Ausgabe 
28.10.1897
 
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Pah er will sich doch nicht blamiren und seinen Aerger zeigen!"

Das ist möglich. Wenn sie doch sterben wollte!"

Sie stirbt nicht, solche Jammerbilder sind am jähesten, aber wie gesagt, wir dürfen nicht auf die Erbschaft rechnen, noch nicht. Und da ist es eine dringende Roth- weudigkeit, daß wir uns mit Dem, was wir jetzt besitzen, einrichten. Unser Haushalt hier ist viel zu kostspielig und ich sehe nicht ein, warum wir ein Heer von Schmarotzern durchfüttern sollen, welche uns absolut nichts nützen. So schlage ich vor, wir sprengen das Gerücht aus, Deine Gesund­heit verlange einen Aufenthalt im Süden. Wir lösen hier den ganzen Haushalt auf, schicken die Jungen aus die Ritter- akademie und nehmen Aufenthalt in Italien. Du nimmst Dir Deine Jungfer, ich mir den Kammerdiener mit und dann Wunen wir im Hotel mit aller Bequemlichkeit und allem Com- fort leben dazu reichen unsere Zinsen aus. Sollten wir Geschmack an dem Wanderleben finden, so bleiben wir fern von Madrid. Ist in zehn Jahren noch kein Sohn auf Niedeck geboren, so können wir das Erbe als völlig sicher erachten. Wir kehren dann nach hier zurück und holen Alles nach, was wir etwa versäumt haben sollten. Bist Du damit einverstanden?"

Gräfin Melanie nickte. Sie liebte die Abwechslung und sah eS nebenbei auch ein, daß man unter den obwaltenden Umständen nicht mehr blindlings in den Tag hinein leben durfte. Jene Stunde im Fegefeuer der Angst, welche Tante Aureliens .Erbschaft vorausgina, lebte noch in ihrer Er­innerung und mahnte sie zur Vorsicht.

So ward der fürstliche Haushalt des Grafen Niedeck aufgelöst und Billa Casabella schloß die strahlenden Fenster­augen zu einem langen, langen Winterschlaf.

Wulff - Dietrich und Hartwig siedelten auf die Ritter­akademie über, der Aeltere mit viel Eifer und Genug- thuung, der Jüngere grollend und außer sich, das behag­liche, elegante Leben des Vaterhauses aufgeben zu müssen.

Er bestürmte die Eltern mit bitteren Borwürfen und verlangte die Beweggründe für diese Neuerung zu wissen, welche ihm in dem leidenden Zustand der Gräfin angegeben wurden. Er lachte spöttisch auf:Mama ist ja gesund wie ein Fisch im Wasser, und darum könnte ich Euch doch auch mit meinem Hauslehrer begleiten!" Graf Rüdiger ward schließlich grob, und Hartwig verstummte tief gekränkt.

Wulff-Dietrich hatte keine einzige Frage an die Eltern gerichtet, als er ihre überraschenden Vorbereitungen bemerkte. Er sah sehr blaß aus, und die herbe Linie rcservirten Stolzes senkte sich schärfer wie je um seine Lippen.

Es war schon seit längerer Zeit auffallend gewesen, wie anspruchslos und sparsam der ehedem so sorglose Knabe geworden war. Er verbat sich die spitzenbesetzte Wäsche als Jungen unwürdig, er vermied alle Spiele, welche seine kost­baren Anzüge ruinirten und unterließ all die vielen, unnützen Ausgaben, welche früher sein Taschengeld verschlungen hatten.

Auch die neue Ausstattung, welche er für die Ritter- skademie erhielt, ward auf seinen ausdrücklichen Wunsch sehr einfach, beinah schlicht gehalten, und obwohl die Gräfin in ihrer großspurigen Weise laut lachend die Hände über solche Narrheit, solch eine Marotte zusammenschlug, befahl sie dennoch in heiterster Laune, dieseSeminaristenausstattung" genau nach seiner Angabe anzufertigen.

(Fortsetzung folgt.)

Unser Grethchen.

Von Elisabeth Buhc.

(Schluß.)

Gegen neun Uhr kam ich zurück,- im dunkeln Thorweg 'hörte ich Schluchzen und sah in der Ecke die Umrisse meiner Küchenfee. Ich rief:Grethchen, was fehlt Dir?"

Ach," schluchzte sie,fehle dhut mer gar nix, awer die

Hausdhür Fräulein die Hausdhür glauw ich iS be­hext !"

