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auf Ihrem unschuldigen, jungen Gesicht zu erblicken — Sie vor mir zurückschaudern zu sehen. Gehen Sie, sage ich! Senden Sie die Schergen der Gerechtigkeit — ich werde sie in diesem Zimmer empfangen. Gehen Sie, rächen Sie Ihren Vater, wie es Ihnen zukommt — Sie wären keine pflichtgetreue Tochter, wenn Sie es nicht thäten! Ich flehe um kein Mitleid, keine Gnade — nur handeln Sie rasch!"
Ich ließ die geständige Mörderin mitten unter ihren Katzen zurück, eilte hinaus, sprang in die Equipage und hieß den Kutscher nach dem Herrenhause zurückfahren.
Zum Glück war Tante Pamela bereits in dem Schlafzimmer- ich hatte daher nicht nöthig, ihr die entsetzliche Geschichte in dieser Nacht noch mitzutheilen. Ich selbst vermochte nicht einzuschlafen- das Entsetzen verscheuchte den Schlummer von meinen Augenlidern. Sobald der Morgen graute, und ehe ein Mensch im Hause auf war, kleidete ich mich an und machte mich auf den Weg nach den alten Salzgruben.
Ein unerklärlicher Impuls, eine Macht, die ich weder zu begreifen, noch zu bekämpfen vermochte, trieb mich dorthin. Ganz allein und zu Fuß schritt ich den Hügel hinab, auf demselben Pfade, den mein Vater in der Nacht seines Todes gewandelt war.
Kein Schnee bedeckte den Grund. Häßlich und dunkel erhob sich der Steinhaufen in dem Dämmerlichte. Als ick mich demselben näherte, erblickte ich am Fuße des Denkmals eine ausgestreckte, menschliche Gestalt, in eine wollene Decke gehüllt — die Glieder völlig regungslos, die Arme weit ausgebreitet, das Gesicht der Erde zugewandt. Ich eilte näher. Es war Mercy Poole, die hier auf dem Flecke lag, auf dem sie vor etlichen zwanzig Jahren ihren ungetreuen Liebhaber ermordet hatte!
Ich beugte mich über sie und rief:
„Mercy Poole! Sie haben nichts von mir zu fürchten! Ich will das Amt der Rächerin nicht übernehmen, denn ich glaube, daß Sie seit vielen Jahren schon Schlimmeres als den Tod erduldet haben!"
Keine Antwort, keine Bewegung.
Ich hob ihren schneeweißen Kopf auf. Ihre Augen waren geschlossen, um sich nicht wieder zu öffnen. Ihr fleischloses Gesicht hatte einen seltsamen, unerklärlichen Ausdruck, den ich nie vergessen werde. Im Schatten des Steinhaufens lag Mercy Poole, die Mörderin meines Vaters — kalt und tobt.
33. Capitel.
Ein weiteres Jahr war vergangen.
Miß Pamela Greylock und deren Nichte lebten nach wie vor zu Greylock Woods in fast klösterlicher Stille. Bei der alten Dame machte sich die Last der Jahre — sie war jetzt über siebzig Jahre alt — mehr und mehr geltend, Ethel dagegen arbeitete fleißig an ihrer Fortbildung- das Studium guter Bücher und musikalische Uebungen nahmen ihre Zeit vollständig in Anspruch.
Daß Tante Pamela hiermit nicht einverstanden und die „unverständige" Lebensweise ihrer Nichte, deren Gleichgültigkeit gegen gesellschaftliche Vergnügungen und totale Mißachtung all der Dinge, welche eine hübsche Erbin von Rechtswegen interessiren sollten, beständig und lebhaft tadelte, machte auf Ethel gar keinen Eindruck.
„Ich bin nun einmal nicht wie andere Mädchen, Tante," sagte sie zu ihrer bejahrten Verwandten- „ein Leopard kann sein buntgeflecktes Fell nicht wechseln, und gerade so unmöglich würde es für Dich sein, eine Weltdame aus mir zu machen. Uebrigens," fügte sie lächelnd hinzu, „will es mir scheinen, daß wir Beide recht glücklich in unserer Abgeschiedenheit von der Welt sind."
„Allerdings!" stimmte die alte Dame herzlich zu. „Aber Du stehst Dir selbst damit im Licht, Ethel- es ist geradezu Unsinn, wenn ein Mädchen in Deiner Stellung solch' nonnenhaftes Leben führt. Du denkst eben weniger
an Dich als an Andere," fuhr sie fort, indem sie die Waise zärtlich anblickte, „der Himmel weiß, daß Du das beste, edelste Herz von der Welt hast!"
