Gräfin betroffen, während die ganze Tischgesellschaft sprachlos vor Ueberraschung auf das erregte Backfischchen und den recht verlegen dasitzenden Gert starrte.
Fränzchen wischte sich mit dem Handrücken die Thränen aus den Augen. „Ach, du liebe Zeit ... ach, du beste Zeit . . . oh, du ewige Bekümmerniß . . .!" stöhnte sie.
„Bitte, erkläre uns doch —!"
„Na, was ist denn da noch zu erklären? ich hatte für die liebe Aurelie ein Bischen Paprikapulver aus dem Pfeffer- ftänder in die Rose gestreut! — warum bohrt sie denn ihren Rüffel bis auf den Grund?!"
Ob man will oder nicht, man ryuß lachen! Ja, Vetter Gert amüsirt sich unbändig und in seinen lustigen Augen blitzt etwas auf, was bedenklich an seine eigene Jugendzeit erinnert!
Pia, welche zuerst wie gelähmt vor Schreck dagesessen, bemerkte zu ihrer großen Beruhigung, daß ihr Bruder den Scherzen der Cousine mehr Verständniß und Anerkennung entgegenbringt wie sie, und daß ihm ihr Uebermuth entschieden sympatischer ist, wie ihre Sentimentalität. Das. trifft sich außerordentlich günstig, Fränzchen ist Feuer und Flamme, daß dec Vetter ihren Witz so stürmisch belacht, sie rückt ihren Stuhl noch näher zu ihm heran und hakt sich sogar während der kurzen Pause zwischen Braten und Nachtisch bei ihm ein.
Dabei flüstert und tuschelt sie unaufhörlich und Gert prustet ein paar Mal laut auf vor Lachen und nickt lebhaft Beifall, sicher sucht ihn die liebe Zukünftige als Affociö für einen neuen Gaunerstreich zu gewinnen.
Erst bei dem Erscheinen eines köstlichen Vantlle-Eiskegels ändert sich das Bild.
Nun concentrirt sich ihr Interesse auf einen anderen Punkt. Die schwarzen Aeuglein flimmmern vor Wonne und Genugthuung. Sie blinzt Pia eifrig zu. „Siehst Du wohl, die Bickbeeren haben sie zahm gemacht! schon drei Tage nacheinander Eis! — hm . . man muß sich nur Respect verschaffen!"
Und dann tritt für den um die Tafel wandernden Eiskegel eine lange Ruhepause ein, er ist bei Gräfin Fränzchen angelangt und kommt sobald nicht wieder von ihr fort.
Noch einen! immer noch einen Löffel! Dem servirenden Friedrich sträuben sich die Haare vor Angst.
Endlich ist der Teller des Backfischchens nach ihrer eigenen wohlig aufgeseufzten Versicherung „schwuppevoll" — und der geduldig wartende Gert kommt auch an die Reihe.
Die Cousine stößt ihn mit dem Ellenbogen an: „Du ißt doch auch gerne Eis, wenn Du mich lieb hast, mußt Du es gerne essen!"
„Rasend gern! — geradezu leidenschaftlich gern!" versichert der junge Offizier eifrig.
„Na, dann rechne Du mit dem Rest auf der Schüssel ab! Aurelie bedarf heute keines! Die ist leidend, — hat den Schnuppen! . . ich hörte sie niest immer noch!"
Gert weigert sich entschieden, mehr wie drei Löffel zu nehmen, — da fährt Comteßchen energisch herum und läd ihm den Teller voll. „Ich gönne es Dir ja! — ich finde es entzückend, wenn ein Mensch tüchtig losfuttert! Komm! wir essen um die Wette!"
Pia constatirt, daß ihr Bruder auch diesen Verkehrston nicht unästhetisch findet, sondern seelenvergnügt um die Wette ißt!
„Es ist gradezu wunderbar, wie die Beiden so himmlisch harmoniren!" lächelt Baronin Nördlingen mit wahrhaft verklärtem Blick nach dem Pärchen und sie drückt dabei die Hand Johannas. Die Gräfin nickt ihr herzlich zu, aber sie sieht ein wenig verlegen dabei aus.
„Willibalds Geburtstag soll diesmal in ganz besonders feierlicher Weise begangen werden!" sagt sie ziemlich unvermittelt. „Und obwohl es für Euch Alle eine Ueberraschung werden sollte, halte ich es doch für besser, Ench ein wenig tzorzubereiten. Wir haben Gäste geladen!"
