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gegen ihn in's Feld führt, Staatsverträge schließt und Gesetzesvorlagen ausarbeitet. Unser gefiederter Jugeud- bekannter ist förmlich in Anklagezustand versetzt worden, das Urtheil ist gegen ihn ausgefallen und lautet auf Todesstrafe. Beide Staaten berathen über gemeinschaftliche Ausrottungsmaßregeln, auch in England und Frankreich gewinnt die Agitation gegen den Sperling an Boden und Deutschland wird wohl nicht lange hinter diesen Ländern zurückbleiben. Armer Spatz! Da kann man wirklich sagen: Sic transit gloria mundi! 1864 haben ihn die Amerikaner erst bei sich eingeführt und was haben sie sich für Mühe gegeben, ihm das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. In ihren schönsten Promenaden haben sie ihm Wohnungen errichtet, ihn gefüttert und gepflegt. Die Verbreitung des Vogels war denn auch in dem ackerbautreibenden Staate eine enorme, so daß er jetzt, nach etwa 30 Jahren, zu einer unerhörten Landplage geworden ist. Der Zorn gegen ihn ist so groß, daß man ihn am liebsten bis auf das letzte Individuum vernichten oder doch nur einen Sperlingsadam und eine Sper- lingseva übrig lassen und in das Paradies irgend eines Zoologischen Gartens verpflanzen möchte. Und das wäre doch zu arg! Man denke sich nur das Bild einer deutschen Landschaft ohne den lustigen Monsieur Spatz! Grube hat ganz recht, wenn er in seinen Naturbildern sagt: „Ich muß bekennen, daß es mir in einer Gegend, wo gar keine Sperlinge wären, ganz unheimlich zu Muthe sein würde- mir würde ein solcher Ort wie mit einem Bann beladen Vorkommen, darum möchte ich weder auf dem Buntenbock, einem Marktflecken im Harz, noch im Altenburger Dorfe Meusebach wohnen."
Letztere Orte liegen nämlich zwischen hohen, bewaldeten Bergen, wo kein Getreidebau betrieben werden kann. Der schlaue Spatz bleibt ihnen daher fern, denn obwohl er dem Menschen überhin folgt, so kann er doch ohne Körnernahrung nicht leben. Wir sagen, er folgt dem Menschen, eigentlich zeigt er sich aber mehr als unzertrennlicher Begleiter des Getreidebaues. Da nun unsere Hauptgetreidearten wahrscheinlich aus dem westlichen Mittelasien stammen, so ist dieser Theil der Erde vermuthlich seine Heimath. Von dort aus wanderte er zuerst nach Afrika, dann nach Spanien, Italien und den Süden Europas. In Deutschland mag es zur Römerzeit wohl noch keine Sperlinge gegeben haben; selbst heutzutage ist er z. B. im Thüringer Walde noch nicht überall zu finden. Als in Sibirien im vorigen Jahrhundert der Getreidebau eingeführt wurde, fand sich auch Meister Spatz ein- bis dahin hatte er dort vollständig gefehlt. Im Norden finden wir ihn ebenfalls bis an die Grenzen des Ackerbaues.
Seltsamerweise leitet sich diese ungeheure Verbreitung durchaus nicht etwa aus einer Art Wandertrieb her. Im Gegentheil: unser Sperling ist ein Standvogel in des Wortes verwegenster Bedeutung. Wie ein echter Philister verläßt er während seines Lebens kaum die Stadt oder das Weichbild des Dorfes, worin er das Licht der Welt erblickt. Trotzdem muß er wohl hin und wieder Versuchsretsen, wie es Brehm nennt, unternehmen, denn neu angelegte Dörfer oder neu erbaute Wohnungen werden sofort von ihm besiedelt.
