Ausgabe 
28.12.1897
 
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Feld räumten? Es ist Euch doch ungewohnt, so viele Menschen um Euch zu sehen, und ehrlich gestanden ... es ist nicht sehr angenehm für uns, jenem anderen Riedecker hier zu begegnen!"

Graf Willibald fuhr jählings auf und legte die Hand auf den Arm des Schwagers:Unter keinen Umständen dürft Ihr weg, unter keinen Umständen!" und Johanna schlang aufs Höchste erschrocken den Arm um die Baronin und sagte sehr bestimmt:Das würde den ganzen Tag und das ganze Fest verderben! Das würden wir Euch nie ver­zeihen! Es ist gar kein Grund vorhanden, daß Ihr dem Vetter aus dem Wege geht, Pta hat es ja lange genug gethan und ihre Würde mehr wie völlig gewahrt!"

Fränzchen kreuzte behaglich die Arme und lachte pfiffig auf:Seht doch zu, wie Ihr ohne Wagen und Pferde von hier vorkommt! Wir stellen Euch keinen Karrenhund, geschweige vier Rappen!"

Und die Zugbrücke bleibt oben!" scherzte Willibald.

Teufel, ja, dann erklären wir uns gefangen!" lachte Gert.

Man erhob sich.

Mahlzeit!" stöhnte Fränzchen, die Arme dehnend, und dann reichte sie Gert die Hand.

Mahlzeit, Väschen!" sagte dieser, sah die Kleine mit den tiefsten, unwiderstehlichsten Augen an, hob ihre Hand und drückte seine Lippen darauf.

Alle Donner!" schrie Fränzchen ganz entsetzt und riß sie zurück, und dann stand sie wie versteinert und starrte auf die heidelbeergebläute Rechte nieder, auf welcher der erste Handkuß eines Lieutenants brannte!"

Aber, Gert, um Alles in der Welt!" rief auch Tante Johanna ganz verblüfft und machte Miene, als wolle sie noch nachträglich die kleine Galanterie verhindern:Ich bitte Dich, verwöhne doch das Kücken nicht so!"

Graf Willibald aber stand und hielt sich die Seiten vor Lachen!

Fränzchen sah blutroth aus und machte ein Gesicht, als schnappe sie nach Lust, und dann schlenkerte sie mit Händen und Füßen, wie ein Zappelmann, stieß ein undefinir- bares Grunzen aus und stürmte aus dem Saal, daß rechts und links die Stühle und Diener bei Seite flogen.

Mein Gott, wie todtverlegen das süße, kleine Ding wurde!" rief Frau von Nördlingem mit zärtlichem Ton. Sie hat doch etwas ganz außerordentlich Weibliches bei all ihrem Uebermuth!"

Da drückte auch die Gräfin das Taschentuch vor das Gesicht und lachte Thränen.

Gert aber zwirbelte stolz über solchen Erfolg sein Schnurrbärtchen und Papa Nördlingen klopfte ihn wohl­wollend auf die Schulter und neckte:Na, na! Bilde Dir 'mal nicht zu große Lorbeeren ein, Du kleiner Schwerenöther!"

Die Baronin umarmte ihren Mahlzeit wünschenden Sohn sehr herzlich und dabei flüsterte sie ihm unbemerkt zu: Losschießen, Jungchen! so bald als möglich! Es ist die höchste Zeit!"

* * *

Die Damen hatten sich zu einer kleinen Siesta zurück­gezogen, ebenso die beiden Väter, welche überden Dienst nachdenkend" in stiller Beschaulichkeit eine Tasse Kaffee trinken wollten.

Es war sehr heiß.

Unter den hohen Ulmenwipfeln brütete drückende Schwüle und Gert wandte sich mechanisch der kleinen Felsgruppe zu, in welcher gewiß eine angenehmere Temperatur herrschte.

Er hielt die Cigarrette zwischen den Zähnen und starrte nachdenklich vor sich hin auf den Parkweg, welcher ziemlich steil abfiel, da die Gartenanlagen sich den Burgberg hinab erstreckten.

Ein unbehagliches Gefühl wollte ihn nicht verlassen. Wie ein Alp lastete die bevorstehende Liebeserklärung auf

- ihm, und wemr auch vor seinen Augen noch das Bild der eigenen Dacht" wie eine lockende Fata Morgan» schwebte, so fand er den Weg bis zu ihr hin doch reichlich so sauer, wie das Wandern durch den glühenden Wüstensand.

