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Aber seine Augen schweiften ruhelos über die Zeilen I hinweg, es schillerte und flackerte darin wie bei einem Menschen, dessen Inneres durch wüste Stürme leidenschaftlicher Erregung durchtobt wird.
Frau Melanie schluchzte leise vor sich hin, zerbiß in förmlicher Wuth ihr Spitzentuch und hämmerte mit dem rothen Absatz ihres orientalischen Pantöffelchens gegen die Goldleisten des Kamins.
So mochte eine Stunde verflossen sein, eine Stunde, I in welcher die beiden Menschenseelen die Qualen eines Feg- I feuers Lurchlitten. Von der Verzweiflung und Angst, von der Sorge um ihre ganze Existenz geschüttelt, kämpften sie einsam gegen die Schrecknisse ihres drohenden Ruines an.
Keines fand bei dem Anderen Trost und Zuspruch, I keines eine milde, liebevolle Theilnahme, welche stützen, rathen und ertragen will. Wenn sich zwei Herzen im Glück kalt und fremd gegenüberstehen, so empfinden sie Oede und Verlasienheit ihres Lebens nicht so schroff, weil noch die Mittel zu Gebote stehen, die Sinne zu betäuben, — tritt aber das Unglück rauh und kalt neben solche Ehegatten, dann reißt es sie rettungslos auseinander und deckt den schwindelnden Abgrund, welcher rosenverdeckt zwischen ihnen gähnte, auf, daß er jedem Glück und jedem Frieden zum I Grabe wird. I
Eine trostlose, entsetzliche Stunde bitterster Verlassenheit! Eine Stunde, welche das Schicksal als Keulenschlag gegen die Herzen führt, sie mit brutaler Hand aufzuschrecken und zu mahnen. Aber die Stunde verstrich und die Herzen waren härter gewesen wie die Keule. I
Der Zufall mischte die Karten noch einmal tückisch zum Spiel. An der Thüre des Nebensalons klopfte es.
Gräfin Melanie schrak mit rothgeweinten Augen und verstörtem Gesicht empor.
Sie starrte dem Diener, welcher auf silbernem Tablett ein Papier trug, entgegen.
„Was stören Sie mich? — — Was bringen Sw?" herrschte sie den Galonirten zornig an.
Graf Rüdiger lachte ironisch: „Die Hochzeitseinladung, Herzchen! Hast Du schon eine Toilette bereit?!"
Melanie biß die Zähne zusammen und riß den Brief an sich.
„Eine Depesche! — An mich?"
„Befehl, Frau Gräfin!"
„Aha — der Vetter hat es eilig mit dem Heirathen!" klang die Stimme des Grafen abermals heiser dazwischen, aber er erhob sich und trat hinter den Sessel seiner Gemahlin.
Ebenso wie vorhin brach auch jetzt ein Schrei über die Lippen der Gräfin, aber diesmal war es greller Jubel, welcher durch das Zimmer hallte.
„Lies!" ries sie triumphirend und warf ihrem Gatten mit flammenden Augen das Blatt zu.
„Es ist gut; gehen Sie," fügte sie mit ihrer gewohnten, hochmüthigen Kopfbewegung gegen den Diener gewandt hinzu.
Lautlos glitt dieser über den Teppich zurück. Graf Rüdiger aber las mit fliegenden Pulsen: „Tante Aurelie soeben am Herzschlag gestorben, kommt sogleich zur Testamentseröffnung, Melanie ist Universalerbin!"
„Hurrah! — Hurrah!"
Wie ein Aufathmen der Erlösung nach Todesangst überkam es die beiden Ehegatten, — sie sahen sich an, lachten, — reichten sich die Hände.
Rüdiger küßte galant die Fingerspitzen seiner Gemahlin.
„Ich gratuliere Dir und mir —! Ich wußte es ja, das Glück hatte noch nicht das letzte Wort mit uns gesprochen!"
„Und nun glaube ich auch an seine dauernde Gunst!" lachte Rüdiger übermüthig. „Was gilt die Wette, Gnädigste, der Erbe von Niedeck wird dem Vetter nicht geboren!"
Sie zuckte lächelnd die Achseln: „Hoffen wir, ich wette um das Perlenhalsband, welches Dir letzthin noch zu theuer für mich war!"
„D'accord."
„Nun werde ich Trauertoilette bestellen. Wollen wir die Jungens mit zur Beerdigung nehmen?"