Man nennt ihn den Proletarier unter den Vögeln, weil er eben so allgemein — und in der That auch gemein — ist. Schon sein einfaches Federkleid verspricht nicht viel- es zu schildern, hieße Sperlinge nach Deutschland tragen. Sein Gesang ist geradezu unerträglich, seine Geschwätzigkeit furchtbar, umso furchtbarer, weil ihrer in der Regel eine ganze Anzahl zu einem Monstreconcert sich vereinigen, denn der Sperling ist ein geselliger Vogel. Trotz der Kämpfe, welche die eifersüchtigen Männchen miteinander ausfechten und wobei sie ein Geschrei vollführen, als gelte es Tod oder Leben, während kaum einige Federn zum Opfer fallen — bauen sie ihre Nester dicht nebeneinander, gehen gemeinschaftlich auf Nahrung aus und kehren sofort, wenn die Brüteperiode vorüber ist, zu ihrem Stamme zurück. Den Begriff der Proletarier erfüllen sie auch hinsichtlich der Wohnung und
Nachkommenschaft. Die ärmsten Leute haben die meisten Kinder und auch der Sperling erfreut sich zahlreicher Spröß- linge, da er bei gutem Wetter schon im März seine Ehe schließt und erst im September zu lieben aufhört. Drei bis vier Bruten mit je fünf bis acht Jungen giebt es in jedem Jahre und man muß den Sperlingen nachrühmen, daß sie zärtliche und sorgsame Eltern sind. Um so weniger leisten sie als Baumeister, denn ihr Nest ist ein höchst lüderliches Machwerk, das zum Unterschiede von Rom an einem einzigen Tage aus lüderlich zusammengeschichteten Papierfetzen, Strohhalmen, Lappen und Federn erbaut wird. Trotzdem ist es im Innern warm und behaglich, und ebenso warme und behagliche Nester errichtet sich der Sperling für den Winter, wo er sogar, wenn er es haben kann, ohne Rücksicht auf Ruß und Schmutz in den warmen Schornsteinen sein Nacht- und Standquartier aufschlägt.
Beim Zusammentragen seiner Nahrung geht er ebenso gierig als schlau zu Werke. Mißtrauisch gegen Jedermann und daher schwer zu fangen, zeigt er doch eine große Zudringlichkeit und dabei eine außerordentliche Ungeniertheit gegen solche Menschen und Thiere, von denen er sich keiner Gefahr versieht. Den Vogelscheuchmann kennt er genau und spottet seiner Ohnmacht, den Pferden und Kühen läuft er frech vor den Füßen herum, den Katzen weiß er schlau zu entrinnen. Wer ihn scharf beobachtet, bemerkt, daß er aus der Erfahrung lernt und vor Allem eine erstaunliche Menschen- kenntniß an den Tag legt. So legt ein alter Sperling eine bei weitem größere Vorsicht an den Tag als ein junger; auch im Bau seines Nestes bethätigt er seine Bildungsfähigkeit, indem er sich klug in Oertlichkeit und Umstände zu schicken weiß, wo der junge Vogel noch Fehler und Unterlassungen begeht. „Man muß nicht glauben," sagt Marshall, „daß jede Vogelart eine feste, von der Natur, etwa wie von einer Polizeibehörde vorgeschriebene Bauordnung hat, von der sie nicht abweichen darf- weit gefehlt! Im Gegentheil, die Vögel finden vielfach Veranlassungen, sich wie die Menschen bei dem Construiren ihrer Wohnungen allerlei äußeren Umständen anzupassen. Locale Ereignisse mannigfacher Art können sie zwingen, in ihrer Nistart oft wesentliche Veränderungen eintreten zu lassen. Manche, die sonst gewohnt sind, auf dem Boden im Rasen zu brüten, verlegen auf Wiesen, die im Frühjahr überschwemmt sind, ihre Nester in Sträucher und Bäume."
Ein Ziervogel ist allerdings der Sperling nicht und wird er nie sein, ebensowenig ein Stubcnvogel. Jung gefangen läßt er sich indessen leicht zähmen, auch im Winter gefangene alte Vögel halten sich bei geeigneter Abwartung, wenn man sie frei im Zimmer fliegen läßt, und werden sehr zuthunlich. Ich habe wiederholt Sperlinge aufgezogen und gezähmt und viel Vergnügen an ihnen gehabt/ Einer von ihnen, der aus dem Neste gefallen war und von mir aufgefüttert wurde, legte alle seine Sperlingsgewohnheiten ab, gewöhnte sich an den Käfig, an Körnerfutter, vor Allem an Hanf, und fraß mir die Mehlwürmer, die ich ihm jeden Tag als Leckerbissen verabreichte, aus der Hand.
Um nun wieder auf die Streitfrage zu kommen, so kann ich in das Todesurtheil der Amerikaner nicht einstimmen. Auch in der gelehrten Welt sind die Meinungen getheilt. Brehm, der ihm früher dus Wort redete, hat sich später auch seinen Gegnern zugesellt. „In den Straßen der Städte," führt dieser treffliche Beobachter aus, „verursacht er allerdings keinen Schaden, weil er sich hier wesentlich vom Abfalle ernährt- auf großen Gütern, Kornspeichern, Getreidefeldern und Gärten dagegen kann er empfindlich schädlich werden, indem er dem Hausgeflügel die Körnernahrung weg- srißt, das gelagerte Getreite brandschatzt und beschmutzt, in den Gärten endlich die Knospen der Obstbäume abbeißt und später auch die Früchte verzehrt. In Gärten und Weinbergen ist er daher nicht zu dulden." Homeyer bezeichnet vor Allem als den Hauptgrund seiner Schädlichkeit, daß er die nützlichen Vögel, namentlich Staare und Meisen, der-