Ja, wenn das Herz nicht dabei ist!

Damals mußte er gewaltsam die Lippen schließen, um dem süßen, blonden Grethelein nicht voll überströmender Liebeswonne Herz und Hand allsogleich zu Füßen zu legen, und heute . .?

Gert stöhnte schwer auf- wie soll er diesem unreifen, kindischen, übermuthstollen Mädel wohl ein ernstes Wort von Liebe reden?

Manchmal war ja Kränzchen höchst sentimental und schwärmerisch, verdrehte die Augen und drückte die Hand auf das Herz, aber das waren nur momentane Stimmungen und . . . Potz Anker und Pumpstock. . . gerade diese An­wandlungen liebte er am wenigsten an ihr! Es kam ihm immer vor, als ob eine ausgelaffene Schauspielerin vor ihm stünde, um unter innerlichem, schluchzendem Gelächter ein wenig Comödie zu spielen! Ihre Rüpelhaftigkeit muthete ihnechter" und darum bedeutend wohlthuender an!

Und diesem erschrecklichen kleinen Goldfisch eine L! beS- erklärung machen!

Es war furchtbar.

Aber was hilft alles Sträuben und Schaudern, er muß! Um Pias und um der Mutter willen! An die Millionen und die eigene Dacht denkt er schon gar nicht mehr.

Uebermorgen kommt Wulff-Dietrich hier an; findet er Fränzchen als Braut eines Anderen, so ist PiaS Schicksal wohl entschieden, und der unentschlossene Graf Dietrich ent­schließt sich dennoch, sie dem Antrag des Vaters gemäß zu seiner Gräfin zu machen.

Wird es ein großes Glück für die Schwester sein, einen Mann zu heirathen, welcher sich so sehr gegen eine Verbindung mit ihr sträubte? Unbegreiflich genug war es von ihm; je nun, er liebt vielleicht auch ein blaues Vergißmeinnicht, dem er schwer entsagen kann. Und Pia? Der Besitz von Niedeck reizt sie wohl an und blendet sie, sonst wäre das Handeln des sonst so starren, spröden Mädchens wohl unbegreiflich!

O, Gold, du teuflisches rothes Gold, welch eine Macht hast Du selbst über die Besten!

Die Zeit drängt, wie soll er eS nur anfangen, Cousine Fränzchen eine regelrechte Liebeserklärung zu machen! Humoristisch? Nein, dazu ist ihr Wesen oft zu sentimental und auch die kindischsten Backfische haben von Liebeserklärungen stets eine außerordentlich poetische Vorstellung!

Nachdenklich, mit sorgenschwerem Herzen biegt Gert um die zackigen Granitfelsen, welche dieblaue Grotte" zu beiden Seiten einfassen, und als er in das milde, kühle Dämmerlicht eintritt, schrickt er jählings zusammen bei dem Anblick derLupa in fabula, welche gleich ihm in die schützenden Felsen geflüchtet ist.

Fränzchen liegt der Länge lang auf der Bank, die Hände unter den Kopf geschoben, eine qualmende Cigarrette in dem Mund. Sie rührt sich nicht bei seinem Erscheinen, nur die Augen rollen momentan nach ihm herüber.Ick bin allda, sprak der Swinegel!" citirt sie, ohne die mindeste Spur von Eitelkeit, und als Gert betroffen zögert, näher zu treten, fährt sie wohlwollend fort:Da drüben ist noch eine Stein- Pritsche, liegen Sie gefälligst Platz!"

Sollte ihm das freundliche Schicksal zu Hülfe kommen, sollte er vielleicht jetzt?--

Los dafür! Mit Gott für König und Vaterland.

Merci, holdes Väschen, Platz zu knieen wäre mir allerdings lieber!" sagt er mit bedeutsamem Lächeln, und Fränzchen pafft eine dicke Wolke und sagt voll verblüffenden Scharfsinns:Dann breite erst das Schnupptuch unter! die Erde ist feucht und Deine Buchsen sind nagelneu!"

Er lacht und setzt sich seitwärts auf die Bank.

(Fortsetzung folgt.)