Ausgabe 
28.12.1897
 
Einzelbild herunterladen

- 608 -

Nir ist etwas iu's Auge geflogen!

Bon Dr. tz. Werner.

(Nachdruck verboten.)

Wohl Jeder hat schon beim Eisenbahnfähren, bei win­digem Wetter oder in staubiger Luft diesen unangenehmen Zufall erlebt. Auch wenn nur ein ganz kleines Stückchen von Kohlen, Holz, Haaren, Asche, Staub oder dergleichen von außen in das Auge fliegt, treten sofort Schmerzen, heftige Lichtscheu und Augenlidkrampf ein. Die erste und einzige Hilfe besteht natürlich darin, den Fremdkörper recht schnell zu entfernen, was aber, wenn irgend möglich, stets ein Anderer thun soll und nicht der Betroffene selbst, weil dieser das Partikelchen nicht sehen kann und daher das ganze Auge unnöthiger Weise bearbeitet. Der Kranke setzt sich zunächst so, daß das Licht von der Seite, nicht blendend von vorn einfällt- mit der Hand hält er das andere Auge fest geschloffen, weil er daun das verletzte viel leichter offen halten und beliebig bewegen kann. Der Kopf ruhe womöglich fest auf der Stuhllehne. Zuerst zieht man das untere Lid tief abwärts, wobei der Verletzte nach oben und darauf schnell nach außen blicken soll. Dadurch übersieht man den ganzen unteren und inneren Augentheil. Man verfahre bei diesen und den folgenden Handgriffen zwar geschickt, aber nicht zaghaft- die Lider und äußeren Theile unseres Auges halten mehr aus, als man meist glaubt. Schon vorher hat man in die andere Hand ein reines leinenes Tuch genommen und streift nun mit einem Zipfel desselben den etwa vor­handenen Fremdkörper leicht ab. Hat man ihn aber im unteren Lide nicht erblickt oder hat der Verletzte gleich an­gegeben, daß er den Schmerz im oberen Theil des Auges fühlt, so stülpe man das obere Lid um, wobei der Kranke nach unten und dann nach außen sehen soll. Den Kopf muß er dabei stark nach hinten gebeugt auf die Stuhllehne legen, während bei der Operation am unteren Augenlide der Kopf, an der Stuhllehne anliegend, sich eher ein wenig nach ab­wärts biegen muß. Der erkannte Fremdkörper wird wie vorhin mit dem Tuchzipfel entfernt. Gelingt die Umstülpung des oberen Lides nicht, so ziehe man es über das untere herab und laffe dann schnell los- nicht selten streifen die Wimpern des unteren Lides denselben ab. Nach glücklicher Entfernung des Eindringlings schwinden meist auch sofort Stechen, Reizung, Schmerz- nur die Lichtscheu hält noch eine Weile an. Jedoch kann man bei Kindern, namentlich wenn das Auge entzündet ist, lieber zur völligen Erholung der­selben und zum Schutze gegen Staub und Zugluft einen kalten Umschlag vorbinden. Dauern die heftigen Schmerzen längere Zeit fort, so gehe der Kranke schleunigst zum Augen­arzt, auch wenn man wirklich schon , ein Körperchen heraus­geholt hat- denn entweder sitzt noch mehr im Auge oder es find tieferliegende Theile verletzt. Eile thut dann sehr noth. Dasselbe gilt von allen schwereren Verwundungen, z. B. mit Glas- oder Eisensplittern, sowie durch ätzende oder heiße Stoffe, wie Kalk (bei Maurern), Säure, kochendes Wasser oder heißes Fett (bei Köchinnen). Vernachlässigt man der­artige Augenverletzungen, so können sehr schlimme Folgen, selbst Verlust des Augenlichtes eintreten.

GeineiinMtziges.

