Warum glaubtest Du nicht?

Skizze von Fritz Gregori.

------- (Nachdruck verboten.)

Er saß über den Schreibtisch gebückt und schrieb hastig. Hin und wieder strich er mit der Linken durch das dünne, ungescheitelre Haar und sah gerade vor sich hin. Dann sührie er wieder die Feder über das Papier und reihte Linie an Linie.

Endlich legte er die Feder zur Seile und überlas die Zeilen, strich hier ein Wort, setzte dort eines hinzu und legte das Blatt auf einen Haufen anderer, die eine kupferne Eidechse zusammendrückte.

Tiefathmend legte er sich im Sessel zurück.

Sein erstes Drama. Das Ziel seiner Sehnsucht. Die letzte Stufe seiner dichterischen Entwickelung. Nach der edelsten und vollkommensten Blüthe am Baum der Poesie streckte er die Hand aus: Würde er sie pflücken?

Ein Zagen quoll in ihm auf. Es wich sogleich der Ruhe fester Zuversicht.

Hatte er nicht das Recht, an sich zu glauben? Seine Novellen hatten bei Kritik und Publikum Anerkennung ge­funden, der Roman, den er ihnen folgen ließ, ihm einen Platz in den vorderen Reihen der modernen Prosaschriftsteller er­worben. Damals litt es ihn nicht länger in der kleinen Provinzialstadt, deren gelesenste Zeitung er redigirte. Die nagende Sehnsucht nach dem raschen, feurigen Leben, das jenseits der Mauern der engen Stadt rauschte, nahm ihm die Freude zur Arbeit; der Duustkreis der Rücksichten und Vorurtheile, in dem er ermattete, lähmte seinen Geist und Willen. Niemals meinte er hier zu dem Vermögen heranzu­reifen, Menschcngröße und Menschenelend in den Gestalten eines Bühnenwerkes zu verkörpern. Eines Abends hatte er angefangen, zu Sabine, seinem jungen Weibe, von feiner Qual und seinen Hoffnungen zu reden. Und als er in leidenschaftlichem Flehen sie gefragt, ob sie ihm nach Berlin folgen wolle, war ein freudigesJa" die Antwort gewesen.

1897

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Du meistens vernünftig und klug, Sf'1 Das schützt Dich vielleicht vor Anderer Betrug; Doch Deine beste Klugheit mußt Du sparen,

Dich vor eigenen Dummheiten zu bewahren.

Alb. Roderich.

Das war eine hehre, große Stunde gewesen, ihre wahre Hochzeitsstunde! Er siedelte nach Berlin über, ungeachtet der spöttischen, mitleidigen Warnungen der Verwandten seiner Frau. In rastloser Arbeit vergingen ihm die ersten Jahre. Die Abfassung literarischer Aufsätze und Ueber- setzungen ausländischer Schriftsteller ließen ihm nur für Skizzen und Novelletten Zeit und Muße. Alle diese Arbeiten dünkten ihm nur eine Vorbereitung auf sein erstes Bühnen­werk. Als seine äußeren Verhältnisse auf einige Zeit ge­sichert schienen, überließ er sich ganz seinem Lieblingsgedanken. Er erfaßte Stoffe und verwarf sie, er fertigte Entwürfe an und vernichtete sie . . . Die Erkrankung seines einzigen Söhnchens riß ihn mitten aus seinem Ringen. Nicht genug, daß es nach wenigen Tagen der tückischen Krankheit erlag. Kaum hatte sich das Grab über dem Kinde geschlossen, als dieselbe Krankheit, deren Keim sie sich von den Lippen des abgöttisch geliebten Sohnes gesogen, auch die Mutterhaus das Siechbettfwarf. Wochen hindurch saß er an ihrer Seite und hielt ihre heißen Hände. In stillen Nächten, wenn er das bleiche, magere Gesicht, umrahmt von dunkelm Haar, in den Kissen liegen sah, kam ihm wohl die Versuchung, die Hände zu falten und zu beten. Aber zornig schüttelte er sie stets von sich ab. Statt sie zu falten, hob er wohl die geballte Rechte und schüttelte sie in wildem Trotz. Er hätte mit dem Gott, der in ewiges Dunkel gehüllt, die Menschen werden und vergehen ließ, um sein Weib ringen mögen!

Sabine genas.

Schonen Sie sie," hatte der Arzt gesagt,eine ge­wisse Herzschwäche ist zurückgeblieben."

Da hatte er den Rest seiner Ersparnisse in Sabinens Hände gelegt:Pflege Dich gut."

Er übernahm kleinere schriftstellerische Arbeiten, um Geld zu verdienen.

Aber immer heftiger hatte sich der Künstler in ihm gegen die Brodarbeit aufgelehnt, immer mächtiger drängten die Gedanken zurück zu seinem alten Traum.

Eines Abends, als er grübelnd vor dem Schreibtisch saß, war die dramatische Gestalten und Vorgänge gebärende Idee plötzlich wie ungesucht in ihm aufgeblitzt. Klar löste sie sich aus dem Chaos der Gedanken, das in ihm wühlte.

Wie ein Fieber erfaßte cs ihn. Nicht lange, so lag das Drama in seinem Geiste fest, in fiel)' geschlossen, lückenlos.

Nun saß er schon über einen Monat und schrieb und schrieb, die fliehenden Gedanken in Worte bannend. Heute hatte er den dritten Act vollendet.

Dies Alles, Licht und Schatten, zog an seiner Seele