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vorüber. Er saß, das Auge an die Decke des Zimmers geheftet. Er träumte von Ruhm, Ehre, Gold . .
Sabine trat in das Zimmer ihres Gatten. Die großen, braunen Augen fahen müde unter der von dichten Flechten kastanienbraunen Haares umflossenen Stirn hervor, die blassen Lippen waren fest geschlossen.
Röder schreckte auf und wandte den Kopf. Sabine setzte sich auf den Stuhl zur Seite des Schreibtisches. Ihr Gatte beugte sich zu ihr und sah ihr tief in die Augen.
„Warum so traurig, Geliebte?" fragte er.
Sabine versuchte zu lächeln.
„Ich wollte Dich bitten, mir etwas Geld zu geben," sagte sie leise.
Röder richtete sich auf. Eine jähe Röthe bedeckte sein Antlitz.
„Ich habe nichts," sagte er zögernd.
„So hast Du in der letzten Zeit gar nichts mehr qe- arbettet?" erwiderte Sabine.
„Doch, doch!" rief Röder. „Ich arbeite an einem Drama. Ich wollte Dich damit überraschen. — Mein erstes Bühnenwerk, setzte er mit stolzem Lächeln hinzu.
„Und wenn's abgelehnt wird?" sagte Sabine.
„Wir schränken uns ein," warf Röder hin, „ich brauche nichts." "
„Paul," sagte Sabine mit stärkerer Stimme, „Du hast dre Sorge, für die täglichen Bedürfnisse mir überlassen. Ich habe sie auf mich genommen und geschwiegen, weil ich glaubte. Du arbeitest, um Geld zu verdienen. Jetzt muß und will ich reden. Wohl schon seit einem Monat habe ich von Tur kein Geld mehr bekommen. Ich trug mein Silber ms Pfandhaus, ein Stück nach dem anderen, sparte und entbehrte, wo ich konnte. Jetzt habe ich nichts mehr fortzutragen, und da ich zu Dir komme in der Meinung, daß Du auch das Deinige gethan hast, finde ich Dich müßig, mit trügerischen Hofinungen Deine Zeit vergeudend."
Röder lehnte am Fenster und sah finster vor sich hin. Aus jebent Wort Sabinens grinste ihn die Roth an. Sie griff nach ihm mit ihren knöchernen Fingern und wollte ihn hinabziehen aus der Welt, in der er sich frei und glücklich fühlte, hinab in den Staub der Erde.
Zorn und Ekel schüttelten ihn.
„Ich werde sehen, mir irgendwo Geld zu leihen," sagte er verächtlich. 1 '
'„Immer„leihen, leihen," klangte es zurück, „und wovon wiedergeben?"
Röder zuckte ungeduldig mit den Achseln.
k "Es .wird sich Rath schaffen lassen. Ja, Rath für heute und vielleicht morgen," entgegnete Sabine, „und übermorgen stehen wir wieder vor dem Nichts. Das ist's ja, was mir so unerträglich geworden ist, diese Sorge von einem Tag zum andern, dieses Leben von der Hand in den Mund, diese Unsicherheit, die kein Gefühl der Ruhe aufkommen läßt."
„Du mußt Geduld haben," sagte Röder, „ich kann mich letzt nicht mit einer anderen Materie beschäftigen."
//Immer Geduld, Geduld," klagte Sabine. „Bin ich nicht geduldig gewesen? In den letzten Wochen habe ich von Dir nichts gehabt. Kaum, daß Du Dir Zeit nahmst, Deine Mahlzeiten herunterzuschlucken, so gingst Du wieder m Dem Zimmer, und ich blieb den ganzen Tag allein. Früher beschäftigte ich mich mit Bruno, aber jetzt?" — sie
7" "nid)t einmal spazieren gehst Du mit mir, was ich doch so nöthig habe."
„Aber liebes Kind," sagte Röder weich, es wäre auch mir angenehmer, wenn ich mich Dir mehr widmen könnte. Warte nur, bis meine Arbeit fertig ist, was nicht mehr lange dauern dürfte. — Dann leben wir wieder wie Turteltauben," scherzte er.