Nsues über ttttftte Kartoffel. Man sollte meinen, daß über unsere alltäglichen Nahrungsmittel auch die Wissen­schaft nichts Neues mehr zu sagen wüßte. Da ist es denn um so auffallender, daß unsere Speisekartoffel vom wissen­schaftlichen Standpunkt aus durchaus noch nicht hinreichend untersucht gewesen ist, während man den Kartoffelsorten, die zu technischer Verarbeitung bestimmt sind, eine größere Auf­

merksamkeit geschenkt hat. Der französische Chemiker Balland hat in einem der Pariser Akademie der Wissenschaften eiu- gereichten Aufsatz diese Lücke auszufüllen gesucht und dabei manche interessante Eigenschaften der Speisekartoffel ans Licht gezogen. Von der Schale abgesehen, die nur einen kleinen Bruchtheil des Gesammtgewichts ausmacht, besteht die Kartoffel aus drei verschiedenen Schichten, die man ganz gut mit bloßem Auge unterscheiden kann, wenn man eine dünne Kartoffel­scheibe gegen das Licht hält. Noch deutlicher treten diese drei Schichten bei einer Photographie mit Röntgen'schen Strahlen hervor. Diese Schichten besitzen eine verschiedene Dichte, die von Innen nach Außen zunimmt. Die äußerste oder Rinden­schicht enthält verhältnißmäßig am meisten Stärke, dafür weniger stickstoffhaltige Substanzen- bei der innersten Mark­schicht ist das Berhältniß gerade umgekehrt. Die mittlere Schicht steht auch in ihrer Zusammensetzung in der Mitte zwischen den beiden andern. Die Rindenschicht ist die trockenste, «ährend das innerste Mark bedeutend mehr Wasser enthält. Durchschnittlich besteht eine Kartoffel zu drei Viertel ihres Gewichts aus Wasser, zu zwei Zehntel aus Stärke und zu einem Fünfzigstel aus Stickstoffkörpern. Balland hat die wichtige Thatsache gefunden, daß der Speisewerth einer Kartoffel um so größer ist, je mehr stickstoffhaltige Substanzen in ihr enthalten sind, und um so kleiner, je reicher sie an Stärke ist. Bei den besten Tafel-Kartoffeln erreicht dar Berhältniß zwischen Stickstoffkörpern und Stärke einen dreimal so hohen Werth wie bei den Speisekartoffeln schlechtester Qualität. Man kann also die Güte einer Kartoffel durch eine chemische Untersuchung feststellen. Da unsere Hausfrauen aber mit chemischen Analysen meist nicht sehr Bescheid totff en werden, so trifft es sich günstig, daß man den Speisewerth verschiedener Kartoffelsorten auch nach ihrem Verhalten beim Kochen beurtheilen kann. Jedermann weiß, daß manche Kartoffeln sich in heißem Waffer aufblähen, an einzelnen Stellen platzen und gar zerfallen, während andere ihre ursprüngliche Gestalt behalten, auch nachdem sie gänzlich gar geworden sind. Früher hat man angenommen, daß die Ursache des Platzens und Zerfallens von Kortoffeln mit einem besonders hohen Stärkegehalt derselben zusammenhängt, indem Stärke aufquillt und die Schale zersprengt. Dies ist nach den neuesten Untersuchungen nicht richtig, vielmehr kommt eS auf den Gehalt der Kartoffel an Eitoeißstoffen an. Enthält eine Kartoffel verhältnißmäßig viel an solchen, so behält sie beim Kochen ihre Form, das Platzen und Zerfallen derselben ist ein Beweis von Armuth an Eiweiß. Da nun die Kartoffeln mit möglichst viel Eiweiß die nahrhaftesten sind, lo kann eine Hausfrau die Güte einer Kartoffel beim Kochen derselben beurtheilen - die besten Sorten sind immer diejenigen, die nicht zerfallen, sondern ganz bleiben.

Humoristisches.

Bericht des o st afrikanischen Steuer-AmtS. Die neue Badehosen- und Nasenring-Steuer stößt auf den entschiedenen Widerstand der Schwarzen. Wegen der beiden verschwundenen Steuererheber ist eine Haussuchung in den Speisekammern der Nege frauen angeordnet worden. Der amtliche Krokodilsänger Wanawana wurde von einem Krokodil aufgefreffen, gerade als er es, weil es herrenlos und ohne Steuermarke umherlief, einfangen wollte."

*

*

Wie Freundschafte n ent st ehe n. Gläubiger: Ich werde so lange wöchentlich vorsprechen, bis Sie diese Rechnung bezahlt haben." Schuldner:Dann ist die beste Aussicht vorhanden, daß sich aus unserer flüchtigen Bekannt­schaft eine dauernde Freundschaft entwickelt."

Aedactivn: SL Scheyda. Druck und «erlag der Brühl'schen UniverfitätS-Buch- und Gtemdruckerei (Pietsch & Scheyda) in «ietzm.