Ausgabe 
28.9.1897
 
Einzelbild herunterladen

450

als wollten sie sagenjetzt kommen sie in's Feuer", aber da erklang auch schon wieder Forkens Stimme:Jawohl, Sie würden in Fräulein Ursulas Stelle dem Lieutenant um den Hals fallen und rufen: zum Donnerwetter! So nimm mich doch, ich hab' Dich ganz abscheulich lieb!" Ein kurzes, hartes Auflachen folgte den Worten, dann einen Augenblick lautlose Stille.

Vorsichtig wurden oben in der Kastanie die Zweige auseinander gebogen und zwei blaue und zwei braune Augen schauten gespannt, ja erschrocken auf die Streitenden, das war denn doch etwas zu arg von Forken! Was würde Cläre darauf erwidern? So etwas nahm sie entschieden nicht ruhig hin! Da jetzt trat sie mit zorn­funkelnden Augen dicht vor Forken hin und mit unbändiger Heftigkeit kam es von ihren Lippen:To? Also Sie meinen, das würde ich thun! Wie kommen Sie dazu, mich so grenzenlos zu beleidigen? Wie können Sie so etwas von mir glauben? Gab ich Ihnen je ein Recht dazu? Habe ich Ihnen denn vielleicht auch nur ein einziges Mal durch Wort oder Blick verrathen, wie ich Sie liebe, o, wie namenlos!" Plötzlich brach sich ihre Stimme in heißem Ausschluchzen, und beide Hände gegen ihr Gesicht pressend, lehnte sie den Kopf gegen den Stamm der Kastanie.

Leise schlossen sich oben die Zweige! Forken starrte wie versteinert auf die Mädchengestalt vor sich. Dann hob er die Arme, ließ sie aber langsam wieder sinken. Es war ja nicht möglich, es konnte nicht sein.

Was kann ich dafür, daß ich so ein unausstehliches Frauenzimmer bin!" fuhr Cläre jetzt, kaum verständlich vor Weinen, fort.O, wäre ich wie Ursel, am Ende würden Sie mich dann" Weiter kam sie nicht, zwei Arme hielten sie plötzlich fest umschlungen, und eine tiefe, bebende Stimme murmelte:O, Du! Du! Ich habe Dich ja immer geliebt, schon in Berlin. Nur Deine kräftige Redeweise mochte ich nicht. Aber von jetzt an lieb ich auch die- ich weiß ja nun, daß doch ein echtes, süßes Weib dahinter ver­borgen ist."

Mit ungläubigen, seligen Augen sah Cläre zu dem Sprechenden auf. Sie konnte es nicht fassen, was sie da hörte, und halblaut kam es von ihren Lippen:O, das Glück! das Glück!" Erst nach einer ganzen Weile fuhr sie fort:Und ich gab mir schon alle erdenkliche Mühe, mich in Lieutenant Fritz zu verlieben, nur um Dich glauben zu machen, Du seist mir gleichgültig."

Ja, meine Gnädigste, da hätten Sie früher aufstehen müssen!" erscholl plötzlich Fritz Maltens Stimme über ihnen. Entsetzt flogen Cläre und Forken auseinander. Dann aber, als sie das Pärchen dort oben im dichten Laubwerk Arm in Arm entdeckt, jubelten und lachten sich die vier glücklichen Menschenkinder hell entgegen.

Papa und Mama Linde wollten erst durchaus Ein­wendungen machen. Fritz sollte sich zuerst bessern, ein anderes Leben anfangen und dann in einem Jahr wieder anfragen. Als ihr Kind, ihre Ursel, aber mit Thränen in den Augen bat:Ach, warum, warum ihn erst in Versuchung führen, wieder Schulden zu machen? Ich weiß, wenn ich seine Braut bin, dann bleibt er gut. Und und hei- rathen thu ich ihn doch!" Da rief Herr Linde ganz erschrocken: Mädel! Mädel! läufst uns am Ende noch bei Nacht und Nebel davon! Nein, Kinder, da kommt nur immer gleich her und gebt Euch die Hände. Bleibt gut und glücklich und --vergeßt uns Beiden Alten nicht ganz. Wir haben ja nur das eine Kind."

Fest und heilig schwur sich der junge Lieutenant in diesem Augenblick, die Worte seiner kleinen Braut wahr zu machen. Und er hielt seinen Schwur.

