Das Haus der Schatten.
Roman von Robert Kohlrausch.
(Fortsetzung.)
Außer den beiden Männern fand sie nicht viel zu sehen in dem einfachen Gemach. Ein eisernes Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle, ein Wandbört mit ein Paar Büchern, ein Kleidergestell und ein zweiter, ziemlich großer Tisch, das war Alles. Die Wände waren weißgetüncht und, mit Ausnahme einer einzigen Stelle, ganz ohne Schmuck. Hier aber, über dem Tische, der an der Mauer zur Rechten des Fensters in gutem Licht aufgestellt war, befand sich eine seltsame Zierde. Ein Kruzifix, das mit seinem Ebenholzkreuz und der silbernen Christusgestalt von der Aermlichkeit der Umgebung auffallend abstach, bildete den Mittelpunkt. Umgeben war es in ovalem Kranz von sieben schön gearbeiteten, duukelrothen Rosen. Ein breiter Streifen aus Papier oder Stoff, in den sieben Regenbogenfarben schillernd und leuchtend, war darüber befestigt und zeigte in großen, goldenen Buchstaben das eine Wort: „Excelsior!“ Ein ähnlicher, kleiner Streifen aus weißem Carton aber war unten in geringer Höhe über der Tischplatte angebracht- er trug in schwarzem, deutlichem Druck den Spruch aus dem „Nathan": „Das kleinste: Reichthum. Und das größte: Weisheit." Jetzt eben fiel ein zartes Reflexlicht auf diesen bedeutungsvollen Schmuck, und in dem milden Wiederschein des abendlichen Glanzes schien die Christusgestalt mit einem silbernen Schimmer zu leuchten, schienen Gold und Regenbogenfarben zu einem strahlenden Einklang zu verschmelzen, die Rosen sich weiter und schöner zu entfalten.
Absonderlich wie der Wandschmuck war die Tracht des Mannes, der am Fenster saß. Trotz der geringen Höhe des Zimmers war dort noch eine Art Thron, ein ziemlich großes
Dienstag d« 26. Jamm.
1897.
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s fiel einst einem alten Weisheitslehrer
Die herbe Wahrheit ein:
Schwer hat ein König Freunde, doch noch schwerer
Jst's, eines Königs Freund zu sein.
Alb. Roderich.
Vertrauen nicht zu zeigen, ist schon Mißtrauen. G. W.
Manchen lernt man erst als Feind schätzen. H. M.
hölzernes Podium in den Raum hineingebaut, und hier kniete die gebeugte Männergestalt vor der anderen, die aufrecht im vollen Lichte dasaß. Ein langes Gewand aus hellgrauem, braunumsäumtem Wollstoff umwallte sie und gab ihr Aehnlich- keit mit den Bildern der christlichen Apostel, die in solcher Kleidung dargestellt werden. Das hagere, scharf geschnittene Gesicht erinnerte an Dürers Johannes, nur daß Kopf und Züge älter waren, und Haar und Bart von grauweißer Farbe lang herabwallten. In den großen, grauen Augen zeigte sich eine schlummernde Gluth, die nur auf einen Funken zu warten schien, um hell emporzuflammen.
Jetzt waren die Augen gedankenvoll in die Ferne gerichtet, und die eine Hand ruhte auf den gefalteten des knieenden Mannes.
„Stehen Sie auf, mein lieber Sybel," sagte der ältere Mann jetzt in sanftem, aber bestimmtem Ton. „Mit Klagen schaffen wir kein Leid aus der Welt."
Mühsam, als schmerze ihn jede Bewegung, erhob sich der Andere. „Sie wissen nun Alles," sagte er leise. „Sie sind der Einzige, bei dem ich noch Trost zu finden gehofft habe. Mein Glück steht vor mir, aber ein Schatten steht zwischen mir und meinem Glück!"
Da er keine Antwort fand, trat er von dem Thron herab und betrachtete mit einem leeren Blick das Kruzifix, die Rosen und die Worte an der Wand. Seine Gedanken waren nicht bei dem, was er sah; mit plötzlicher Lebhaftigkeit, der raschen Empfindung seiner Natur gehorchend, wandte er sich wieder zu dem Alten am Fenster und rief: „Ist es denn nicht wahr? Wäre mir's nicht besser gewesen, ich wäre nie hereingekommen in dieses Haus, das mir in Wahrheit ein Haus der Schatten geworden ist? Hier erst habe ich sie kennen gelernt, die Schatten dieses elenden menschlichen Lebens, die Sorge und den Schmerz und die Hoffnungslosigkeit!"
„Die beiden schwärzesten Erdenschatten doch noch nicht: die Schuld und die Reue."
„Nein, Gott sei Dank, die noch nicht! Aber weil ich sie nicht kennen lernen will, darum muß ich so leiden!"
„Mein armer Freund, Sie sind noch jung und wundern sich darum über die Schatten auf Ihrem Wege. Und doch ist dies Haus der Schatten nur im Kleinen ein Abbild dieser Welt der Schatten. Sie gehören zu ihr und sind nichts Anderes,- als eine Mahnung, ein Erziehungsmittel, als die Wegweiser zu einer höheren Entwickelung."
Er hatte, während er sprach, aus das winterliche Bild hinausgeschaut, das in der ermattenden abendlichen Helle weithin sich dehnte und in der Ferne in leise flimmerndem


