Ausgabe 
25.12.1897
 
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mußte sich vor Schrecken an einer Stuhllehne festhalten. Kaum konnte sie die Worte hervorbringen:Ich lasse die gnädige Frau inständig bitten, ich habe ein krankes Kind zu Hause . . ."

Ein krankes Kind! O, davon lassen Sie nur ja nichts hören. Die Gnädige nimmt sonst das Kleid gar nicht cm; sie hat eine schreckliche Furcht vor Ansteckung," und damit war das Mädchen in dem Weihnachtszimmer verschwunden.

Die arme Frau wankte die Treppe hinab; vor dem Haus mußte sie sich an die Mauer lehnen, und beide Hände vor die Augen gepreßt, stöhnte sie laut auf. Was nun? Wohin sich wenden? Wohl hatte sie von mehreren Damen noch Bezahlung zu fordern; aber die eine hatte gleich bei der Bestellung gesagt, daß sie immer erst nach Neujahr be­zahle und die andere würde ihr gewiß die Kundschaft ent­ziehen, wenn sie an Bezahlung mahnte. Sie hatte schon öfter diese Erfahrung machen müssen. Und nun gar heute, am Weihnachtsabend. Nein, sie mußte einen andern Ausweg finden. Sie sann und sann; kein Werthgegenstand mehr in ihrem Besitz, Alles verkauft oder versetzt. Sie hätte gerne ihren Mantel in's Pfandhaus getragen, wenn das so spät möglich gewesen wäre. Es war bitter kalt, aber sie fühlte die Kälte nicht, sie mußte eilen, heim zu kommen und fahren durfte sie nicht; ihre Baarschaft reichte knapp für das Fleisch und das Säftchen, und davon hatte sie schon einen Groschen für die Hinfahrt ausgegeben. Wie lange war sie fort! Eine schreckliche Angst ergriff sie. Vielleicht lag Fritzchen im Fieber und rief nach ihr und Niemand war da, der seine fieberheiße Stirne kühlte und seinen Durst löschte. Und während sie voll Angst dahineilte, strahlten in den Fenstern neben ihr die Lichter an den Weihnachtsbäumen auf, hörte sie jubelnde Kinderstimmen. Der Schmerz, die Verzweiflung krampfte ihr Herz zusammen.Nur nicht weinen lassen," hatte der Doctor gesagt. Und nun, wenn das Christkind ihm gar nichts bri ^ritzchen weinen und das wird viel­

leicht sein

SD, gutes, einziges Kind," stöhnte die

arme Fn hing sich wie ein Bleigewicht an

ihre Füße; als sie in die Nähe ihres Hauses kam, mußte sie einen Augenblick stehen bleiben und Athem holen.

Da drang ein klagendes Sümmchen in ihr Ohr, das leise Wimmern eines Thieres. Sie spähte, woher es kam und entdeckte, an ein Kellerfenster gedrückt, ein weißes Kätzchen. Es zitterte vor Kälte. Voll Mitleid nahm die Frau das Thierchen auf den Arm; es sollte nicht verkommen in Hunger und Kälte. Und da kam es wie eine plötzliche Eingebung über sie: das Thierchen hat das Christkindchen gebracht.

Sie eilte ihrem Hause zu, sie hastete die Treppen hin­auf; leise öffnete sie die Vorthüre und lauschte; völlige Ruhe im Zimmer. Rasch gab sie dem Kätzchen etwas Milch und entzündete die Kerzenreste an dem Weihnachtsbäumchen, die noch vom letzten Jahre stammen. Damals sollten sie am NeujahrSabend abgebrannt werden. Da brach das Unglück über die Familie herein: ein Todtkranker lag der Vater dar­nieder, und nach wenigen Tagen verließ er Frau und Kind für immer. Nun steckten die halb abgebrannten Kerzchen am neuen Bäumchen; die alten Glaskugeln und vergoldeten Msfe hingen daran, aber nicht ein einziges Stückchen Confect. Auf dem Gipfel prangte der alte Weihnachtsengel. Er hatte eine blaue Florbinde mit Goldfranzen um den Leib. Diese nahm die Frau ab und band sie dem weißen Kätzchen um den Hals und das Thierchen auf dem Arm, das strahlende Weihnachtsbäumchen in der Hand, trat sie in das Zimmer.