„Nein, ich kann das Leben nicht mehr ertragen," sagte Sabine weinend, „es raubt mir den Rest meiner Lebenskraft und macht mich wankend in der Liebe zu Dir." Röder trat rasch an die Seite seiner Gattin und beugte sich zu ihr.
„Sabme," sagte er flehend, „Du hast mir bisher treu zur Seite gestanden als mein gutes, tapferes Weib. Willst Du jetzt müde werden, da es gilt, den letzten Anlauf zu nehmen zum großen, entscheidenden Siegen? Sabine, sei stark und glaube!"
„Sabine drückte die Hände vors Gesicht. Ihr geschwächter Körper zitterte.
Röder kniete nieder, schlang die Arme um Sabinens Leib und flüsterte:
„Sabine, was soll ich thun, sprich, was soll ich thun?"
Sabine legte die Hände auf seine Schultern und sah ihm ängstlich - flehend in die Augen. „Nimm eine feste Stellung an," bat sie. 1
Sie fühlte, wie ein Beben durch den Körper ihres Gatten ging. Groß und erschrocken waren seine Augen auf sie gerichtet. Er machte sich sanft los und erhob sich.
„Bitte, thu's," flehte Sabine.
Röder ging langsam, wie tastend, durch das Zimmer.
„Sabine," sagte er endlich mit verschleierter Stimme, „wenn Du mich liebst, kannst Du das nicht von mir fordern, nein, das nicht."
„Paul, ich bitte Dich, thu's,- Du giebst mir meine Ruhe wieder."
Röder schüttelte den Kopf.
„Ich bin zu alt geworden," sagte er, „um mich der Bureauarbeit anzupassen. Ich bin gewöhnt, dem Wesen der Dinge nachzudringen, der Sinn für das Aeußere, Nebensächliche, den jede Bureauarbeit fordert, ist mir verloren gegangen."
„Du hast's früher gekonnt, warum jetzt nicht?" entgegnete Sabine.
„Ja, früher," sagte Röder, „bis mir der Widerspruch zwischen meinem Beruf und meiner Beschäftigung unerträglich wurde."
„Wenn Du nur wolltest," sagte Sabine scharf. „Aber Du willst nicht, weil Du mich nicht liebst."
Röder hob den Kopf.
„Sabine," sagte er, „sprich nichts aus, was Du selbst nicht glaubst. Es wäre ein Hohn auf mein bisheriges Streben, eine Verneinung meines Selbst, wollte ich auf Dein Verlangen eingehen."
„Redensarten, von denen ich nicht satt werde," warf Sabine hin.
Röder ging hastig von einer Ecke des Zimmers zur andern.
„Wie?" sagte er zu sich selbst, „ich soll ein Amt annehmen, das für mich nichts weiter bedeutet als eine melkende Kuh? Für das Schaffen aus mir heraus nur den Rest von Zeit und Kraft anwenden dürfen, den es mir läßt? Und wofür? Für Deine Ruhe? Sabine, Sabine, wenn Du glauben könntest! — Giebt es denn wirklich nicht den mächtigen, Berge versetzenden Glauben, den Jesus von Nazareth bei den Menschen vergeblich suchte?"
Er rief es, Schmerz und Sehnsucht in seinen Zügen.
„Du entsinnst Dich vielleicht, daß die erste Tugend, die jener Mann predigte, die Selbstverleugnung war?" sagte Sabine höhnisch.
Die Muskeln in Röders Antlitz zogen sich straff.
„Und jener Mann," rief er, „sagte: Aergert Dich Dein rechtes Auge, so reiß' es aus und wirf es von Dir."
Er begegnete dem wirren, verständnißlosen Blick Sabinens. Es war ihm, als ob sich eine Kluft vor ihm öffnete, die ihn von Sabine auf immer trennte.
Und dann wurde es klar und ruhig in ihm, wie es in der Seele des Menschen klar und ruhig wird, der auf hohem Bergesgipfel steht, um ihn die mächtige, schweigende Natur und weit, wett unten im nebligen Thal die Hütten der Menschen.
„Du willst meinen Wunsch nicht erfüllen?" unterbrach Sabine die Stille, während sie sich erhob.
Röder schüttelte den Kopf.
„Ich darf es nicht," sagte er.


