„Du wirst sie haben, wenn Du das Eisen schmiedest, so lange es heiß ist!"
Ein Hornsignal erschallte vom Thurm.
„Es ist Essenszeit!" fuhr die Baronin fort: „Sieh, dort blühen rothe Rosen am Stock, lege sie Fränzchen auf den Teller!" (Fortsetzung folgt.)
Ein Weihnachtsabend.
Von Meta Behringer.
„Mutterle, gelt, Du machst heut' Abend das Küchenfenster auf, daß 's Christkindlein gleich herein kann," sagte ein mattes Sümmchen zu der blassen Frau, die nähend am Fenster saß.
Der gramvolle Ausdruck ihres Gesichtes wurde noch trauriger, als sie seufzend erwiderte: „Gewiß, Fritzchen, ehe ich mit der Arbeit fortgehe, mach' ich es auf."
„Nicht wahr," ertönte wieder das Stimmchen aus der Ecke, wo ein Kinderbett stand, „nicht wahr, Mutterle, ich war schon brav und das Christkindlein bringt mir auch was recht Schönes."
„Ja, mein Herzchen, Du warst ganz brav- aber Du weißt, wir wohnen im Hinterhaus und bis das Christkindchen zu uns kommt, hat es schon die meisten Sachen vorn abgegeben."
Ach, die Bescheerung würde ja nur gar so mager ausfallen und da war's besser, daß Fritzchen sich keine vergeblichen Hoffnungen machte. Aber als das Kind mit weinerlicher Stimme anhob: „Ich hab' doch alle Tage zum lieben Christkindlein gebetet und ich hab's ihm doch immer gesagt, was ich so gern hätte," da fragte die Mutter: „Nun, Fritzchen, was hättest Du denn gar so gern?"
„Ein Bilderbuch, Mutterle, ein recht schönes Bilderbuch mit vielen Thieren und dann ein Heft, in das ich sie ab- zeichnen kann."
Die Frau seufzte. „Fehlt Dir was, Mutterle?" frug Fritzchen und Thränen zitterten in dem schwachen Stimmchen.
„Nein, mein Herzchen," erwiderte rasch die Frau, indem sie zu dem kleinen Knaben trat und sich zu einem heiteren Lächeln zwang.
„Das Kind darf nicht weinen, sonst kann es sehr schlimm werden," hatte der Arzt gesagt. Fritzchen sah forschend in das Gesicht der Mutter- er las es ihr ja an den Augen ab, wenn sie traurig war, und dann flössen seine Thränen unaufhaltsam. Die Frau legte eine Hand auf die fieberheiße Stirn, die andere auf das Herz des Kindes. In der kleinen Brust hämmerte es in raschen Schlägen. Fritzchen streichelte zärtlich die Hand der Mutter. Sie beugte sich nieder und küßte das schmale Gesichtchen. Ihr Herz war zum Zerspringen voll- sie hätte hinausschreien können vor Weh.
„Liebes, liebes Mutterle!" sagte der Knabe.
„O, werde mir nur wieder gesund, dann ist Alles gut," stöhnte sie und Fritzchen tröstete das Mütterlein und versprach es ihr fest, .er werde bald gesund. „Weißt Du," sagte er, „der liebe Vater ist ja jetzt im Himmel und da bittet er schon das Chrtstkindlein, daß es mich bald gesund werden läßt."
„Gebe es Gott," seufzte die Frau, indem sie mit fiebernder Hast ihre Arbeit wieder aufnahm.
Es war ein blaues Sammetkletd, das diesen Abend auf dem Weihnachtstisch eines jungen Mädchens liegen sollte. Mit dem Arbeitslohn konnte die Sehnsucht des kleinen Herzens, das so wild in der kranken Brust schlug, gestillt werden und — o, vielleicht brachte die Freude Rettung vor dem drohenden Tode.
Ruhig lag das Kind - die Mutter glaubte, es wäre eingeschlafen. Da auf einmal hörte sie sein leises Stimmchen das Lied hersagen, das Fritzchen vor einem Jahr zu Weihnachten gelernt hatte:
In der Krippe lag das Kindlern, Lag bei Ochs und Eselein, Und von seinem Angesicht Strahlte aus ein helles Licht. O, leucht' mit Deinem Gnadenschein In uns're Nacht, lieb's Jesulein! In alle Herzen leucht' hinein, Daß sie erwärm' die Liebe Dein. Vor ihrer Gluth die Noth verschwind' — Das gieß, o liebes Jesukind.
