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Sein Zorn entbrannte aus's Neue gegen sic. Sie wollte sich ihm also nicht anvertrauen.
Ethel speiste an diesem Tage in der Rosen-Villa zu Mittags Dort harrte ihrer eine neue Prüfung. Iris, welche das Herrenhaus nicht aus den Augen verlor, hatte die Abreise des Baronets bereits erfahren.
Sie nahm Ethel in's Gebet, sobald diese sich gesetzt hatte.
„O, Du thörichtes Kind!" rief sie aus. „Ich weiß, was Du gethan hast; Du brauchst es mir nicht erst zu sagen. Der Tag wird kommen, und zwar bald, da Du Deine Thorheit bitter bereuen wirst. Wie konntest Du nur diesen Mann ausschlagen? Ist Dein Großvater nicht wüthend?"
„Ich fürchte, er ist es," seufzte das Mädchen- „bis jetzt hat er aber noch nichts gesagt. Doch laß uns nicht Wetter davon sprechen, Mama- ich bin heute krank und niedergeschlagen."
Iris zartes Gesicht sah besorgt und bekümmert aus. Es war ihr zu Muthe, als ob ein Damoklesschwert über ihrem Haupte schwebe. Sie hatte zwar mit dem Mann in der „Katzen-Herberge" einen Vertrag abgeschossen- was sollte aber aus ihr werden, wenn Godfrey Greylock sein Enkelin verstieß, was er ohne Zweifel thun würde, falls er deren Jntrigue mit Regnault entdeckte? Die von ihm so sehr verabscheute Mutter würde sicherlich das Schicksal des Kindes theilen müssen. Gefahren drohten ihr, wohin sie auch blicken mochte.
„Ethel! Ethel!" begann sie von Neuem, „hättest Du den Baron geheirathet, so wäre Alles gut geworden. Von seiner Liebe geschützt und seinen Namen tragend, hättest Du unseren Feinden trotzen können. Ich wäre dann mit Dir nach England gegangen, wo ich vor — vor — Allem sicher gewesen wäre. Jetzt aber stehen wir allein und müssen über uns ergehen lassen, was das Schicksal versügt. „Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie mit Blindheit." Du warst sicher wahnsinnig, als Du Sir Gervase Greylock verschmähtest."
Hannah Johnson, die in diesem Augenblick durch das Zimmer schritt, warf der jungen Erbin einen boshaften Blick zu- Letztere bemerkte indessen die übermüthigeDienerin nicht.
„Mama," sagte sie ernst, „ich verstehe Dich nicht. Was für Feinde haben wir denn? Wen haben wir zu fürchten?"
Iris erröthete und antwortete gereizt:
„Jeder Mensch hat seine Feinde, wenn er es auch vielleicht nicht weiß. Es ist einzig und allein Deine Schuld, wenn wir aus Greylock Woods verstoßen werden. Ich habe meine Karten gut gespielt- ich fürchte aber sehr, Du wirst uns Alle verderben."
„Du bist sehr hart gegen mich. Es war mir unmöglich, Sir Gervase Greylock zu heirathen."
„Blindes, thörichtes Mädchen!"
„Ja, Mama, das bin ich und noch mehr," erwiderte Ethel traurig. „Ich denke aber, Du übertreibst die Gefahr, die Dir durch meine Handlungsweise droht. Großpapa liebt mich - er ist nicht der rachsüchtige Mann, den Du in ihm erblickst. Er wird Dich nicht entgelten lassen, was ich verbrochen habe."
„Das wird sich zeigen. Du bist zwar Deinem Kopfe gefolgt, aber Du wirst noch die Erfahrung machen, daß es oft theuer zu stehen kommt, seinen eigenen Willen durchzusetzen, namentlich in Liebesangelegenheiten."
Iris war während der Mahlzeit mürrisch und verdrießlich, und Ethel verließ die Rosen-Villa zu früher Stunde, froh, dieser Mutter zu entkommen, für die sie weder Liebe noch Achtung empfand, und der sie noch nie ein Geheimniß anvertraut hatte.