Ethel-Polly liebte ihr Besitzthum — das reichgeschmückte, stattliche Haus und dessen großartige Umgebungen. Sie machte weder Besuche, noch empfing sie solche- nichtsdestoweniger hatte sie sich in der verhältnißmäßig kurzen Zeit, seit welcher sie auf ihrem Erbe weilte, bereits zahlreiche Freunde erworben: die Armen, Kranken und Bekümmerten. Auf Meilen in der Runde war sie all Denen, die des Trostes und der Hülfe bedürftig waren, wohlbekannt.
Regelmäßig trafen von Zeit zu Zeit Briefe von Lady Greylock ein, welche von Glück förmlich überströmten, den Baronet als den edelsten Mann und liebevollsten Gatten, ihr englisches Heim als ein wahres Paradies schilderten. Am Ende des Jahres aber lief die erfreuliche Nachricht in Greylock Wodds ein- das Eheglück der jungen Gatten war durch die Geburt eines Sohnes und Erben gekrönt worden.
Aber bald sollte der idyllische Friede auf Greylock Woods einem Leben voll Sorge und Mühseligkeiten weichen. Das kleine Blackport wurde durch den Ausbruch eines gefährlichen, ansteckenden Fiebers, welches seine Opfer anfänglich besonders in den Hütten der Fischer suchte, in Schrecken gesetzt. Die Hitze des Sommers war eine ungewöhnlich starke und anhaltende gewesen, schädliche Miasmen stiegen unter der Gluth der Sonne aus den sumpfigen Marschen auf und trugen Tod -unb Verderben in die dürftigen Behausungen der Armen.
Doctor Vandine weilte Tag und Nacht an den Stätten des Leidens - er schien in dieser Zeit der Noth weder der Ruhe, noch des Schlafes zu bedürfen. Er war der einzige Arzt im Ort und hatte, trotzdem der Umfang seiner schwierigen Praxis von Tag zu Tag wuchs, keine Hülfe zu erwarten, da die Epidemie sich auch über die Nachbarstädte verbreitete und die dort wohnenden Doctoren vollauf in Anspruch nahm- nicht einmal Krankenwärter waren aufzutreiben. Dazu kam noch, daß die Bevölkerung von Blackport im Allgemeinen recht arm war, und daß es demzufolge in dem Heim der Kranken oft an den nöthigsten Bequemlichkeiten fehlte.
Eines Abends wurde Vandme zu sehr später Stunde noch zu der Behausung eines Froschfängers gerufen, welche am Rande der sumpfigen Marschen lag, an einer verlorenen, einsamen Stelle, und, von den letzten Strahlen des untergehenden Mondes beleuchtet, einen selbst in diesem traurigen Erowinkel ungewöhnlich düsteren und unfreundlichen Eindruck machte. Die verfallene Hütte beherbergte ein halbes Dutzend elender, mutterloser Kinder, welche sämmtlich im Banne der schrecklichen Krankheit lagen, ohne daß ein Mensch zu ihrer Pflege dagewesen wäre.
Der Vater der armen, kleinen Wesen, ein halb blödsinniger Trunkenbold, lag schwer berauscht auf einem Haufen Seegras vor der Hütte, sein Handwerkszeug — das Netz zum Froschfang und den Sack aus Segeltuch — neben sich.
Vandine versuchte es, ihn wachzurütteln und blickte rathlos um sich, als ihm dies nicht gelang. Der nächste Nachbar wohnte mehr als eine Meile entfernt- die kranken Kinder bedurften dringend der Wartung, und in der Hütte, deren Inneres ein trauriges Bild der Armuth und Verwahrlosung bot, war nicht einmal ein kühlender Trunk für die stöhnenden, sich unruhig hin und her wälzenden Kleinen zu finden.
Der junge Arzt sah sich zuerst nach Wasser um, und es glückte ihm auch, nach einer halben Stunde eifrigen Suchens eine Quelle nahe dem Hause zu entdecken, dann brachte er, so gut es ging, die dürftige Lagerstatt der Krank n in Ordnung, flößte ihnen die nöthige Medicin ein und bestieg schließlich sein Pferd, um wieder fortzureiten.
„Ich werde ihnen eine Wärterin schicken," murmelte er, indem er noch einen bedauernden Blick auf die unglückliche Nachkommenschaft des Froschfängers warf.
Aber dieser Vorsatz war leichter gefaßt als ausgeführt.


