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Stunden nicht zu unterbrechen! Mein Privatlehrer im Latein verreist nächsten Monat, — bis dahin müssen wir unser Pensum absolvirt haben!"
Graf Rüdiger blinzte seinen Aeltesten momentan mit halbzugekniffenen Augen an — dann lachte er in bester Laune auf. „Betend, daß Gott Dich erhalte, so fleißig, fromm und rein!"
„Gut, bleibe Du hier! Ich bin sehr stolz, der Welt von solch unnatürlichem Sohn erzählen zu können! Und Du, Hartwig?"
Der Kleine schnitt eine Grimasse und nickte dem Vater pstsftg zu: „Ich werde Dich selbstredend nicht im Stich lassen, sondern den Kronprinzen nach Kräften vertreten!"
Lautes Gelächter belohnte den Witz, und wie Hartwig mit ironischem Lächeln einen tiefen, devoten Diener vor dem älteren Bruder machte, trat trotz seines runden, rosigen Kindergesichts die Aehnlichkeit mit seinem Vater schärfer denn je hervor.
In der Küche aber saß der Kammerdiener im Kreise des Gesindes und sagte mit bedeutsamem Lächeln: „Seltsame Menschen! Als die Hochzeitsnachricht kam, verfiel die Gräfin in Weinkrämpfe und als die Depesche den Tod der lieben Tante meldete, hallte das Haus wider von dem Jubel und Gelächter, — seltsame Menschen!" * * *
In Angerwies herrschte große Erregung über die Verlobungsanzeige des Majoratsherrn von Niedeck.
Man jubelte und schwelgte in dem Gedanken an bessere Zeiten- — die Optimisten wagten sogar kühnen Flug in das Reich der Phantasie und prophezeiten: „Graf Willibald werde in seinem bräutlichen Glück allen Groll vergessen, der Stadt die alten Vergünstigungen wiederum gewähren und noch viele neue hinzufügen, ja man malte sich schon die herrlichsten Zukunftsbilder aus, wie man dem jungen Paare einen enorm schmeichelhaften Empfang bereiten und von Anfang an für die Angerwieser Interessen gewinnen werde. Wenn die Braut nur halb so viel Humanität und Herzensgüte besäße, wie ihre Cousine Melanie, würde sie sicher allen Einfluß aufbieten, Beziehungen mit der Stadt anzuknüpfen, wie sie Graf Rüdiger nebst Gemahlin so herzerquickend angebahnt hatten!
Man schwelgte in dieser Hoffnung- die Pessimisten jedoch schüttelten die Köpfe und sprachen: „Ihr kennt den Sonderling schlecht, wenn Ihr an seine Verzeihung glaubt! — Wenn solche Menschen einmal hassen — dann ist es gründlich ! Graf Willibald ist Fanatiker, er hält zähe fest an Gefühlen und Empfindungen, welche Macht über ihn gewonnen haben!"
Und leider sollte sich dies bewahrheiten.
Während man noch eifrig debattirend in der „Stadt Hamburg" zusammen saß und die Ausschmückung der Stadt — welche nach viel aussehen und wenig kosten sollte — besprach, als man just darüber stritt, ob sechs oder acht weißgekleidete Ehrenjungfrauen der Gräfin einen Blumenstrauß überreichen sollten und ob der Bürgermeister seine Ansprache auf dem Marktplatz oder am Thor halten müsse, rollte eine Equipage in scharfem Trabe vorüber. Solch elegantes Räderrollen gehörte in Angerwies nicht zu dem täglichen Brod, darum schnellten alle Köpfe empor und äugten hinaus.
Und dann sahen sich die Väter der Stadt schweigend und jäh betroffen an.
„Die Niedecker Equipage!"
„Bah — es werden die Herren Dienstboten ein wenig spazieren fahren!" trösteten die Optimisten.
„Gebt acht, sie sind angekommen!" wehklagten die Schwarzseher, und sie sollten abermals recht behalten.
Der Bahnhofsvorsteher stürmte nach wenigen Minuten athemlos in das Gastzimmer.
„Eben einpasstrt! ganz überraschend! ganz ohne Anmeldung! — vor einer halben Stunde hat der Gros tele
graphisch einen Wagen an die Bahn bestellt! Nun find sie da — ohne jeden Empfang!"
