faltig jede Begegnung mit ihr, damals sowohl als auch jetzt, da ihn ein neues Kommando nach Berlin geführt.
Regine wußte nicht, daß er, der Gegenstand ihrer Sehnsucht, nur wenige Straßen von ihr entfernt jetzt ein anderes junges Mädchen mit jener Aufmerksamkeit beehrte, die ihr Glück ausgemacht hatte. Freilich konnte er mit der niedlichen, sehr alltäglichen Commerzienrathstochter, deren Großvater das stattliche Vermögen im Viehhandel erworben hatte, nicht die ästhetischen Unterhaltungen wie mit Regine, führen. Aber die Kleine war ja jung, liebte ihn; sollte es nicht eine seiner würdigen Aufgaben sein, sie zu seiner geistigen Höhe emporzuziehen, zu veredeln? Ihr Vermögen würde nicht nur seine neuerdings gemachten Schulden decken, es sicherte ihm auch ein glänzendes Auskommen, sogar in der Garde.
Wie wenig ließ Regine es sich träumen, daß ihr so poesieempfängliches Ideal so Prosaisch handeln könne! Als sie sich jetzt eben wieder jede Einzelheit ihres kurzen, unvergeßlichen Zusammenseins mit Lossen zurückries, umspielte ein leises Lächeln ihre Lippen. Sie, die einen Lothar von Lossen liebte, sollte Felix Helling heirathen?
Dennoch dachte sie öfter daran im Laufe des Tages, als sie selbst für möglich gehalten hätte. Frau von Helling beobachtete sie den ganzen Tag über gespannt, ohne ein weiteres Wort zu äußern. Als kluge Frau wußte sie, daß zu großer Eifer der Sache nur schaden könne. Viel Hoffnung schien sie für die Erfüllung ihrer Wünsche vorläufig nicht hegen zu dürfen. Regine hatte ihre Lippen fest auf einander gepreßt und sah sehr bleich aus — so intensiv war die Blässe ihres Antlitz geworden wie sie jetzt, über die Abendzeitung gebeugt, der Mutter gegenüber saß, daß diese erschrak und eine Frage nicht unterdrücken konnte: „Fehlt Dir etwas, Regine?"
Aber die Antwort klang kurz und abweisend: „Garnichts! Was sollte mir denn fehlen?" und Frau von Helling gab sich resignirt zufrieden.
Desto größer war ihr Erstaunen, als sich die Tochter am nächsten Morgen mit etwas heiserer Stimme erkundigte, ob Vetter Felix für diesen Tag zu erwarten sei. Auf die bejahende Antwort hin äußerte sie mit verlegen abgewendetem Gesicht:
„Dann will ich rasch noch einen Citronencrsme machen lassen, den ißt er ja so gern!" und entfloh hastig aus der Nähe der überraschtemMutter, die sich diese schnelle Wendung zum Guten nicht zu deuten wußte. Sie ahnte die Ursache nicht. Eine kurze Notiz im Abendblatte hatte das Blinder bewirkt, zwei Namen nur, die in der Liste der Verlobten standen: Constanze Pottmüller und Premierlieutenant Lothar von Lossen.
Eine Verwechselung war ausgeschlossen, das wußte Regine. Der Lossens gab es zwar viele in der Armee, aber nur einen Lothar unter ihnen. Er hatte selbst im Scherze gegen sie geäußert, daß er als der einzige seines Stammes diesen Namen trage.
* * *
Eine feuchte laue Maiennacht war es gewesen, in der Regine den schwersten Seelenkampf ihres jungen Lebens durchrang. Draußen träufelte der warme Regen nieder auf die jungen Blätter und ließ die Knospen schwellen. Ein weicher, träumerischer Lenzhauch lag in der Luft, die durch das geöffnete Fenster hereinströmte,- Alles in der Natur rüstete sich zum Feste, zur Blüthezeit — aber ihr Leben erschien ihr welk, öde, inhaltslos. Die ganze glühende, schwärmerische Liebe ihres jungen Herzens hatte sie ihm geschenkt, und er hatte keine Erwiderung gehabt für die Tiefe dieses Gefühls, ihm war ihre Unterhaltung wohl nur eine angenehme Zerstreuung gewesen, die ihm über ein paar müßige Stunden hinweg half.
Eine Gefühl unsagbarer Bitterkeit schwoll in ihrem Herzen auf und schnürte ihr die Kehle zu. Der Gedanke, mehr Liebe zu geben, als sie empfing, war ihr immer uner
träglich gewesen. Aengstlich hatte sie sonst stets ihre Zuneigung abgewogen — und hier war ihr für Alles — nichts geworden.
