie auch alle Hotels und Fremdenpensionen nach ihm abforschten. Da öfters von reichen Engländern, Amerikanern und Russen ganze, villenartige Häuser gemiethet wurden, forschte Rüdiger auch in diesen nach, doch erfuhr er nur unbekannte Namen von etlichen Ausländern, welche sich diesen Luxus gestatteten.

Und doch würde es den Kammerherrn außerordentlich