„Gäste? O, das ist ja herrlich! das ist ja ganz reizend! Leute aus der Umgend, liebe Tante?"
„Nein, nur Verwandtschaft!"
„Verwandtschaft?" Herr von Nördlingen blickt erstaunt auf. „Außer den Rüdigers habt Ihr doch gar keine näheren Verwandten!"
Kurze Pause. Dann nickt Willibald hastig. „Du hast recht, darum habe ich den Vetter mit Frau und Sohn hierher gebeten.
Athemlose Stille.
Pia wird so weiß wie das Tafeltuch vor ihr und dann flammt es purpurheiß in ihre Wangen empor. Ihre Mutter wirft Gert einen Blick des Schreckens zu.
„O . . Du überraschest mich im höchsten Grade, Willibald! Seid Ihr denn wieder ausgesöhnt?"
Fränzchen ißt unbekümmert weiter, ihr Blick huscht aber über den Teller hinweg und beobachtet Pias Antlitz und dann wandert er voll Interesses weiter, von einem Gesicht zum anderen.
Graf Willibald zerdrückt etwas nervös die Serviette zwischen den Händen.
„Nein, was man so nennt, „ausgesöhnt" bin ich noch nicht mit ihm wegen damals ... aber es wird wohl Zeit dazu. Der künftige Majoratsherr von Niedeck muß anerkannt werden. Ich feiere meinen sechzigsten Geburtstag; das biblische Alter ist bald erreicht, da weiß man nie, was der nächste Tag bringen kann, denn ich bin nicht mehr der Stärkste und Rüstigste!"
„Na, na! Darüber laß uns erst einmal streiten, mein lieber, guter Willibald! — Prost! — auf daß wir hier noch Deinen neunzigsten Geburtstag feiern!"
Dex Graf faßte sein Glas und that dem Freiherrn Bescheid. Er lächelte mit resignirtem Blick: „Ich lebe noch! ja! aber meine Rolle als nützlicher, nothwendiger Mann ist ausgespielt, auch dürfte der Vorhang bald fallen! Mir eilt es gewiß nicht damit, denn ich kann es hinter den Coulissen noch gut abwarten, finde es gar behaglich und liebeswarm, und eine Genugthuung ist es mir auch gewesen, daß meine Rolle einen Fünfacter gedauert und daß Weib und Kind darin mitgespielt haben! Aber man darf nicht den rechten Moment zum „Dramatischen Abgang" versäumen. Ich selber hatte ihn feierlich bis zum Nachspiel zurückhalten wollen, aber Fränzchen hat mich überzeugt, daß der rechte Moment gekommen sei! — Mag denn der Würfel fallen!"
„Ist bereits Antwort von Onkel Rüdiger da?" fragte Comteßchen mit vollen Backen, ohne das mindeste lyrische Interesse an einem Wiedersehen mit Wulff-Dietrich an den Tag zu legen.
Der Graf nickte. „Heute Morgen traf ein sehr charmantes Schreiben von ihm ein, ebenso ein Brief von Wulff-Dietrich, der gute Junge ist so erfüllt von inniger Dankbarkeit, daß ich seinem Vater zuerst die Hand zur Versöhnung biete. Er schreibt, daß Rüdiger sich seit dem Tode seines Lieblings Hartwig bis zur Unkenntlichkeit verändert habe. Ein Herzleiden, welches ihn schon seit Jahren geplagt, sei durch die furchtbare Aufregung und den Schreck bis zu den bedenklichsten Symptomen gesteigert, sein Haar sei ergraut. Auch Melanie sei eine alte Frau geworden und namentlich in ihrem Wesen völlig verändert. Sie, die Lebenslustige von Allen, habe anscheinend ganz und gar mit der Welt abgeschloffen. Daß die Eltern die Residenz für immer verlassen wollten, stände fest, nur sei fürerst die Wahl eines neuen Wohnortes noch unentschieden."
„Und sonst schreibt er nichts?" Fränzchens Blick huschte wieder zu Pias tiefgeneigtem Antlitz.
„Was soll er sonst noch schreiben?" zuckte Willibald die Achseln. „Er kommt ja übermorgen her und kann sich mündlich aussprechen."
Herr und Frau von Nördlingen hatten einen schnellen Blick des Einverständniffes gewechselt. „Liebe Johanna, wäre es nicht besser, wenn wir diesen neuen Gästen das


