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rette sie?" während derselben Zeit neigt sich der Doctor der schönen Nachbarin zu und sprach von Hoffnung aus ein sonniges „Morgen," sprach vom Glücke, die herrliche Jungfrau von der Insel entführen zu dürfen, vom beseligenden Gedanken, ihr in Berlin wieder zu begegnen, und vom Nahen der Stunde, in der sich „Alles — Alles wenden werde."
Der neckische Ausdruck und das kokette Lächeln verlor sich mehr und mehr aus ihrem Gesichtchen.
Nur mit halbem Ohre schien sie dem in lebhafter Erregung Sprechenden zu lauschen.
Schon mehrfach hatte sie sich fast ängstlich ihm zugewandt, als wolle sie ihn unterbrechen.
Endlich, endlich eine Athempause!
„Herr Doctor — ich bin in der peinlichsten Situation, ich muß Ihnen gestehen —"
Weiter kam sie nicht. Nicht jetzt, mein gnädiges Fräulein — nein, nicht jetzt. Morgen, morgen soll volle Klarheit zwischen uns eintreten — ein schönes, glückliches Leben, eine sommerhelle Zukunft wird sich vor Ihnen ausbreiten, auf der festen Grundlage der Gegenwart — aus treuer, inniger, großer Liebe aufgebaut! Es wird "
„Aber, Herr Doctor, — ich flehe Sie an — hören Sie mich!"
„Nein — nur heute noch sehen Sie in mir den Lohen- grin. Schicken Sie mich nicht zurück zum heiligen Gral durch vorzeitige Fragen und Mittheilungen! O, Fräulein Bertha, wird mich das „Morgen" als einen namenlos glücklichen Mann finden, an der Seite der Frau, die ich liebe — über Alles, — die — ?"
Er schwieg. Sie hörte seinen beschleunigten Athem, sie hatte das Gefühl, daß seine Augen durchbohrend auf ihr hafteten und wagte nicht zu ihm aufzuschauen.
Es begann bereits zu dunkeln. — Sie sah nicht, wie siegessicher, wie überlegen er auf sie niederblickte. Er ging dicht neben ihr, — wortlos. Wenn er in seiner Aufregung —" „Kehren wir um," sagte sie, ohne erst den Gedanken auszudenken. „Kehren wir um!" Und schon eilte sie angstvoll beflügelten Schrittes den Ihrigen entgegen, die weit zurückgeblieben waren.
Der Doctor schritt ganz dicht neben ihr. „Morgen," flüsterte er noch einmal in ihr Ohr.
„Na — gut, daß Ihr endlich kommt, Ihr Ausreißer," ■ rief schon der Geheimrath, „wir möchten noch einen „Schnitt" Musik haben. Morgen, an Bord, wird's nichts damit fein."
Bertha sang heute mit weniger Wärme und weniger Sicherheit wie sonst, Helene begleitete unaufmerksam — nur der Doctor war ganz unverändert.
Es war noch nicht zehn, als der Gehetmrath meinte, die jungen Damen wären anscheinend müde, müßten sich für morgen stärken.
Kaum aber waren die Beiden im Schlafzimmer angekommen, als auch Plötzlich die Schweigsamkeit ihr Ende nahm.
„Ich fahre keinesfalls morgen mit," sagte Helene mit Entschiedenheit, „thut, was Ihr wollt, ich kann's nicht Hindernaber ansehn will ich's auch nicht, — das wäre Mitschuld!"
„Liebste Helene — ich bin ja selbst
„Denkst Du, ich wäre blind, hätte nicht gesehen, wie Du Dir die Kur hast schneiden lassen von dem leichtsinnigen Menschen — Du?"
„Aber mein Herz, ich will ihm ja Alles beichten, — morgen!"
Helene sann einen Augenblick. Heimlich, fast angstvoll suchten ihre Blicke die Cüusine, die da so ruhig vor dem Toilettenspiegel ihre Haare ordnete, als ob sie nichts von dem Allen ahne, was ihr bevorstand. — Daß die Grenzen einer harmlosen Neckerei längst überschritten waren — das konnte sie freilich nicht wissen. Mußte sie — Helene — ihr nicht eingestehen, daß sie Berrath geübt, — daß er — jener Abscheuliche — schon Alles wußte und dennoch nicht zurück- fchreckte?