Es dämmerte bereits, als sie das Herrenhaus erreichte. Glücklicher Weise speiste Godfrey Greylock heute bei einem der Badegäste von Blackport. Ethel begab sich sofort nach ihrem eigenen Zimmer, da nur noch wenige Minuten an acht Uhr fehlten. Sie öffnete ihren Kleiderschrank und nahm einen einfachen grauen Mantel, sowie einen Hut und Schleier
von der gleichen Farbe heraus, steckte jedoch weder Geld noch Werthsachen zu sich. Dann ergriff sie einen Bleistift und Papier, um zu schreiben, stand einen Augenblick unentschlossen und legte dann die Dinge wieder hin. Nein, sie wollte denen, die ihr bisher die Nächsten und Theuersten waren, keine Zeile hinterlassen.
Die Alabaster-Uhr auf dem Kamingesims verkündete die achte Stunde. War es die Freude, die Leidenschaft der Liebe, was sie erbeben und von Kops bis zu den Füßen erbeben machte? Regnault hatte sie gerufen, und sie mußte gehen, um den Schwur zu erfüllen, den sie mehrere Wochen vorher in der Scheidestunde unter den Bäumen des Schulgartens gethan hatte.
Draußen aus dem Corridor hörte sie Miß Pamela der alten Hopkins Befehle ertheilen. Sie stand still und lauschte, bis die beiden Stimmen verhallt waren, dann flog sie rasch und geräuschlos die Treppe hinab und zum Hause hinaus.
24. Capitel.
An den Salzgruben.
Der Abend war windig und bewölkt. Doch war es noch hell genug, um Ethel den Weg erkennen zu lassen, als sie die Allee hinab eilte und in die Landstraße einbog.
Sie schlug direct den Weg nach dem Steinhaufen ein. Ihre größte Besorgniß war, daß sie der zurückkehrenden Equipage ihres Großvaters begegnen möchte- allein das Schicksal begünstigte sie, und sie traf aus kein lebendes Wesen. Rasch bog sie von der Landstraße in den schmalen Fußpfad ein und eilte festen Schrittes zu den alten Salzgruben hinab.
Dort stand er, an den Steinhaufen gelehnt, den Mercy Pooles Hände dem Andenken ihres ungetreuen tobten Liebhabers errichtet hatten. Ja, es war seine schöne, schlanke Gestalt, in der wohlbekannten Haltung eines Bühnenhelden. Seine dunklen Augen blickten nach allen Richtungen umher. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte er sich eine Cigarre angezündet, welche wie ein Stern durch die Dunkelheit glühte.
Als Ethel sich näherte, warf Regnault die Cigarre weg und eilte ihr entgegen. Im nächsten Augenblick zog er sie in seine Arme, er drückte sie stürmisch an sein Herz und bedeckte ihr bleiches Gesicht mit Küssen.
„Mein Engel, Du kommst spät!" rief er vorwurfsvoll. „Ich fing schon an zu glauben, daß auch Du Dich vor Geistern fürchtetest."
Sie erwiderte seine Liebkosungen nicht- kalt und regungslos wie eine Statue nahm sie dieselben entgegen.
„Warum wähltest Du diesen Ort zu einer Zusammenkunft ?" stammelte sie, indem sie schaudernd auf das steinerne Monument, die alten Salzgruben und die Marschwiesen blickte, über welche das Zwielicht wie ein Leichentuch sich gelagert hatte.
„Es ist eine böse Vorbedeutung. Weißt Du, was sich hier vor vielen Jahren zugetragen hat?"
„Jawohl," antwortete Regnault. „Ich habe mich den ganzen Tag in der „Katzen-Herberge" ausgehalten und dort die ganze Geschichte vernommen. Du bist aber doch nicht abergläubisch, Geliebte? Ich wählte diesen Ort, weil wir hier vor einer Ueberraschung ziemlich sicher sind- wie ich höre, meiden die Leute von Blackport diesen Fleck wie Pestilenz. Du kannst doch nicht glauben, daß Deines Vaters Geist Dir oder irgend Einem, welcher Dir theuer ist, ein Leid zufügen würde? Die Lebenden sind es, nicht die Todten, die wir zu fürchten haben. Warum liefst Du gestern Abend so bald vom Concert weg? Als Du verschwunden warst, wich die Seele aus meinem Gesang."
Der Wind fuhr pfeifend und stöhnend über die Marschwiesen hin. Von fern her tönte der melancholische Wellenschlag des Meeres, und von Zeit zu Zeit sprühte der Regen auf die Erde nieder. Die zunehmende Dunkelheit und die Ungunst der Elemente schienen nichts Gutes zu weissagen.