Nichts Gutes ahnend, mußte ich trotzdem unwillkürlich lachen. Da hörte sofort das Weinen auf und ganz ernst erklärte sie mir:Ja, lache dürfe Se da 'mal üwerhaupt nct; mei'm Vormund sei Mutter sagt immer, es gäb' mehr verhexte Sache als gescheidte Mensche und die is schon sieben­undachtzig Jahr alt un hat ihr Lebdag dran 'glaubt un ach," da stossen dir Thränen wieder,wann se nur hier wär, die weiß so viel Gegenmittel."

Nun ging mir denn doch die Geduld aus und ich er­suchte sie ernstlich, sofort aufzuschließen, nachher könne sie noch die ganze Nacht an die Hexerei glauben.

Awer wahr is es doch un dran glauwe muß mer auch un lache därf mer gar net drüwer," belehrte sie mich weiter.

Schließ auf," rief ich nun nochmals.

Ach, das is es ja grab, Fräulein," stöhnte sie nun wieder,'s geht ja net, 's geht weiß Gott im Himmel net, ich hab mer scho' all mei' Finger dra' verquetscht."

Nun überzeugte ich mich selbst, daß der Schlüssel zu meinem größten Verdruß weder vor- noch rückwärts zu drehen war. Was nun anfangen? Ich überlegte! Das Schloß auf­brechen da hätte ich mit diesem schrecklichen Mädchen die Nacht bei offener Thüre zubringen müssen das ging also nicht. Einen Schlosser in der Nacht in's Vertrauen ziehen, war auch so eine Sache! Inzwischen schlug's halb 10 Uhr.

Herr Jesses, Fräulein," meinte Grethchen,mer könne doch net auf der Steintrepp' schlafe, un ich glauw' auch, 's geht staik uff Mitternacht," philosophirte sie weiter.Hawe Se scho von Gespenstern g'hört? Die komme um zwölf!"

Heiliger Bimbam, Du bist das größte Schaf auf Gottes Erde," gab ich ihr zur Antwort.

Ganz zerknirscht meinte sie:Ja, ich glaub's jetzt bald selwer. Wo haw ich auch so was ahne könne, 's hat sich so gut zugeschlosse un jetzt geht's net uff."

Da trotz unserer vereinten Kraftanstrengungen die Thüre zublieb, entschloß ich mich nun doch, des Schlossers Hilfe in Anspruch zu nehmen, ging sicherheitshalber selbst und fand ihn allein im Halbdunkel in seiner Stube fitzen, und wie er mir erklärte, gerade beimNachtessen". Von dem erwähnten Nachtessen war jedoch außer zwei leeren, einer halbvollen Bierflasche und einem ganz vollen Bierglas, welches er gerade in der Hand hielt, nichts zu entdecken. Seine freundliche Einladung, doch Platz zu nehmen, mußte ich dankend ablehnen und erklärte ihm den Zweck meines Kommens.

Wir trollten also selbander nach Hause und vor der Hausthüre angelangt, war sein erstes Werk, daß er über Grethchen, die regungslos auf der Schwelle kauerte, stolperte, auf sie fiel und mit ihr die fünf Stufen herunter bis auf's Kratzeisen kollerte.

Dies verbesserte die allgemeine Stimmung durchaus nicht und der Meister fluchte gräulich.Was sin das for Dumm- heite! Weiß der Herr, haw ich deswege mei' Nachtesse steh' gelaffe? Was for e' Kameel legt sich mir dann da in'n Weg! 's is mer so wie so ganz schwach im Mage un wann S i e' s net wär'n, Fräulein, hält mich kei' Nilpferd hergezoge!" Dabei rieb er seine geschundenen Ellenbogen und Kniee, und meine Donna that wahrscheinlich in irgend einer Ecke der dunkeln Thorhalle dasselbe. Beide ließen sich alsdann in aller Gemüthlichkeit auf der Treppe häuslich nieder und der gute Schlossermeister fing an, von seinen intimsten Familien- verhältniffen zu erzählen und zwar so eifrig, daß er den Zweck seiner Reise vollständig vergessen hatte.

DasNachtessen" verfehlte seine Wirkung nicht und ich wagte kaum, ihn in seinem Eifer zu unterbrechen. Nur ganz schüchtern bemerkte ich, daß es doch recht kalt würde heute Nacht.

Ja so, das Schloß," entsann er sich,aber üwerigens, wann's Ihne frier'n dhut, könne Se ja derweil mein g'strickte Wamms noch umnehme, ich bin net so zärtlich gebaut un