Ausgabe 
30.1.1897
 
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ohne mit der Wimper zu zucken, ohne die Lider zu schließen. Und indem die Blicke der Beiden so ineinander hafteten, kam dem Doctor das überraschende, ihn fast betäubende Ge­fühl, daß er hier einer Natur gegenüberstehe, die der seinen verwandt, von ähnlichen Gaben, vielleicht noch kräftiger und hartnäckiger sei, als die eigene.

Er verbarg das Gefühl des Erstaunens und Verdrusses unter einem Lachen.Sie find ein komischer Bursche/' sagte er mit der bisherigen Freundlichkeit.Da wollen Sie einem alten Doctor etwas weißmachen. Einem Doctor, der doch von Natur der Freund aller Menschen ist! Wenn ich nur wüßte, warum Sie mir nicht die Wahrheit sagen. Der Schlosser hat mit dem Feuer doch ebensoviel zu thun wie mit dem Nagel. Da haben Sie vielleicht geträumt bei der Arbeit, oder Ihr Mädchen ist vorübergegangen, und Sie haben aus lauter Liebe auf das glühende Eisen gegriffen. Und nun schämen Sie sich, das einzugesteheu. Mein Gott, so was kommt doch vor!"

Ich träume nicht und ich habe kein Mädchen. Das überlasse ich den vornehmen Herren. Bei Ihnen sieht man hier des Nachts doch auch allerlei Herumschleichen." Er hatte langsam begonnen, dann überwältigte ihn der Zorn über der Anspielung des Doctors auf ein Mädchen, das ihm lieb sein könne, die Erinnerung an Marthas frische, anmuthige Jugend, und er sprudelte die letzten Worte hastig hervor.

Dr. Jaksch ließ die Augenlider für einen Moment niedersinken, um seinen Blick zu verbergen,- ein Feind also war dieser junge Mensch, ein Spion, der ihm auflauerte und seinem Treiben nachspürte? Gut also, dann hieß es, ihn kennen lernen, ihn beseitigen. Eine Antwort gab er ihm nicht, er that, als habe er die freche Rede überhört/ ruhig beendete er die Arbeit am Verband und richtete sich empor. So, die Hand wäre in Ordnung," sagte er.Nein, laufen Sie mir nicht fort. Kommen Sie her und trinken Sie noch ein Glas Wein. Ja, ja, das dürfen Sie als Hausgenosse schon thun." Er goß ihm das Glas von Neuem voll und gab es ihm in die Hand. Ein Kampfesstimmung war über ihn gekommen, ein Gefühl der Lust, sich mit diesem Gegner zu messen, in dem er eine ebenbürtige Naturkraft vermuthete. Sich mit ihm zu messen und ihn zu besiegen, diesen Mann, der seinen Blick ertragen hatte, der ihm die Antwort, die Wahrheit so trotzig verweigerte, der es dann zuletzt gewagt hatte, ihn zu verhöhnen, ihn zu demüthigen, zu knechten, zum Spielzeug seines Willens zu machen, das erschien ihm Plötz­lich als ein begehrenswerthes Ziel.

Er stieß mit ihm an und trank ihm zu auf gute Besserung seiner verwundeten Hand. Dann schob er einen Sessel herbei, rückte ihn dicht neben den Stuhl des Anderen nnd sagte: Es ist schade, mein lieber Herr Neuert, daß Sie so gar kein Vertrauen zu mir haben. Widersprechen Sie mir nicht, es tst so. Und ich kann es im Allgemeinen ja auch ganz gut verstehen, aber Sie beurtheilen mich falsch. Sehen Sie, ich bin selbst in meiner Jugend arm gewesen, ein armer Arbeiter, genau wie Sie. Ich habe mich mühsam empor­kämpfen müssen und den Wein da kannte ich nicht einmal dem Namen nach. Nein, nein, das Glas müssen Sie noch austrinken! Oder schmeckt er Ihnen nicht?"

O doch, sehr gut. Wer das immer trinken könnte!" Na, wissen Sie, darin besteht nun nicht gerade das Glück des Menschenlebens. Das sieht Alles nur von Weitem so herrlich aus. Aber, wie gesagt, nachfühlen kann ich es Ihnen schon, daß Sie unzufrieden sind mit Ihrem Loos und gern ein wenig mithelfen möchten die Welt verbessern."