„Und gieb mir auch ein schönes Bilderbuch," setzte Fritz, chen noch hinzu.
„O, leucht' mit Deinem Gnadenschein In uns're Nacht, lieb's Jesulein*
wiederholte leise und inbrünstig die Frau, und Thränen rannen ihr über die schmalen Wangen. Sie gedachte der letzten Weihnachten, wo noch der liebe Vater bei ihnen war, wo das Kind, noch frisch und rosig, jubelnd unter dem Weihnachtsbaume stand.
Der letzte Stich war gemacht. Die Frau legte das Kleid sorgfältig in eine große Schachtel, und indem sie zu dem Bette trat, sagte sie: „Ich muß Dich'jetzt allein lassen- aber mein Fritzcheü fürchtet sich ja nicht- gelt nein."
„Ich bin ja immer allein, wenn Du fortgehst- weißt Du, ich bet' immer zum lieben Christkindlein und da fürcht' ich mich gar nicht. Aber komm' heut' nur bald heim, damit Du da bist, wenn's Christkindlein kommt," sagte Fritzchen und legte die Aermchen um den Hals der Mutter, die sich zu ihm herabbeugte.
„Ich bringe Dir auch ein gutes Säftlein mit und etwas Fleisch, damit Du morgen ein kräftiges Süpplein bekommst, mein Herzchen." Ein Blick unendlicher Liebe begleitete diese Worte, mit denen die Frau das Zimmer verließ.
Schon dunkelte es. In den Fenstern des Vorderhauses wurde es allmälig hell. Mehr und mehr erglühte die Mondsichel am Firmament. Ihr Licht füllte das Stübchen mit einem solchen Glanze, daß Fritzchen me-.nte, das Chrtstkindlein würde nun gleich kommen. Ganz ruMg tag er da und lauschte, ob er nicht den Flügelschlag oer ^nglein hörte, die es begleiten. Leise, ganz leise lispelte er: „Und von seinem Angesicht strahlte aus ein helles Licht." Das Licht blendete seine müden Augen- er schloß sie und betete leise immerfort: „In alle Herzen leucht' hinein . . . daß sie . . . daß die Noth . . . Bilderbuch . . . Jesulein . . ." Fritzchen war eingeschlafen.
Als die Frau im Hause ankam, wo das Kleid auf dem Weihnachtstische Prangen sollte, rief ihr das Stubenmädchen entgegen: „Aber Frau Möller, wie spät kommen Sie, die gnädige Frau ist schon voll Ungeduld." Sie nahm die Schachtel und trug sie in ein Zimmer, aus dem heller Lichterglanz strömte. Frau Möller wartete. Es wurden noch immer Weihnachtsgaben gebracht, wunderschöne Spielsachen: eine Puppe, die wie ein schlafendes Kind in einem reizenden Kinderwagen lag, eine prachtvolle Küche, ein kleiner Dampfer und noch manches Andere. Frau Möller mußte beim Anblicke all' dieser Pracht daran denken, wie schon ein einfaches Bilderbuch ihr Kind glücklich machen würde. Nun wurde auch noch ein Fahrrad gebracht. Während es in das Weth- nachtszimmer geschafft wurde, blieb die Thür längere Zeit offen stehen, da sah die Frau, wie ein Diamantenschmuck gegen das Licht gehalten wurde. Es war ein wunderbares Funkeln- farbige Blitze schossen hin und her. Ein Seufzer entrang sich der Brust der Frau. Es mochte der Gedanke in ihr aufsteigen: Ein einziger solcher Stein und ich könnte mein armes Kind gesund pflegen. Endlich kam das Stubenmädchen und gab Frau Möller die Schachtel zurück. „Die Rechnung liegt bei dem Kleid, sie ist schon quitnrt," sagte diese bescheiden. Mit einem unwilligen Gemurmel über so viel Plackerei am Weihnachtsabend entfernte sich das Mädchen und brachte gleich darauf die quittirte Rechnung zurück mit dem Bescheid: die gnädige Frau bezahle erst, wenn das Kleid probirt und als völlig paffend befunden sei. Die Frau