Nein, — nur nichts eingestehen! Die Furcht, für mdiscret gehalten zu werden, behielt die Oberhand.
„Aber Du versprichst mir, daß es dann sicher geschieht," sagte sie fast zärtlich.
„O, ich verspreche Dir Alles! Also Du gehst mit! Es wäre auch zu schade gewesen, wenn die interessante Dampfertour in's Wasser gefallen wäre! Weißt Du — — ich bin eigentlich riesig neugierig, was er uns morgen vormachen wird."
Sie plauderten noch lange. Ueber die Neugier wurden alle Bedenken vergessen. Als aber dann endlich Bertha das Licht ausblies, rief ihr Helene zu: „Weißt Du, amüsant muß es doch sein, fo mit dem Feuer zu spielen!"
„Ja — mit dem Feuer! Aber morgen, da geht's auf's Wasser, und — ich fürchte mich so ein bischen vor der Seekrankheit — diesmal der moralischen!"
VII.
Bei herrlichem Wetter steuerte die „Varina" am folgenden Vormittage die Wester-Ems hinauf. Die kleine Gesellschaft — fünf Personen nur — war rechtzeitig an Bord des Dampfers erschienen, den der Doctor für seine Tour gechartert hatte. Die Regierungsräthin war zwar unmittelbar nach dem Eintreffen am Bord an Capitain de Vries mit der Frage nach Ziel und Zweck herangetreten; aber der Capitain versicherte, es sei ihm nur der Kurs SW vorgeschrieben.
„Doch nicht nach einer Düneninsel?"
„Kann sein," antwortete der Seemann lächelnd.
Der Doctor überbot sich in Aufmerksamkeit. In der Cajüte, derselben, in der er einige Tage früher die arme Bertha vom Tode errettete (die Räthin verfehlte nicht, daran zu erinnern), war ein reichhaltiges Büffet eingerichtet. Der Wirth erklärte seinen Gästen die auf See vorkommenden Erscheinungen, machte auf die Seehunde aufmerksam, die ab und zu ihre dunklen Köpfe über dem fast glatten Wasser zeigten, beschrieb die Takelung und Bauart der in Scht kommenden Schiffe und war die personificirte Liebenswürdigkeit. Aber — er war eben liebenswürdig gegen Alle ohne Unterschied.
Vergebens suchte Bertha nach einer geeigneten Gelegenheit, dem Doctor das mitzutheilen, was ihr jetzt auf der Seele brannte. — Es ist ja menschlich, daß man das Peinliche, einmal entschlossen, es von sich zu schütteln, nun auch gern möglichst bald von sich wirft.
Und dennoch, — sollte sie sich nicht fürchten, dem Manne, der ihr nur Gutes erwiesen, dessen Herz — sie konnte nicht daran zweifeln — ihr stürmisch entgegenschlug, ein vielleicht schmerzliches Leid zuzufügen? Sie hatte ihn getäuscht, hatte ihn über ihre Vergangenheit, über ihre Verhältnisse geflissentlich im Unklaren gelassen. Was würde er sagen, wir würde er's aufnehmen? — Und wie stand er da? Was lag gegen ihn vor? Wer konnte zweifeln an seiner rechtlichen Absicht? Verdiente er, der soviel ältere Mann, so behandelt zu werden?
Es stürmte und es arbeitete im Herzen der jungen Dame.
Die „Varina" glitt derweilen unaufhaltsam vorwärts. Ein paar Mal war der Curs geändert. Man fuhr jetzt in die Osterems und dann in die Ley.
„Wir fahren jetzt in einer Stromvertiefung, einer Priele, zwischen den flachen Watten," erklärte der Doctor. „Drüben am Festlande der Thurm, der über den Deich emporragt, bezeichnet das vorläufige Ziel der Fahrt, — das Hafenstädtchen Greetsyhl."
Wohl sahen sich die Gäste erstannt an- aber zu fragen wagte selbst die Regierungsräthin nicht mehr. Langsam lies die beflaggte „Varina" im schmalen Fahrwasser entlang, und dann, unmittelbar von dem Syhl, der Schleuse, welche das Fluthwaffer vom Binnenlande abhält, dem Flusse ~~ der Ley — aber Ausfluß gewährt, fiel der Anker. Balo waren die Gäste ausgebootet und überfchritten den mächtigen Seedeich, von dessen Höhe herab man einen Fernblick aus