Er sagte es auf's Geradewohl, im Vertrauen auf die Unzufriedenheit, die der Menschen Erbtheil. Der Schlosser aber empfand es als unvermuthete Enthüllung seines innersten Fühlens. Er hatte sich geärgert, daß ihm der Ausruf über den Wein entschlüpft war- jetzt fragte er sich verwundert, ob er etwa noch mehr gesagt habe, Worte, deren er sich nicht erinnerte, die seine geheimen Gedanken verrathen hatten. Heiß und rasch durchfloß das Blut ihm die Adern, durch das

ungewohnte, starke Getränk und durch das Fieber erhitzt, das die Wunde ihm gebracht hatte, und dar der Doctor mit grausamer Gleichgültigkeit nährte.

Die Welt verbessern, das wäre nicht übel," sagte er und wieder wunderte er sich, daß er die Worte nicht unter­drückte.

Ein schöner Traum," gab der Doctor zur Antwort, solange man die richtigen, scharfen Mettel nicht anwendet. Wir in der Medicin sind allmälig klüger geworden. Wir haben einen Spruch:Quod ferrum non sanat, sanat ignis, das heißt:Was das Eisen nicht heilt, das heilt das Feuer. Jawohl, Feuer und Schwert, das ist die einzige Waffe, das ist die einzige Rettung für unsere heutige Welt."

Der Schlosser entgegnete nichts, aber mit dem Ausdruck eines dumpfen, freudigen Staunens hielt er die Blicke auf den Mann gerichtet, der so zu ihm sprach. Sollte er hier inmitten von Luxus und Behagen einen Gesinnungsgenossen, einen Helfer entdecken? Aber noch war das lange genährte Mißtrauen zu stark in seiner Seele, noch gab er die Ge­danken nicht preis, die er dachte in einsamen Stunden.

Dr. Jaksch rückte mit seinem Sessel noch näher zu ihm heran, und seine Stimme klang gedämpft, als er jetzt weiter sprach.Sehen Sie, mein lieber Neuert, wenn ich Ihnen hier auch jetzt gegenüber sitze als einer von denen, die Sie für Ihre natürlichen Feinde ansehen, ich bin doch gewesen, was Sie sind, und ich habe nicht verlernt, zu fühlen, wie Sie heute fühlen. Es muß anders werden in unserer Welt, und da es im Guten nicht geht, so muß es eben im Schlimmen sein. Nur an muthigen Menschen fehlt es uns heute"

Die wären schon da!"

Neuert hatte es gerufen, wider Willen, von einem Ge­fühl getrieben, das Jener in ihm aufgestachelt hatte, und das mächtiger war als Vorsicht und Klugheit.

Die Meisten sind feige."

Ich bin es nicht!" Er war aufgesprungen und schlug sich mit der gesunden, geballten Hand auf die Brust.

Und wenn auch, der Einzelne vermag nicht viel. Heutzu­tage heißt alles Partei! Wer sich keiner Partei anschließt, richtet nichts aus. Das ist das einzige Mittel, das zum Ziel führt. Aber vielleicht haben Sie es ja schon gethan?"

Hatte der Arbeiter trotz der Erregung den kalten, lauern­den Blick doch bemerkt, den der Doctor nicht hatte unter­drücken können? War etwas in dem Ton der Worte ge­wesen, das all' sein Mißtrauen mit einem Male wieder er­weckt hatte? War seinen Augen das Netz nun plötzlich sichtbar geworden, das ihm um^die Füße gelegt werden sollte? Er schaute den Doctor mit gerunzelter Stirn einen Augenblick drohend an, dann sagte er barsch:Sie wollen mich auS- holen. Sagen Sie mir, was meine Schuld ist?"

Dr. Jaksch lachte laut auf.Sie haben Temperament, junger Mann. Ein wenig viel, aber das macht nichts- das giebt sich mit den Jahren. Von Ihrer Schuld ist nicht die Rede, Hausgenossen werden ein für allemal gratis behandelt. Sie werden mir die Hand doch wieder zeigen müssen, und ich denke, dann findet sich auch noch einmal ein Viertelstündchen zum Plaudern."

Ich habe nichts auszuschwatzen. Lassen Sie mich hinaus !"

Mein Gott, Sie sollen ja hier nicht eingesperrt werden! Sie müssen noch besser lernen, Ihre Freunde von Ihren Feinden zu unterscheiden. So, jetzt ist die Thür offen. Ich wünsche Ihnen gute Besserung." Er war im Sprechen wieder in das Vorzimmer getreten und hatte die Thür zum Corridor aufgeschlossen.

Neuert ging hastig daraus zu; dort aber blieb er, nut sich kämpfend, noch einmal stehen.Ich danke auch für die Behandlung," sagte er mit rauher, unsicherer Stimme. Ohm sich umzublicken, schritt er hinaus.

Der Doctor stand und sah ihm nach, indem er den Bart mit den Fingern in die Höhe wirbelte- Darauf ergrch er den Schlüssel, um die Thür wieder zu verschließen, aber