Fritzchen saß im Bette auf und schaute mit großen Augen in das strahlende Licht. Da setzte die Mutter das Kätzchen auf das Bett des Kindes:Sieh, mein Herzchen, das hat Dir das Christkindlein gebracht," sagte sie. Ueber das blaffe Gesichtchen des Kindes ging ein heller Freuden­schimmer. Mit einer Art frommer Scheu betrachtete er das

, Thierchen und wagte kaum, es zu berühren; nur ganz schüch­tern streichelten seine mageren Händchen über das weiche Pelzchen. Ein lebendiges Thierchen hatte ihm das Christ- kindlein gebracht! Um wie viel schöner war doch dieses als die gemalten, die er sich gewünscht; die arme Mutter, die so viel Angst ausgestanden, war glücklich und dankte Gott, daß er ihr das Thierchen in den Weg geführt. Als sich nun Miezchen dicht an Fritzchens Seite hinkauerte und leise zu schnurren begann, da wurde des Kindes Freude immer größer.

Schau nur Mutterle, wie mein Mietzele daliegt; horch nur, wie es schnurrt", rief er immer wieder aus. O wie gern wollte er das Thierchen haben, das ihm das Christ­kindlein selbst gebracht.

Alle Thiere sind uns vom lieben Gott gegeben, Fritz­chen", sagte die Mutter,wir müffen alle gern haben." Fritzchen wollte sie auch aste gern haben, aber vor allen doch sein Mietzchen, das ihm gehörte und das er vom lieben Christ­kindlein erhalten.

Als am nächsten Tag der Doctor kam, blieb er erstaunt unter der Thüre stehen. Fritzchen saß aufrecht im Bett und jubelte laut über die lustigen Sprünge eines weißen Kätz­chens, das mit einem Knäuel spielend im Zimmer umherrannte.

War hier ein Wunder geschehen?

Ja, die Freude hatte ein Wunder gewirkt. Als die Frau den Arzt aus dem Zimmer geleitete, erzählte sie ihm wie alles gekommen. Erst jetzt wurde ihm die ganze Noth der armen Familie klar. Er war ein guter Mann, der sich auch in seinem ärztlichen Beruf ein mitleidiges Herz bewahrt, hatte. Sofort sorgte er, daß die nothwendigen Lebensmittel beschafft wurden und er that noch mehr. In einigen Tagen kamen Geschenke aller Art, Spielsachen, Bilderbücher, Kleider für das kranke Fritzchen an; der Doctor hatte die rührende Geschichte von dem Weihnachtsabende des armen Kindes in einigen Familien erzählt, wohin sein Beruf ihn führte.

Von da an nahm das Geschick der armen Leute eine glückliche Wendung. Die Kundschaft der Frau mehrte sich so, daß sie bald eine größere Anzahl Gehilfinnen aufnehmen mußte.

Fritzchen wurde unter der guten Pflege, die ihm sein Mütterlein nun bieten konnte, bald ganz gesund. Er zeichnete jetzt sein liebes Kätzchen in allen möglichen Stellungen und alle Damen, die zu seiner Mutter kamen, wollten solche Katzenbildchen haben. Aus dem kleinen Künstler werde ein großer werden, wenn er die nöthige Ausbildung erhalte, prophezeiten sie. Zu dieser Ausbildung konnte Fritzchens Mutter jetzt die Mittel bieten und er erfüllte die Erwartungen, die man in ihn gesetzt; er wurde ein Künstler von Gottes Gnaden. Ich habe ein Bild von ihm gesehen, das mich tief ergriff; es stellte ein krankes Kind dar, das in seinem Bett- chen sitzt und mit einem seligen Freudenschimmer auf dem blaffen Gesichtchen nach der Thür blickt, in die eben eine Frau mit einem lichtumfloffenen Weihnachtsbäumchen und einem weißen Kätzchen im Arm eingetreten ist. Ich werde das Bild nie vergessen.

Christnacht auf dem Meere!

Das Schiss zieht dahin durch Sturm und durch Nacht I An Bord steht der Seemann auf einsamer Wacht!

Der Weihnachtsbaum strahlt in der Heimath wohl heut', Eiskalt ist's auf Wacht! Doch die Pflicht gebeut!

Zu Raaen und Mast blickt der Seemann hinauf, Sein Christbaum ist's nun, mit Lichtern darauf!

Auch die Sterne sind Lichter, die blinken so klar

Zwischen wallender Wolken finsterer Schaar.

Und die Winde heulen den Weihnachtsgesang, Dazu brausen Wogen den Orgelklang.

Und der Seemann betet auf einsamer Wacht: Gott schütze die Schifffahrt in hefliger Nacht!"

August Gotthard.

Sebactien: SK. Scheyda. Druck uab Verlag der Brühl'scheu UmvrrsttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.