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Dienstag de« 27. AM
1897.
'xMWenn jedes Menschen geheimes Weh ißS’’ Ihm an der Stirne geschrieben man säh': Wir wären oft zn Thränen bewegt
Für den, der heute Neid erregt.
Es finden so Viele, in deren Brust Das Herz vor Neid will weinen, All' ihren Trost, all' ihre Lust Darin — uns glücklich zu scheinen!
Seekrank.
Novelle von HanS Nagel von Brawe.
(Fortsetzung.)
IV.
Der geheime Kriegsrath Oldekovp hatte wohl am solgenden Tage — es war inzwischen der stürmischen Nacht ein herrlicher Sommermorgen gefolgt — feine Mühe gescheut, um den Retter seiner Nichte, der sich so schnöde dem Abschied und dem Danke entzogen hatte, ausfindig zu machen. Aber vergebens. Vergebens hatten auch die beiden jungen Damen die Augen umherschweifen lassen auf ihren Promenaden am Strande und in den Dünen.
Da landete eines Tages an der Hauptbuhne V das Boot des Fischers Ackermann vom Dünenpfad, des bekanntesten Seehundsjägers. „Er sei drei Tage fort gewesen, bei Delftzyl und Rottum, als Begleiter eines Fremden," erzählte man am Strande. Alles drängte an die Buhne und richtig da wurden auch schon zwei starke Seehunde auf einen Karren geladen und an die Kaitreppe geführt. Alle Blicke waren auf den glücklichen Schützen gerichtet, der seiner Beute folgte. Noch ordnete er an, wie diese — im Interesse der Boots- jungen — gegen einen Obolus auszustellen sei, als sein Arm von einem Fächer berührt wurde.
„Ah — Frau Regierungsräthin," sagte er, „da kann ich ja sogleich den Beweis der Wahrheit antreten! — Sie fihen, ich nannte mich mit Berechtigung einen Hundejäger."
Die Dame sagte so etwas, wie „farceur“, aber sie ließ den Jäger versprechen, sie Abends in Backers Hotel aufzu- suchen, wo er auch die übrigen Mitreisenden von der „Barina" treffen würde,
* * qc
Schon sank der Abend, die Leuchtfeuer brannten, als der Doetor, der jetzt einen eleganten Promenadenanzug trug, auf der Strandstraße eintraf und in den Vorhof des Backer'schen Hotels eiubog.
Unwillkürlich blieb er einen Augenblick stehen, denn durch die hellerleuchteten Fenster des Musik-Salons drangen die Klänge einer herrlichen Sopran-Stimme. Mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte er. Weder Gesang noch Begleitung ließen auf Dilettantismus schließen.
Vorsichtig öffnete er die Thür und mit Erstaunen erkannte er in der Sängerin seine Patientin, während deren Cousine, Helene, begleitete.
Erst als das Lied beendet war, tvat er vor und gab seiner Bewunderung Ausdruck.
Nach den ersten Begrüßungen wurde natürlich mehr Gesang verlangt und des Doctors Urtheil war ein so gereiftes und sachverständiges, daß Bertha meinte, er sei am Ende selbst ausübender Musiker.
„Ein wenig," antwortete er und, bescheiden, fast zurückhaltend, setzte er sich an den Flügel. Die Art seines Vortrages, — er sang zuerst eine Arie aus „Rheingold" und darauf ein Lied von Bungart mit Carmen Sylva's Texte, — veranlaßte aber den Geheimrath der Regierungsräthin zuzuflüstern: „Der Mann ist Künstler! — Glauben Sie mir — im Künstlerüberrnuthe spielt er uns den Geheimniß- vollen vor! Nun, das ist ja Badefreiheit und unseren Damen trägt’S zur Kurzweil bei. Einmal wird der Dachs schon aus dem Loche herauskommen!"
Die Damen aber waren vorläufig nur bei der Musik, und als dann der Sopran Berthas und der Bariton des Doctors so vortrefflich zusammenpaßten, vergingen die Abendstunden am Piano im Fluge.
Natürlich wurden für den folgenden Tag Verabredungen getroffen.
„Dars ich meinem Jncognito ein Ende machen?" sagte der Fremde, ehe man sich zum Souper setzte, „ich bin „Doetor von Santen", wohne in Berlin —"
„Und handle mit Vieh," vollendete die Regierungsräthin lachens.
Der Doetor verbeugte sich. „Sie haben Recht, gnädige Frau," sagte er mit launigem Ausdrücke, „eine einfache Vorstellung ist nicht mehr am Platze. Sie haben gewissermaßen ein Recht, auch den Beweis der Wahrheit für den Viehhandel zu verlangen, nachdem ick Ihnen in mir den Hundejäger vorführte. Aber Sie müssen mir Gelegenheit bieten, meine
n G'kßcN.