(Fortsetzung folgt.)
Unser Grethchen.
Von Elisabeth Buhc.
------- (Nachdruck verboten.)
Die alte, treue Kathrine hatten wir krankheitshalber seit fünf Tagen entlasten.
Am zweiten dieser denkwürdigen Tage war Mama ge- nöthigt, eine kleine Reise zu unternehmen und unser neues Factotum, „Grethchen das Unübertreffliche", das mir nun Hüter und Stütze, Küchenfee und Gesellschafterin sein sollte, hat während der kurzen Zeit unseres Alleinseins trotz ihres jugendlichen Alters von kaum 16 Jahren Unglaubliches geleistet.
Schon gleich am Bahnhof, woselbst sie pflichtschuldigst neben mir stand, als „unserer Frau ihr Zug" sich in Bewegung setzte, eröffnete ste den Reigen: „Da fort is se mit- sammt der Lakemativ," und dabei stampfte sie zur Bekräftigung auf, traf aber unglücklicherweise nicht den Boden, sondern den werthen Fuß des Herrn Stationsvorstehers, der seine rothe Mütze vor Schreck und Schmerz rückwärts und seine beiden gekrallten Hände vorwärts nach unserem Grethchen fliegen ließ. Ganz wüthend schrie er: „Du dumme Person," — jedenfalls hatte sie sein bestes Hühnerauge getroffen, — aber er schrie in die Luft, denn die Attentäterin war geschwind wie eine Eidechse davongewischt und erwartete mich strahlend vor unserem Haus, wo sie mich ganz harmlos fragte: „No, Fräulein, hawe Sie se kriegt, die Bätsche? — Sie stände doch so dicht newe mir!" — — —--
Im Hause angekommen, gab ich ihr für einige Stunden Beschäftigung in der Küche und ich selbst begab mich in das eine Treppe höher gelegene kleine Arbeitszimmer, da im Wohnzimmer der Fußboden frisch angestrichen war. Aus diesem Anlaß schärfte ich ihr auch besonders ein, keinerlei Besuch dorthin, sondern in den Salon zu führen- sie selbst habe jedoch in letzterem absolut nichts zu suchen. Weshalb ich diese zweite Bemerkung noch extra zufügte, war ihr sogleich verständlich, denn sie hatte gesehen, wie ich früh Morgens eine große Schüssel prächtiger Erdbeeren in einem Schränkchen dieses Zimmers verwahrte, die hier kühl und vor Allem zugleich sicher vor Grethchens großer Naschhaftigkeit standen. In dieser Untugend leistete sie Großes! So Großes, daß ich ihr eher eine bedeutende Summe Geld als das kleinste Stückchen Fleischwurst oder gar etwas Eßbares in Obst anvertraut hätte, obgleich sie stets nach einem solchen „Raubanfall" feierlichst schwur, daß es nie im Leben wieder Vorkommen sollte und wenn sie so alt würde wie der selige Abraham aus dem Alten Testament. —
Ich saß noch nicht lauge an meiner Arbeit, als Grethchen erschien und mit großer Wichtigkeit halblaut meldete: „Es is Jemand da!"
Ich beeilte mich, den Besuch zu begrüßen und meine „Empfangsdame" erzählte mir, indem wir zusammen die Treppe hinabstiegen: „Er scheint Ihne auch 'was Schönes mitgebracht zu hawe, denn er hält unter d'm Arm so 'was Glänzendes un deshalb war ich auch gleich sehr freundlich zu'm. 's Präsent wollt' ich'm ja abnemme un Ihne bringe, awer meine Se, ’r hätt's hergewe? Ja, Pros't! Erscht wollt'r auch gar net 'erei' geh' un im Hausgang uff Se warte, — awer ich hab's scho fertig kriegt — un auch g'sorgt, daß er sich setze dhut. — War's Recht so?"
„Gewiß," antwortete ich und öffnete rasch die Thüre.
Mein Erstaunen war mindestens ebenso groß als die Verlegenheit meines Gegenübers — unseres alten Flickschusters. Aus der Ecke eines Plüschsessels saß das dürre Männchen, — unter dem Arm hielt er krampfhaft ein Paar frischgewichster Kinderschuhchen — und wischte vor lauter Verwirrung seine


