Ausgabe 
27.2.1897
 
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niedergeschaut, und er hatte zuletzt empfinden gelernt, daß auch für ihn eine Sonne schien. Das Glück, das höchste, köstlichste, herrlichste, war unwiderbringlich dahin, aber im tiefsten Herzen regte sich leise die Frage:War das ganze Leben nun ausgelöscht nnd vorbei?" Und seltsam, auf diese Fragen schienen Gestalten ihm Antwort geben zu wollen, die in der Einsamkeit sich zu ihm gesellten, schattenhaft und verschwommen zuerst, dann klarer und schärfer, deutlich zu unterscheiden. Er sah sie und hörte sie, und ein Verlangen ergriff ihn, sie zu halten, nicht wieder von sich zu lassen. Und eines Tages saß er vor dem Papier, die Feder flog darüber hin, er wollte versuchen, die freundliche Geister zu fesseln, die trostvoll zu ihm gesprochen hatten.

Sollte ihm endlich zum Segen werden, was er so oft als Fluch seines Lebens empfunden hatte? Sollte dies Ringen und Arbeiten einer unermüdlichen Phantasie, diese Empfindlich­keit gegen die Außenwelt, das Nachhallen und Widerklingen in seinem Innern doch zuletzt noch eine Kraft bedeuten, die ihn über Andere erhob? Sollte er jetzt nach so langer Zeit eine göttliche Stimme in seiner Brust verstehen lernen, die ihm den Weg zur Selbstbefreiung, vielleicht zur Größe zeigte? So fragte und forschte er, um dann wieder Fragen und Forschen bei Seite zu schieben und unterzutauchen in die Arbeit, in eine freie, schöne, selbstgewählte, begeisternde Arbeit. Er schrieb und schrieb, und Blatt gesellte sich zum Blatt. Als aber die Frühlingssonne Italiens mit sommerlicher Kraft zu strahlen begann, da lag das Manuscript vollendet, abge­schlossen vor ihm: sein erstes Werk, sein erster Roman!

Jetzt eben hatte er die letzten Capitel noch einmal ge­lesen, hier hoben im Angesichte des blauen Himmels, der Zinnen, Mauern und Thürmchen des alten Felsennestes, der duftenden Wildniß rothblühender Geranien. Er faltete die Papiere zusammen, barg sie wieder in der Tasche seines Rockes und erhob sich von seinem Sitz.Ein Dichter?" murmelte er leise vor sich hin im Tone zaghafter Frage. Dann aber hob und reckte sich seine Gestalt, er öffnete seine Augen weit, und indem er die leuchtende Welt umher mit einem einzigen Blicke umfaßte diese weithin ausgespannte Kette von Buchten und Vorgebirgen, an deren äußerstem, fast schon zum Schatten gewordenem die weißen Häuser von Bordighera gleich reinen, vom Meere herangespülten Perlen lagen diese marmorgleißende Sündenwelt von Monte Carlo, deren Blut und Schmach die allmächtige Sonne doch mit einem einzigen Lächeln auslöscht, um nur den Stempel unvergäng­licher Schönheit zurückzulaffen, indem er das Alles mit einem Blitzen des Auges sich gleichsam unterjochte und zu eigen machte, sprach er noch einmal ein ähnliches Wort wie zuvor, aber lauter, freudiger und stolzer:Vielleicht doch ein Dichter!"

Zehntes Capitel.

Jawoll, jawoll, das is man einemal einem Dichter," sagte Caroline zu der in ihrer Küche versammelten Gesellschaft und legte ein Buch aus der Hand, dessen letzte Seite sie eben vorgelesen hatte. Sie meinte mit dem Dichter aber nicht ihrenlieben Assessor", wie sie ihn mit Rücksicht auf ihre eigenen Empfindungen und die ihrer Herrin für ihn zu nennen pflegte. Sie meinte Hans Herrig, den Schöpfer des Lutherfestspiels, das einmal Mode geworden auch in die alte, katholische Bischofsstadt seinen Weg gefunden hatte und von der protestantischen Einwohnerschaft mit Eifer zur Aufführung vorbereitet wurde. Jetzt eben hatte Caroline, die für das religiös künstlerische Ereigniß in Heller Begeiste­rung war, ihren Genossen das Spiel von Anfang bis zu Ende vorgelesen, mit langsam - feierlichem Pathos, nur hie und da mit einigen Veränderungen, die sie der deutschen Sprache schuldig zu sein glaubte.

