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erschlichenen Gelder auf mich gefallen ist. Ein erbärmlich kleiner Theil, Du kqnnst es mir glauben. Er hat versucht, auch den mir oorzuenthalten, bis ich den Rest meines Besitzes zusammenraffte und herüberkam. Es war das letzte Mal, daß ich hier, war, und Du fandest mich sehr verändert."

Ich danke dem Himmel für jedes Goldstück, das der Schurke Dir vorenthalten hat! Aber wenn Du mir seinen Namen nicht sagst, wenn Du mir die Möglichkeit nicht giebst, ihn zur Rechenschaft zu ziehen und ihn selbst zum Ersatz zu zwingen, dann bleibt die Sache dieselbe, und wir Beiden, Du und ich, wir haften für die volle, die ganze Summe. Sag' mir den Namen, sag' mir Alles, was Du weißt!"

Ich kann es nicht, Ina!"

Du kannst es, Du mußt es! Sieh', von heute ab werde ich das Gefühl haben, daß kein Pfennig von meinem Vermögen noch mir gehört, daß ich selbst von gestohlenem Gelde lebe, wenn Du mir nicht hilfst, mich von dieser Gewiffensnoth zu befreien, die Du mir aufgebürdet hast!"

Du zerbrichst mir bad Herz! O, daß ich niemals hierher gekommen wäre! Sieh' doch, versteh' es doch, daß ich's nicht kann uud darf. Soll ich zu aller Schuld auch noch den Wortbruch auf mich laden?"

Ina zuckte zusammen unter diesem Wort, als falle ein schwerer Hammer auf sie nieder. Der Wortbruch! Da war es wieder, das Gespenst, das ihr Leben beängstigt hatte in diesem letzten Winter des Schmerzes. Ein Wortbruch lastete schon auf ihr selbst und hatte ihr bitteres Leid in Fülle ge­bracht. Sie hatte sich die Seele frei gerungen, aber unter welchen Qualen und welcher Noth! Sollte sie vom Bruder fordern, daß er ein gleiches Elend, dessen Gefühl mit plötz­licher Gewalt in diesem Augenblick sich ihr erneuerte, um ihretwillen erdulden solle? Sie rang die Hände in hilfloser Verzweiflung, ein lautes Schluchzen, wie ein Ruf um Rettung aus dieser Pein kam aus ihrer Brust, und sich an die ge­brechliche Gestalt des Bruders anklammernd, flüsterte sie wilde, unverständliche, von Thränen erstickte Worte, bis mit einem Male der Mann zusammenfahrend einen halblauten Schrei ausstieß und sie weit von sich hinwegschob.

Die Thür nach der Straße zu hatte sich geöffnet, und eine hohe, dunkle Gestalt war hereingetreten, vor der Inas Bruder in jähem Erschrecken bis zum Ausgang der Durch­fahrt zum Hofe zurückwich. Dort stand er, vom scheidenden Lichte noch klar beleuchtet, und starrte den Eintretenden an mit weit geöffneten Augen. Der hatte gleichfalls einen Moment gestutzt, jetzt aber begrüßte er Frau Henninger mit höflichem Gruß, den sie schweigend erwiderte- sie wußte, daß Worte vergeblich waren, denn sie hatte Bäsmann, den Taub­stummen, rasch erkannt. Er wollte an ihnen vorübergehen, als er, den Blick auf Inas Bruder heftend, plötzlich Halt machte. Eine rasche Veränderung ging in seinem Gesichte vor- seine Augen begannen drohend zu funkeln, er hob die Hände zu hastiger Geberdensvrache, und aus dem weitgeöffneten Munde drangen häßliche, unverständliche Laute. Und als verkörpere sich in dieser unheimlichen Gestalt seine Schuld und sein Gewissen, so bebte der kranke Mann zusammen, flüchtete, sich an der Wand entlang schiebend, vor ihr dem Ausgang zu, um dann mit einem raschen Sprunge die Thür zu gewinnen und in dem Regenschleier draußen zu verschwinden. Ein Lebewohl zu sagen, war er gekommen- ohne das Wort gesprochen zu haben, war er gegangen.

Ina eilte ihm nach bis zum Ausgang und schickte sich an, ihm weiter zu folgen- aber sie sah ihn fliehen mit einer Hast, die es ihr unmöglich machte, ihn einzuholen, und auch der Gedanke an die Begegnung, deren Zeugin sie eben ge- gewesen war, hemmte ihr den Fuß. Mit einem Seufzer trat sie zurück, schritt in den helleren Hof hinaus und stellte sich dem Taubstummen gegenüber, indem sie mit dem Finger auf ihre Lippen zeigte, damit er ihre Bewegung verfolge. Kennen Sie diesen Mann?" fragte sie leise, langsam, mit sorgfältiger Betonung jeder Silbe.