„Ja, es macht einen besseren Eindruck." Der Graf schellte und befahl den Erzieher der Knaben zu sich.
„Sie müssen ein paar Tage Ferien geben, Herr Doctor, Ihre Zöglinge sollen uns zu einer Trauerfeierlichkeit begleiten," und der Sprecher wandte sich zu seinen Söhnen, welche ihrem Lehrer gefolgt waren: „Na, Ihr Schlingel, das kommt Euch wohl recht gelegen, mal wieder ein paar Tage schwänzen zu können?" — Der jüngere der Knaben breitete mit einem Stoßseufzer die Arme aus: „Gott sei Dank! dies elende Gebüffele hatte ich nachgerade satt!"
Die Gräfin lachte, der Hauslehrer aber sagte ernst: „Gerade Hartwig dürfte am wenigsten eine Pause machen, Herr Graf; er ist sehr weit zurückgeblieben und hält in keiner Weise Schritt mit dem Bruder."
Hartwig schmiegte sich an die Mutter und hob das hübsche Gesichtchen voll herausfordenden Trotzes nach dem Pädagogen.
„Fällt mir im Traume ein, mich derart abzuschinden, wie Wulf-Dietrich: Wenn er ein solches Schaf ist und otft wie ein Unsinniger, obwohl er weiß, daß er mal Majoratsherr wird, — so ist das sein Privatvergnügen —! Ich werde Dragoner — und das Bischen, was ich dazu brauche, pauken Sie mir schon auf der Presse ein!"
Frau Melanie lachte abermals höchlichst amüsirt und streichelte die rosige Wange ihres Lieblings, dann hob sie die Lorgnette und sah ihren ältesten Sohn prüfend an: „Mon Dien, Dietel . . . Du arbeitest so viel? Was ist denn plötzlich in Dich gefahren? Natürlich ganz blaß und kümmerlich siehst Du schon aus! Als ob Du für Geld schafftest!"
Wulff-Dietrich hob den Kopf mit der ihm eigenen stolz abweisenden Bewegung: „Ich arbeite auch für Geld, Mama, — ob jetzt oder später, das bleibt sich gleich."
Gräfin Niedeck riß die Augen weit aus und trat dem Sprecher einen Schritt näher, während Hartwig vor Lachen in die Hände prustete.
„Für Geld, bah? was soll das heißen?!"
Wulff-Dietrich zog die dunklen Augenbrauen zusammen.
„Das soll heißen, Mama, daß ich lernen und studiren will, um später eine Stellung im Leben einzunehmen und auf eigenen Füßen zu stehen!"
„Ah — Du überraschest mich! Selbst als Majorats-
I Herr willst Du Examinas machen?!"
„Selbst dann; vorläufig bin ich es aber noch nicht, I und es ist sehr zweifelhaft, ob ich es werde; Vetter Willibalds Verlobung steht ja heute in der Zeitung."
Graf Rüdiger war schweigend im Zimmer hin- und bergegangen, jetzt blieb er neben seinem Sohne stehen und sagte mit dem Anfluge von Ironie, welcher seiner Sprechweise eigen war: „Gut, mein Junge, ich habe absolut nichts gegen die löblichen Absichten einzuwenden! Das Majorat I ist freilich zur Zeit ein hochgehängter Korb für Dich, und darum ist es sicherer, wenn Du nicht darauf rechnest. Ich fürchte nur, Dein Feuereifer wird sehr bald erlöschen, wenn I Dir Niedeck unbestritten sicher bleibt!"
Wulff-Dietrich richtete sich noch höher auf. „Ich hoffe Dich von dem Gegentheil zu überzeugen."
„Aber sage doch, boy — was hat Dich denn plötzlich I so verwandelt?" — forschte die Gräfin voll naiven Erstaunens — „früher hattest Du so wenig Passion für das Lernen, daß wir meist Klagen hören mußten, und nun entwickelst Du Dich zum Musterknaben! Wie kommt das?
Der Gefragte schüttelte die dunkelblonden Haare zurück und preßte die Lippen zusammen. Sein Blick glühte wundersam auf, aber er schwieg.
Der Graf jedoch brach kurz ab. — „Nun, wir freuen uns der Thatsache, daß Du bei der Stange bleibst, mein I Sohn, jetzt geht und laßt Eure Koffer packen!"
„Du gestattest, Papa, daß ich hier bleibe, um meine