Der Kutscher Ferdinand hatte zuweilen gegähnt, was Caroline im Eifer des Lesens zum Glück übersehen hatte - sonst würde dieser erneute Beweis von Bildungsmangel die

noch immer nicht festgesetzte Hochzeit des alternden Paares wieder in's Unendliche verschoben haben. Um so eifriger hatte das Stubenmädchen, obwohl es katholisch war, zugehört und mit ihren weitgeöffneten Fischaugen die Leserin ange- chaut, deren wohlgemeinte Warnung:Deinem Papste geht es dich aber schlecht", sie von der Theilnahme an dem unge­wöhnlichen Kunstgenüsse nicht hatte zurückhalten können. Der Diener, der nun schon als Johannens erklärter Bräutigam galt, hatte sich die Zeit damit vertrieben, sie ab und zu in die Arme zu kneifen, während das kleine Hannchen mit einem Ausdruck so reiner Begeisterung auf dem gerötheten Gesichte dasaß, als wäre die Welt rings um sie her versunken. Es war vielleicht die erste Probe von Poesie, die in die Armuth und Abgeschlossenheit ihres Lebens hineindrang, und Herrigs erzwungene Volksthümlichkeit mochte ihr wie die echte, reine Sprache des Herzens in's Ohr klingen.

Drei Personen befanden sich außerdem noch in der Küche. Aus der dämmerigen Ecke zur Rechten der Thür schauten die fröhlichen Gesichter von Martha Wernicke und Fritz Köhler herüber und nickten der Leserin jetzt einen freundlichen Dank. Seit jenem Abend im Athletenclub, als Martha ihrer Mutter so nachdrücklich ihr Wohlgefallen an dem Geliebten betheuert hatte, galten sie in der Familie für Stillverlobte, und wenn ihr Bund noch nicht war veröffentlicht worden, so erklärte sich das aus der Rücksicht auf die noch schwebende Untersuchung über die Vorfälle jenes Abends. Marthas Vater war dem fleißigen und braven Gesellen, der obendrein einmal ein ganz hübsches Vermögen zu erwarten hatte, wohlgeneigt, aber mit der Scheu des biederen Bürgers vor Allem, was mit den Gerichten in Verbindung steht, erklärte er:An sich habe ich gegen den Schwiegersohn nichts einzuwenden, aber zuerst muß die Geschichte von damals untersucht werden, und er muß frei ausgehen. Einem Menschen, der gesessen hat, gebe ich meine Tochter nicht." Köhler lächelte schweigend über die Besorgniß des Alten, da sein gutes Gewissen ihm sagte, daß er in der Nothwehr gehandelt habe, und betrachtete das ge­liebte Mädchen im Stillen bereits als sein Eigenthum. Sie protestirte lachend dagegen und erklärte, daß sie nun nimmer einen Todtschläger zum Manne nehmen könne, während die heimlichen Küsse und das Aufstrahlen ihrer Augen bei seinem Anblick die Rede ihres Mundes straften. Sie sah ihn noch immer vor sich, wie er an jenem Abend dagestanden hatte, eine leuchtende Siegsriedsgestalt, den hingestreckten Gegner zu seinen Füßen, und in ihrer Seele wohnte nur noch der eine Wunsch, diese Gestalt an ihrem Herzen halten zu dürfen, ganz nahe, ganz fest und für immer! Bald mußte sich's ja entscheiden, bald mußte Neuert, von dessen allmäliger, lang­samer Besserung sie mit Spannung hörten, vernehmungsfähig sein, und dann dann durfte sie glücklich werden!

Eine Frauengestalt, noch neu in diesem Kreise, saß un­weit von ihnen, dicht an das kleine Hannchen geschmiegt. Es war die Schwester Bäsmanns, aus der Ferne herbei­gerufen durch die unerwartete Glücksnachricht von jener Erb­schaft, die sie mit ihrem Bruder zusammen gemacht hatte. Sie saß gekrümmt, mit gebeugtem Kopf, als hätte die Last des Lebens sie vor der Zeit niedergedrückt. Körper und Gesicht waren von auffallender Magerkeit, eine gelbe, pergamentähnliche Haut spannte sich über die vortretenden Knochen. Dicke Schatten­striche liefen ihr von den Augenwinkeln schräg über die Backen, graues Haar legte sich glatt um die eingefallene Stirn. Die hellblauen Augen aber, die mit einem Ausdruck von Hilf­losigkeit und Güte blickten, erwarben ihr Mitleid und Neigung. Ein Einfaches, schwarzes Kleid sollte die Trauer um den Ver­storbenen ausdrücken, dessen Tod ihr doch nur glückbringend gewesen war. Während der Vorlesung hatte sie häufig ge­weint und auch jetzt führte sie das Taschentuch noch einmal an die Augen.Weshalb weinen Sie man bloß, Frau Müller?" fragte Caroline halb verwundert, halb stolz auf die Wirkung ihres Vortrages, zu ihr hinüberblickend.Ach, ich habe so viel an meine Mutter selig denken müssen," gab Frau Müller mit kläglicher Stimme zur Antwort. In