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doppelt eilig auS, die Mauern von Angerwies hinter sich zu haben.
Die Wochen vergingen und das Feuerwerk ward mit größtem Pomp vorbereitet. Bürgermeisters Lieschen lernte im Schweiße ihres Angesichts ein äußerst schwungvolles Gedicht, welches der Asseffor verfaßt hatte, und welches sie bei Ueberretchung eines Blumenstraußes der Frau Gräfin aufsagen sollte. — Am Abend vor dem festlichen Tage saßen Graf Willibald und Johanna wie immer an dem weitgeöffneten Fenster des Kutscherstübchens, den entzückenden Anblick in das Thal zu genießen. Obwohl sie für gewöhnlich die eleganten Gemächer des Schlosses bewohnten, liebten sie es dennoch, Abends das ehemalige Junggesellenstübchen des Majoratsherrn aufzusuchen.
Johanna hatte es in ihrer Feinfühligkeit sofort bemerkt, wie sehr es ihren Mann beseligte, daß sie diesen Fensterplatz ebenso anziehend fand wie er, und so sorgte sie dafür, daß er liebgewonnene Gewohnheiten auch weiter pstegen konnte.
Willibald hatte den Arm um seine junge Frau geschlungen: „Du bist also einverstanden mit meinen Plänen, theuerstes Herz?"
Johanna sah ein wenig sorgenvoll in seine Augen. „Ich fürchte, Willibald — Du legst Dir mit dieser Reise schwere Opfer um meinetwillen auf?"
Er lachte glückselig: „Ich schwöre Dir, nein! Ich selber kenne keinen höheren Wunsch, als die nächste Zeit auf Reisen verleben zu können.
Ihr Blick strahlte vor Freude. „Wahrlich? o dann bin ich mit Dir und froh und glücklich! Dann werde ich all die unendlich: Freude ohne Gewissensbisse genießen können! Reisen! ich habe noch nie eine Reise gemacht! ich habe noch nichts von Gottes schöner Welt gesehen! O, lieber Mann, wie soll ich Dir für so viel Glück danken!"
Er küßte voll überströmender Zärtlichkeit ihr Antlitz, ihre Hände. „Ich habe Dir zu danken, — ich allein! O, Johanna, wie hast Du mir die Welt in einen Himmel verwandelt! — Und morgen früh fahren wir, — Du hast Deine Koffer packen lassen?"
„Es ist Alles bereit. — Aber der Fackelzug der Angerwieser?"
Sein Gesicht ward finster. „Sie sollen uns vergeblich suchen. Ich hasse sie! Jetzt erst ermesse ich ganz, um wie viel Glückseligkeit meine Feinde mich durch ihren verruchten Anschlag bringen wollten! Johanna, Du fühlst sonst in allen Dingen so gleich mit mir, empfinde auch meinen Haß mit mir!"
Sie drückte ihm zärtlich die Hand, wie man ein aufgeregtes Kind beschwichtigt: „Du weißt, daß ich Alles will, wie Du es willst!" sagte sie, und ihr Antlitz glänzte in hingebender Demuth und Bescheidenheit.
Johanna hatte nie einen Widerspruch im Leben laut werden lassen, ihr sanftes Wesen fügte sich gern jedem Wunsche und jeder Ansicht ihrer Lieben, — wieviel mehr dem Willen eines Mannes, in welchem sie voll überschwenglicher Dankbarkeit ihren Erretter aus aller Roth und Einsamkeit sah. Wenn ihr auch selber jede Regung von Haß und Rache fern lag, so respectirte sie doch das leidenschaftliche Empfinden Willibalds, und wenn sie auch den wunderlichen Plan, welchen er hegte, unbegreiflich fand, so fügte sie sich dennoch ohne den mindesten Widerstand seinem Willen, — er war ihr Herr, — er sollte befehlen und sie wollte gehorchen!"
Nie war den Bürgern von Angerwies eine höhere Enttäuschung geworden, als in jenem Augenblick, wo sie mit Fackeln, Pauken und Trompeten vor Schloß Niedeck anlangten und das Nest leer nnd verlassen fanden.
Knirschend vor Ingrimm und Beschämung kehrten sie um, und wußten nun genau Bescheid, wie die Actien auf Niedeck für sie standen.