Sollte sie nun suchen, ob sie in einem anderen Manne die Ergänzung ihres eigentlichen Selbst finden würde, wie sie es damals in Lossen fand? Ach, sie wußte genau, daß es keinen Ersatz für das Verlorene gab. Drei Jahre lang war sie Männern aller Art begegnet, und alle blieben ihr fremd. Wohl las sie in ihren Blicken Bewunderung, aber diese galt nur ihrer Schönheit. Keiner hatte ihr die Lippen erschlossen, wie jener eine, und die Schätze ihres Geistes, die sie sorglich verborgen hielt vor profaner Berührung, ans Tageslicht gezogen. Wenn sie einmal |im Eifer einen eigenen Gedanken laut werden ließ, sich ein selbstständiges Urtheil erlaubte, dann sahen die einen sie bestürzt an: eine denkende Frau, ein Schöngeist, wie unheimlich! Die anderen aber lächelte,n mitleidig, spöttisch- was konnte eine Frau denn von Dingen verstehen, die nicht in ihr Fach schlugen! Küche, Haushalt, Toilette, das war ihr Reich, damit hatte sie sich zu bescheiden. Wollte sie noch dilettiren in Musik, Malerei, nun gut! so wurde ihr das verziehen. Aber alles Weitere war vom Uebel.
Nur Einer hatte ihr zuzuhören verstanden, Einem hätte sie Alles sagen können, was ihr Herz bewegte — aber jener Eine fragte ja gar nicht danach. O wie war es möglich, daß er nicht wie sie ihre innere Zusammengehörigkeit gefühlt hatte! Laut aufschluchzend sank sie in die Kniee und barg das thränenüberströmte Gesicht auf den Armen.
Dann ward sie ruhiger, dachte weiter. Wie sollte ihr Leben sich nun gestalten? Ein Mann hatte seinen Beruf, der ihm nicht Zeit ließ, über eine Enttäuschung lange zu grübeln. Aber sie? Frau von Helling hatte ihre Tochter erzogen, wie es die meisten Frauen ihres Standes thaten, das heißt, sie trug Sorge, daß ihre Talente und Fähigkeiten gut ausgebildet wurden. Ernstere Pflichten hatte sie nicht zu erfüllen, nützliche Thätigkeit beanspruchte man nicht von ihr. So würde sie denn auch in Zukunft ihre Tage hinbringen mit Malen, Musiziren und Lesen. Aber was ihr bisher Freude gemacht, erschien ihr nun zwecklos. Hatte sie doch bei Allem nur an „ihn" gedacht. Für ihn wollte sie ihr Wissen bereichern. Wenn sie ihren Beethoven übte, fiel ihr ein, wie er die neunte Symphonie ein Meer genannt, in dem man zuerst versinkt und dann allmälig schwimmen lernt; und mit eisernem Fleiße lernte sie die gewaltige Fluth mit kundigen Arme theilen, ohne daß ihr von den überstürzenden Wellen der Athem verging — für wen sollte sie sich nun abmühen? Ob sie malte, las und spielte oder ob sie schlief und den ganzen Tag gar nichts that, das erschien ihr plötzlich unendlich gleichgültig.
Verzweifelt rang sie die Hände. Sie wollte fort, hinaus aus den alten Verhältnissen — war denn Keiner, der ihr dazu verhalf?
Aber ja doch, einen gab es ja, der gar nichts Besseres begehrte, als sie mit sich zu nehmen. Ein paar treue, blaue Augen schienen sie plötzlich aus dem Dunkel anzublicken, als versprächen sie ihr Rettung. Sollte sie dennoch die Frau von Vetter Felix werden? Was sie noch am Morgen für unmöglich gehalten, erschien ihr jetzt der Erwägung werth. Einmal heirathen mußte sie doch wohl — warum denn ihn nicht so gut wie jeden Anderen? Gerade weil er so ganz verschieden war von Lossen, aber auch von allen anderen Herren ihrer Bekanntschaft, weil er sie in einen fremden, weit entfernten Wirkungskreis verpflanzen würde, ws sie schaffen und sich betäuben konnte, gerade darum war er jetzt vielleicht der Rechte für sie.
Sie seufzte. Der gute Felix! Jener, dem sie sich ganz offenbart, hatte sie verschmäht. Dieser, der von dem nichts wußte, das sie für das Beste an sich hielt, liebte sie. Sie stand vor einem Räthsel. Müde vom Sinnen stützte sie den Kopf. Aber ihren Weg fah sie nun klar vor sich. Sie wollte Felix glücklich machen, wollte aus seinen liebevollen