BäSmann nickte ein paar Mal lebhaft und ballte die

Fäuste.Gehen Sie jetzt," fuhr Frau Henninger fort mit einem Blick auf die Korbflechterei, die der Taubstumme trug. Bringen Sie Ihre Arbeit ins Haus. Dann kommen Sie wieder und gehen Sie mit mir. Wollen Sie?"

. Die stumme Bejahung war noch lebhafter als die vorige. Mit eiligen Schritten ging Bäsmann über den Hof, während Frau Henninger unter die Wölbung zurücktrat. Hier stand sie und wartete und blickte in schmerzlichem Sinnen auf die Stelle, wo sie ihren Bruder sie fühlte und wußte es zum letzten Mal in diesem Leben gesehen hatte. In diesem Leben, das ihn weiter, unwiderbringlicher von ihr getrennt hatte, als der Tod es jemals vermochte.

* * *

Am selben Abend und um dieselbe Stunde saß auf einer der alten, zerfallenen Mauern, die den Gipfel des Felsens von Monaco umziehen, die Gestalt eines Mannes. Eine gewaltige Fluth von Licht wogte rings um ihn Her­bie Sonne neigte sich erst zum Gipfel bes Täte de chien, hinter bem sie verschwinden mußte. Der Duft von Blüthen unb Pflanzen, beren Namen er nicht zu nennen gewußt hätte, stieg zu bem einsamen Manne empor und umspielte seine Stirn. Er blickte unverwandt in die Ferne, zu dem ver­blassenden, dunstigen Streifen hinüber, wo Meer und Himmel sich zu berühren schienen. Seine Lippen bewegten sich leise, als halte er Zwiesprache mit Gestalten, die um ihn waren, und die nur er erblickte.

So saß er lange Zeit auf dem riesenhaften, felsigen Thron, den die Natur in das Meer hinausgeschoben hat. Endlich riß er den Blick von der Ferne los und ließ ihn an den grauen, zerklüfteten Steinwänden abwärts gleiten. Durch das wilde Gestrüpp von Cactus und Aloe hindurch bis zum Meere, das wie ein gewaltiger blauer Mantel sich um bett Fuß bes Felsens legte, von weißem Schaum, wie von einem Hermelinstreifen umsäumt. Das Geräusch ber Branbung tönte kaum mehr herauf, bie schimmernbe Fläche bes Meeres erschien so ruhig unb sanft wie bie milbe Fluth bes Lichtes barüber her.

Stumm nickte ber Mann vor sich hin, unb ein Ausbruck des Friedens kam in sein Gesicht, das von Seelenkämpfen erzählte. Dann zog er behutsam, mit einem Blick zur Seite und mit flüchtigem Erröthen vor sich selbst, ein beschriebenes Heft hervor, in das er sich nun vertiefte. Seine Wangen färbten sich roth, während er las, aber der Ausdruck des Friedens verstärkte sich.Wenn es möglich wäre!" sagte er leise und warf einen Blick zum Himmel empor, der hier so gnadenvoll niederschaute. Dann, als er das letzte Blatt umgewandt hatte, ließ er das Heft wieder sinken- seine Gedanken durchmaßen noch einmal die Zeit, die ihn gelehrt hatte, dies zu schreiben.

Er dachte des qualvollen Winters, des qualvollen Schei­dens, des Beginns dieser Reise, die er so arm an Hoffnungen angetreten, und die bann hoch eine Heilwirkung an ihm geübt hatte, bie ihm selbst kaum erklärlich war. Ina hatte recht gehabt trotz alledem! Der Mensch ist zu klein, um sich der besänftigenden Kraft einer großen Natur zu entziehen, wenn er empfänglich genug ist, sie zu fühlen. Bei der Fahrt über den Gotthardt war dies erlösende Gefühl zum ersten Mal über ihn gekommen. Bis dahin war er gefahren, fast ohne zu hören und zu sehen, ganz eingesponnen in das dichte Netz des Schmerzes. Nun aber, während er in der Nacht hinüber­fuhr über den kühnen Felsenweg, und die Berge um ihn emporstiegen, riesenhaft, schwarz wie dunkle Kolosse vor dem sternenhellen, mattleuchtenden Himmel sich erhebend da hatte zum ersten Mal das Gefühl der Befreiung sich in ihm geregt, er hatte der Worte gedenken müssen, die Busenius zu ihm gesprochen hatte:Sehen Sie nach den Sternen! Und er hatte zu Sternen und Bergen emporgeblickt, unablässig, unermüdet, mit dankerfülltem Herzen.

Tage des Rückfalls war gekommen, schmerzerfüllt, öde, und hoffnungslos. Aber die Sonne Italiens hatte auf ihn