Als Ursulas Eltern auch von der zweiten Verlobung hörten, war der Jubel groß.Unser Worklin ist ja das reine Heirathsbureau!" rief, die Hände zusammenschlagend Frau Linde.Und Du, Alte, der Heiratsvermittler!"

entgegnete lachend ihr Mann.Gesteh' es nur ein, Du hattest von Anfang an solche Gedanken! Ich habe es wohl gemerkr."

Als einige Tage darauf Cläre und Forken abreisten, gaben sie den Zurückbleibenden das feste Versprechen, sich in zwei Jahren mit Ursel und Fritz als junge Ehepaare wieder in Worklin zu treffen, und zwar auch im Mai.

Aber es kam anders. Maltens konnten nicht erscheinen, ein derber Junge war ihnen störend in den Weg gerathen", wie Fritz selbst an Forken schrieb. Und ein Jahr darauf, saßen Ursel und Fritz in Worklin und warteten auf Forkens, aber vergebens.

Als dann im Sommer die Geburteines kräftigen Töchterleins" eintraf, da meinte lachend Herr Linde:Na, wenn das so fortgeht, dann werden die Alte und ich wohl darüber Hinwegsterben, bevor wir Euch vier hier wieder zu­sammen sehen!"

Aber sie starben nicht darüber hinweg, die lieben Alten! Im nächsten Mai finden wir ras alte Paar und die beiden jungen Paare fröhlich vereint unter der Kastanie im Workliner Park, in und unter deren Zweigen sich damals die vier jungen Herzen gefunden.

Na, wißt Ihr," meinte eben lachend Frau Cläre, ihre Blicke über sich in das grüne Laubwerk richtend,so viel steht doch fest, die Ursel hat sich damals viel unweib­licher bennommen als ich. Sich so hoch oben im Baum zu verloben, nein, das"

Finde ich ganz und gar nicht!" unterbrach sie lachend der junge Ehemann Malten.Wo sollte sich eine Grasmücke wohl anders verloben, als im Baum? Ja, freilich, solch ein Unteroffizier, und sei er auch ein noch so niedlicher, der kann sein Liebstes nur auf Erden suchen."

Halt, keine Anspielungen auf Vergangenes!" rief ganz böse jetzt Cläres Mann,der Unteroffizier wurde zur Dis­position gestellt, als ich mir eine Frau nahm. Und als unsere kleine Ursel das Licht der Welt erblickte, da nahm er für immer seinen Abschied." Fest drückte er den Kopf seines Weibes an sich und sah ihr innig in die feucht schimmernden Augen.

Du, Alter," flüsterte jetzt ganz leise, mit einem zärt­lichen Blick auf die beiden jungen Paare, Frau Linde,es war doch die richtige Liebe, die sich damalsim wunder­schönen Mai" angesponnen, bei beiden Paaren."

Und bei uns nicht, Frau? Oder hast Du schon ver­gessen, in welchem Monat wir uns gefunden?"

Nein, Herzens-Mann! Das vergißt keine richtige Frau, nie und nimmer, und wenn sie hundert Jahr alr würde!"

Nun, guck doch mal einer an!" ertönte da plötzlich nach einer Weile Frau Ursulas helle Stimme in die Stille hinein,ich glaube wahrhaftig, Papa und Mama haben sich eben auch geküßt! So etwas wirkt wohl ansteckend!"

Bilde Dir ja nichts ein, Du Guckindiewelt Du!" schalt lächelnd der Vater.Das kommt nicht von Ansteckung, das kommt davon, wenn ein Kind seine Eltern treulos ver­läßt. Da denken die Alten, sie sind wieder jung geworden, so allein. Und die Flitterwochen kehren wieder, ehe sie sich's versehen. Nicht wahr, Alte?"

Der Proletarier unter den Vögeln.

Plauderei von F. Clemens.

------- (Nachdruck verboten.)

Zwei große Staaten, Canada und die Union, wollen sich verbinden, um gegen einen gemeinsamen Feind Front zu machen. Wer ist dieser Feind? Sind es die Anarchisten oder ist es ein politischer Staat, der ihnen gefährlich zu werden droht? Nein. Der Feind ist Niemand anders als unser alter guter Bekannter, der Sperling, den man jenseits des Oceans für so gefährlich hält, daß man die Diplomatie