Es war ihre eigene Schuld, und das verdroß sie am meisten. Graf Rüdiger war sehr unangenehm überrascht,
als er erfuhr, daß Vetter Willibald sich für unbestimmte Zeit mit seiner Gemahlin auf Reisen begeben hatte. Sie entzogen sich nun völlig seiner Beobachtung, und das verdroß ihn. Er erwog die Nothwendigkeit, das neuererbte Vermögen klüglich zu Rathe zu halten, bis sich die Erbfolge von Niedeck entschieden habe. Er bewog seine Gattin, die Familientrauer zum Borwand zu nehmen, um das kostspielige Leben etwas einzuschränken: „Nur auf kurze Zeit!" tröstete er: „wird kein Sohu auf Niedeck geboren, bleibt das Majorat für Wulff Dietrich, so holen wir Alles doppelt nach I"
Die Zeit verging. Boll fiebernder Spannung harrte man der kommenden Dinge. Ein Freund des Grafen, welcher die Niedecker in der Schweiz getroffen, berichtete, daß Gräfin Johanna wahr und wahrhaftig vor einem freudigen Ereigniß stehe. Rüdiger und Melanie verkamen vor Aufregung. — Da traf nach Monaten ein Brief aus Wiesbaden ein.
„Von Willibald!" keuchte Rüdiger bleich und bebend, er riß mit zitternder Hand den Umschlag ab. Dann gellte ein Triumphgelächter durch das Zimmer: „eine Tochter!"
Capitel 9.
Wen anhaltendes Glück zu schwindelnden Freuden erhob. Senket der Wechsel in Gram. Horaz.
Dem Majoratsherrn von Niedeck war eine Tochter geboren! Eine Tochter, anstatt des höchst ersehnten, hochwichtigen Sohnes!
Diese Nachricht wirkte auf Gräfin Melanie wie eine Narkose. Sie starrte mit blödem Lächeln vor sich hin und wiederholte wie im Traume: „Eine Tochter! nur eine Tochter!" und dann lachte sie plötzlich im schadenfrohen Gelächter hell auf: „O, wie ich ihm das gönne, dem verrückten Kerl! wie mir das eine Genugthuung ist!"
Graf Rüdiger hatte die Arme gekreuzt und wanderte mit hastigen Schritten im Salon auf und nieder: „Ja, das ist dem jungen Ehegatten recht geschehen," spottete er mit glimmenden Blicken. „Diese Niete dürfte doch wohl als Raureif auf sein Turteltaubenglück fallen, denn ich hoffe, zum zweiten Mal schwingt sich das Buckelinchen nicht zu derartigen Leistungen auf!"
„Vielleicht stirbt sie noch!" fuhr Melanie mit gehässigem Blick auf, „dann würde ja die Erbfolge am besten erledigt fein! Schreibt er gar nichts über ihr Befinden?"
„I, wo wird er denn an mich schreiben? Es ist eine gedruckte Anzeige."
„Laß mich sehen!" — Die Gräfin nahm hastig das Papier zur Hand und entfaltete es: „Da hier, da steht ja „verte!" also laß die andere Seite sehen — richtig! da hat er noch etwas hingekratzt!" — „Was nicht ist, das kann noch werden!" — die Leserin brach in ein schallendes Gelächter aus. „Köstlich, er macht noch Witze! o sieh, Rüdiger, das ist ja unbezahlbar!"
„Was nicht ist, das kann noch werden," — las der Kammerjunker ebenfalls und er lachte gleich seiner Gemahlin — aber Beider Fröhlichkeit klang doch ein wenig gewaltsam, und wenn Rüdiger auch über den „Galgenhumor" spottete, so furchte sich seine Stirn dennoch dabei.
Schließlich zuckte er nervös die Achseln: „Je nun, bei Gott ist kein Ding unmöglich! Wenn das verwachsene Frauenzimmer überhaupt ein Kind in die Welt setzt, kann es auch noch sechs Geschwisterchen bekommen! Also, verlassen können wir uns noch nicht auf das Majorat!"
Melanie biß sich auf die Lippe. „O, es wäre ja empörend! — Es wäre —--“ Sie brach kurz ab und
trommelte mit den langen Fingernägeln aufgeregt auf dem steifen Cartonpapier der Anzeige, welche vor ihr auf dem Tisch lag.
„Warum er es uns überhaupt anzeigt?" fuhr sie ärgerlich fort, „den Silbergroschen Porto hätte sich der Geizhals auch sparen können."


